26.03.2015

Karin Büter und Hedwig Schepergerdes gehören zur Rufbereitschaft des Frauenschutzhauses

„Ab jetzt bin ich im Dienst“

Jeden Tag Angst und Schrecken: Wann wird er wieder zuschlagen? Manchmal hilft dann nur noch ein Anruf beim Frauenschutzhaus. Rund um die Uhr gibt es dort Hilfe – zum Beispiel von Ehrenamtlichen wie Karin Büter und Hedwig Schepergerdes.

Karin Büter schaut auf ihre Armbanduhr. „Kurz nach fünf“, stellt die 46-jährige Meppenerin fest und legt dann das schwarze Mobiltelefon vor sich auf die Tischplatte. „Ab jetzt bin ich im Dienst.“ Bis morgen früh um acht Uhr wird sie das Handy immer dabei haben: beim Abendbrot, vor dem Fernseher, auf dem Nachtschränkchen. Und gerade jetzt beim Treffen mit dem Kirchenboten. Wenn in den nächsten Minuten eine Frau bei ihr anruft, weil sie vor den Schlägen ihres Mannes flüchten muss – dann wäre unser Gespräch sofort zu Ende. Denn Karin Büter müsste gleich losfahren, um die Frau abzuholen und sie ins Meppener Frauenschutzhaus zu bringen.

Wird das Telefon heute klingeln? Karin Büter (l.) und Hedwig Schepergerdes werden Frauen, die in Not sind, dann ins Meppener Frauenschutzhaus bringen.                                                                                         Foto: Petra Diek-Münchow

Aber erstmal bleibt das Telefon still. Und Karin Büter kann sich in Ruhe neben Hedwig Schepergerdes (59) setzen, die auch bald wieder Dienst hat und sich mit ihr austauschen will. Die zwei Frauen gehören zur ehrenamtlichen Rufbereitschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen in Meppen. 14 Frauen machen dabei mit. Jeweils eine ist abends, nachts und am Wochenende lückenlos per Telefon erreichbar: vor allem für Frauen in Not, aber auch für dringende Auskünfte von Krankenhaus oder Polizei. Etwa zweimal im Monat hat jede von ihnen Dienst. Da kommen einige Stunden im Jahr zusammen.

Frauen engagieren sich für Frauen

Karin Büter schaut Hedwig Schepergerdes an. Beide sind schon lange dabei: die eine seit 2007, die andere seit 2004. Bei der Frage nach dem „Warum“ lächeln die Meppenerinnen, denn ihre Gründe gleichen sich. Beide erzählen, wie viel Glück sie bisher im Leben gehabt haben, dass es ihnen und ihrer Familie gutgeht, dass sie davon „etwas zurückgeben“ wollen. Sich ehrenamtlich zu engagieren, das gehört für sie deshalb einfach dazu: in der Schule, in ihren Kirchengemeinden, in sozialen Vereinen. Und daher haben sie auch die Anfrage des SkF nicht abgelehnt. „Frauen für Frauen, das liegt mir natürlich am Herzen“, sagt Karin Büter und Hedwig Schepergerdes nickt bei ihren Worten.

Nicht immer klingelt das Telefon bei jedem Dienst. Aber jeder dieser Fälle, jeder Schlag und jeder Hieb gegen eine Frau ist einer zu viel. „Ich hätte nicht gedacht, dass es das in Meppen so gibt“, sagt Karin Büter. Und gibt genau wie Hedwig Schepergerdes zu, dass sie anfangs überwältigt war: von der Anzahl der Frauen, von ihren Schicksalen, von so viel Leid. Von der SkF-Vorsitzenden Walburga Nürenberg und Frauenschutzhaus-Leiterin Cordula Glanemann wissen beide, dass im ländlichen Raum dieses Thema manchmal kleingeredet wird. Man spürt, das ärgert sie. Was für Geschichten sie hören, damit halten sich die zwei Helferinnen zurück. Sie gehen nicht gern in Details, weil sie die Frauen schützen müssen und wollen. „Es sind schreckliche Geschichten“, sagt Hedwig Schepergerdes und schüttelt betroffen den Kopf. Von Frauen, die jahrelang Demütigungen und Schläge aushalten, bis sie nicht mehr können. Von Kindern, die alles mithören und mitansehen. Wenn eine Frau dann in ihrer Not anruft, warten die Helferinnen nicht lange. Holen sie entweder bei der Polizei oder einem Treffpunkt ab. Bringen sie ins Frauenschutzhaus und bieten vorsichtig ein Gespräch an. Informieren die SkF-Mitarbeiterinnen und schauen einige Tage danach noch mal nach dem Rechten.

„Dafür mache ist das, dafür ist das Haus da“

Natürlich lassen solche Erlebnisse das Team der Rufbereitschaft nicht unberührt. „Das nimmt einen schon mit“, sagt Hedwig Schepergerdes nachdenklich. Und Karin Büter erzählt, dass mancher Einsatz sie noch lange beschäftigt. Dass sie sich viel später manchmal fragt: Was ist aus der Frau geworden? Wie geht es ihr heute? Wenn sie dann hört, dass die eine oder andere einen Weg gefunden hat und sich eine neue Zukunft ohne Gewalt aufbauen kann, ist sie sicher: „Dafür mache ich das, dafür ist das Haus da“. Wieder blickt sie auf das Handy auf dem Tisch, bei unserem Gespräch ist es bis jetzt stumm geblieben. Aber das kann sich schon in den nächsten Minuten ändern. Ab jetzt ist Karin Büter im Dienst.

Von Petra Diek-Münchow

 

 

Auszeichnung für das Team

Der Sozialdienst Katholischer Frauen (SkF) unterhält seit 1991 ein Frauen- und Kinderschutzhaus. Im vergangenen Jahr suchten dort 61 Frauen mit 62 Kindern Zuflucht. Die jüngste Frau war 19 Jahre alt, die älteste 77 Jahre. Sie können dort zur Ruhe kommen, Erlebnisse verarbeiten und Perspektiven entwickeln. Das Haus ist unter Telefon 0 59 31/77 37 rund um die Uhr zu erreichen. Außerhalb der Bürozeiten übernimmt ein Team von 14 ehrenamtlichen Frauen die telefonische Rufbereitschaft. Von 17 Uhr bis acht Uhr morgens sowie an Wochenenden und Feiertagen ist jeweils eine Helferin für Frauen in Not oder für Auskünfte zu erreichen. Für diesen Dienst ist die Rufbereitschaft des SkF kürzlich mit dem niedersächsischen Ehrenamtspreis „Unbezahlbar und freiwillig“ ausgezeichnet worden.

Informationen über den SkF Meppen gibt es hier.