Politikunterricht schon in der Grundschule

Ängsten mit Wissen begegnen

In Deutschland wird Politik in der Grundschule bisher kaum unterrichtet. Studien zeigen jedoch: Damit Kinder als mündige Bürger einer Gesellschaft lernen, eigenständig zu urteilen und zu handeln, ist eine politische Bildung von klein auf wichtig.

 

Seit einem halben Jahr unterrichtet Anne Niehues in ihrer zweiten Grundschulklasse auch Politik – um zu informieren und Vorurteile abzubauen. Foto: Anna Weßling

Über eine Million Flüchtlinge sind mittlerweile nach Deutschland eingewandert. Mancherorts macht sich das jedoch noch nicht bemerkbar, zum Beispiel in einigen Stadtteilen Hamburgs. Die wenigsten Kinder der katholischen Schule St. Antonius in Winterhude sind bisher mit Flüchtlingen in Berührung gekommen. Lediglich über Nachrichten und Gespräche der Eltern dringen Informationen zu ihnen vor – meist ungefiltert.

Unwissenheit kann schnell zu Vorurteilen führen, weiß die Klassenlehrerin der 2c, Anne Niehues, und hat sich vorgenommen gegen diese mögliche Entwicklung anzugehen: Seit dem vergangenen Herbst gibt sie in ihrer Klasse auch Politikunterricht und greift ganz explizit das Thema Flucht auf. „Die Kinder hören sehr viel, können es aber oft nicht richtig einordnen. Durch diese Ungewissheit entstehen Ängste. Wir versuchen, den Ängsten mit Wissen zu begegnen und so Vorurteile abzubauen.“

Der Politikunterricht findet häufig spontan morgens statt – wenn ein Kind etwas gehört hat und darüber reden will. „Es ist total schrecklich, wenn man daran denkt, dass die Leute fliehen müssen, weil in ihrem Land Krieg herrscht“, sagt Trixi. „Das will man sich gar nicht vorstellen, wie das wäre, wenn hier eine Bombe einschlägt.“ Wieso zerstört Assad sein eigenes Land, fragen sich die Kinder. Weil er noch mehr Macht haben will, schlägt jemand vor. Und warum ist der IS so gemein? Den Terrorleuten ist ihr eigenes Leben egal, das hat man schon 2001 beim World Trade Center gesehen, lautet die Antwort eines Mitschülers.

Oft gibt Anne Niehues vorbereitende Hausaufgaben auf, bei denen sogar die Eltern einbezogen werden, etwa beim gemeinsamen Schauen der „Tagesschau“ oder der Kindernachrichten „logo“ auf Ki.KA. Einige Eltern waren zunächst besorgt, ob das Thema Krieg nicht zu schwer für die Kinder sei. Doch Anne Niehues beginnt anders und lässt die Kinder zunächst Bilder von Syrien mit in die Schule bringen. Gemeinsam erarbeiten sie: Wie leben die Menschen dort, was essen sie, wie ist das Klima, kann man dort Urlaub machen, an welche anderen Länder grenzt Syrien? Das Land, aus dem viele Menschen hierherkommen, soll den Schülern nicht fremd bleiben.

In 20 Jahre alle mit Kopfbedeckung?

„Meine Mama und Papa sagen, da kommen auch Leute, die wollen nur Geld und ein schönes Haus“, sagt ein Schüler. Ein anderer ergänzt: „Die Flüchtlinge haben uns auch schon mal angegriffen.“ „Vorsicht mit so einem Satz“, warnt Anne Niehues. „Wir haben doch neulich schon darüber gesprochen, dass in einer großen Gruppe von Menschen natürlich auch böse Menschen dabei sind. Aber das heißt nicht, dass sich alle so verhalten.“

Wer die Beiträge der Schüler hört, erkennt: Politische Bildung und die richtige Nutzung der Medien hängen eng miteinander zusammen. So äußern die Schüler auch, dass es ja viel zu voll werden könnte, wenn noch mehr Menschen dazukämen. Manche erzählen, dass ihre Eltern besorgt über die anstehende Unterbringung von Flüchtlingen in ihrer Straße sind oder mutmaßen, dass in zwanzig Jahren vielleicht alle mit Kopfbedeckung herumlaufen müssten. Die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte thematisieren die Schüler ebenfalls. Clara sagt: „Diese Leute mögen Flüchtlinge nicht und dann denken sie sich einen bekloppten Grund aus, um sie anzugreifen und geben ihnen für ihre eigenen Probleme die Schuld.“

Anne Niehues stellt Gegenfragen, kommentiert die Überlegungen und arbeitet sich mit der 2c so Stück für Stück durch dieses vielschichtige Thema hindurch. An die Unterrichtseinheiten zu Syrien schließt sich das Thema Religion an. „Der Islam ist den Kindern ganz fremd – kein Wunder auf einer katholischen Schule. Nun geht es aber darum, sie damit bekannt zu machen“, so Niehues.

Mitten in der Stunde erzählen manche Kinder plötzlich beiläufig, dass ihre Großeltern auch Flüchtlinge sind. Woher sie denn kämen, fragt Anne Niehues nach. Es fallen osteuropäische Ländernamen und die Bemerkung, dass das alles geschehen sei, als die Großeltern selbst noch Kinder waren. „Mein Opa spricht nicht viel darüber“, sagt Hugo. „Aber als wir einmal auf einem Flohmarkt waren, haben wir zwei Flüchtlinge gesehen und weil mein Opa selber weiß, wie das als Flüchtling ist, hat er ihnen Geld gegeben.“

Anna Weßling