17.11.2015

Niels-Stensen-Akademie: Über den Umgang mit der Zeit

„Befreiung aus dem Hamsterrad"

Zu welchem Preis bemühen wir uns um Wohlstand und Karriere? Der Wissenschaftler und Autor Fritz Reheis wirbt für ein Haushalten mit der Zeit zugunsten der wirklich wichtigen Dinge im Leben. Er ist in diesem Jahr Gastredner der Niels-Stensen-Akademie.

 

Entschleunigung ist sein großes Thema: Autor
und Wissenschaftler Fritz Reheis. Foto: privat

Unsere Probleme sind darauf zurückzuführen, „dass wir uns keine Zeit nehmen für das, was wirklich wichtig ist im Leben“, sagt Fritz Reheis. Der Professor am Lehrstuhl für Politische Theorie in Bamberg ist seit kurzem im Ruhestand. Jetzt will er sich Zeit nehmen für Vorträge über die Ökologie der Zeit, über Entschleunigung und über die „Befreiung aus dem Hamsterrad“. So heißt der Vortrag, den er in der Aula der Universität Osnabrück über „individuelle und gesellschaftliche Perspektiven der Entschleunigung“ halten wird.

Insbesondere in der Politik bleibt die Kommunikation oft auf der Strecke, wird ein Problem nicht mehr ausdiskutiert. Die Folge ist, dass Menschen und ihre Überzeugungen übergangen werden, dass man sich nicht mehr zuhört und dass ein demokratischer Dialog nicht mehr ausreichend stattfinden kann. Reheis fordert daher einen Perspektivenwechsel. Christen müsse eine „Ökologie der Zeit“ am Herzen liegen, die nicht mehr zulässt, dass „Geld die Welt beherrscht zu Lasten der Umwelt und des Menschen“. Manches wie der Atom- und Fossilausstieg müsse allerdings schneller geschehen, manches aber eben deutlich langsamer: Der Mensch braucht Zeit für „Spiritualität und Beziehungen“. Familien brauchen die Möglichkeit, sich um Kinder, Alte und Kranke zu kümmern, Erwerbstätige brauchen Zeit für soziales und politisches Engagement und zum Aufatmen.

Die Einsicht, dass Geld und Gewinnmaximierung in die Irre führen, ist „Ausgangsdiagnose“ für Reheis’ Überzeugungen. Das Ziel, immer mehr Geld anzuhäufen, verkennt „den eigentlichen Sinn des Wirtschaftens: die Versorgung der Menschen mit Gebrauchswerten“. Im extremen Kapitalismus streben Unternehmen nach immer mehr Gewinn und müssen dafür immer schneller und immer mehr produzieren. „Geld kennt keine Pausen oder Rücksicht auf physische Begebenheiten“, stellt Reheis fest. Sichtbare Beispiele dafür sind die Massentierhaltung und die Industrie, in der ethische und Qualitätsstandards zu kurz kommen und die den Planeten ausbeuten und überfordern. „Das Tempo ist selbstzerstörerisch“, jeden Tag werden so viele fossile Stoffe verbraucht, wie sie erst „in 1000 bis 10 000 Jahren nachwachsen können“. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander und die Menschen  geraten immer mehr in die Abhängigkeit von Unternehmen und ihren Interessenvertretern, den Lobbys.

„Wir brauchen eine Politik der Zeit“

Reheis selbst besteht seit Jahrzehnten auf seinen ausgiebigen Mittagsschlaf. Als er Zeit für seine Familie brauchte, arbeitete er nur noch halbtags – für halbes Gehalt. Im Urlaub verzichtete er auf schnelle Verkehrsmittel und war stattdessen mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs. Aber nicht jeder ist in der privilegierten Lage, sich diese Zeit einfach nehmen zu können, weiß Reheis. Zwar müsse jeder Einzelne sich fragen: „Was tut mir wirklich gut? Was brauche ich wirklich?“ Eine Besinnung auf das Wesentliche sollte Aufgabe von Konsumenten und den Unternehmen sein. Doch müsse eine „Politik der Zeit“ jedem einen Rechtsanspruch auf Entspannung und Engagement außerhalb des Berufs zusichern. Eine „Weltinnenpolitik“ müsse verstehen, „dass sich nicht jedes Problem mit Geld lösen lässt“ und dass Zeit nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Fritz Reheis ist diesjähriger Gastredner der „Niels-Stensen- Akademie zur Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Religion“. Der namensgebende Bischof und Selige lebte von 1638 bis 1686. Er war Naturwissenschaftler und Theologe in einer Person. Gastgeber sind Bischof Franz-Josef Bode und der katholische Hochschulpastor Alexander Bergel. Heinz-Wilhelm Brockmann, Staatssekretär im Ruhestand, moderiert.

Philipp Adolphs

Mittwoch 25. November, 17 bis 19 Uhr in der Schlossaula der Universität Osnabrück, Neuer Graben 29