06.10.2017

Sitztanz für Senioren

„Das ist keine Hockergymnastik"

Sitztanz ist wesentlich mehr als nur eine spaßige Freizeitbeschäftigung für Senioren. Die Bewegung bringt den Kreislauf in Schwung, hält Gelenke fit und dient der Sturzprophylaxe. Auch das Selbstwertgefühl wird gestärkt, und neue soziale Kontakte können entstehen.

Auch der Spaß kommt nicht zu kurz: Teilnehmer eines Bewegungsseminars im Bonifatiuskloster im hessischen Hünfeld. Foto: Günter Wolf

Temperamentvoll gibt Liselotte Sorg ihre Anweisungen: „Unser Aufstieg auf den Berg wird anstrengender. Zur Unterstützung schwenken wir unsere Arme, schön abwechselnd und gleichmäßig im Takt. Jetzt sind wir oben angekommen und genießen die Aussicht. Dabei winken wir den Menschen im Tal zu.“  

Zwei Dutzend Frauen und Männer sitzen im Kreis, schwingen und tanzen begeistert aber auch konzentriert mit. Im Hintergrund läuft Musik – ein bekannter volkstümlicher Marsch. Sitztanz ist eine anspruchsvolle Herausforderung, wie sich schnell für alle herausstellt. „Was wir hier machen, das ist ja nicht nur eine Form von Sport im Alter“, erzählt die Kursleiterin, die schon seit über 45 Jahren im Bereich der Psychomotorik für Senioren aktiv ist. Die agile Mittachtzigerin leitet im Bonifatiuskloster Hünfeld den Studientag „Mit Bewegung im Sitzen aktiv bleiben“. Es macht allen sichtlich Spaß. In der Mitte des Kreises liegen bunte Tücher und kleine Holzsstöcke. Auch sie kommen noch zum Einsatz. 

Die Teilnehmer sind Menschen, größtenteils selbst im Rentenalter, die in ihren Gemeinden und Verbänden Sitztanz anbieten möchten. Für Lieselotte Sorg eine wichtige Betätigung, denn ältere Menschen sollen nicht nur physisch, sondern auch psychisch angesprochen und gefordert werden. 

Bewegung nicht als Belastung, sondern als Gewinn erleben

Dabei geht es weniger darum, den Tanz technisch perfekt auszuführen, sondern sich überhaupt zuzutrauen, ihn auszu­üben oder gar neu zu erlernen. Nicht als Belastung, sondern als Zugewinn für ihr Leben sollen ältere Menschen Bewegung erleben. Dabei beschränkt sich das Angebot nicht nur auf Bewegung, sondern fasst auch Gespräch und Vorträge, Unternehmungen sowie Feste mit ein.

Die studierte Pädagogin ist Jahrgang 1933 und seit den 1970er Jahren auf dem Gebiet der Psychomotorik bei älteren Menschen aktiv. Dabei hatte sie viele eindrucksvolle Erlebnisse – zum Beispiel mit einem älteren Mann in Bad Orb, der nach einem Schlaganfall motorisch eingeschränkt, aber geistig noch sehr rege war. Zur Überraschung derer, die ihn kannten – besonders auch zur Verwunderung seiner Ehefrau – blühte er bei einem Workshop für Senioren auf. Er war Musiker. Die Musik und die Bewegungsübungen, die dazu gemacht wurden, rissen ihn förmlich mit. „Ich habe zuvor niemanden erlebt, der dabei und danach so glücklich gestrahlt hat, wie dieser Mann“, erzählt die Kursleiterin.

Während des Kurses betont Liselotte Sorg mehrfach, dass es bei den Übungen nicht darum geht, was die Übungsleiter für tolle Sachen kennen oder können. „Nicht die Leiter und ihre Fähigkeiten stehen im Vordergrund, sondern die Leistungsfähigkeit des Teilnehmers, der sich bei alldem wohlfühlen, motiviert und bestätigt sehen soll“, erinnert sie immer wieder. Dabei weist sie entschieden jegliche Form von Geringschätzung dieser Tätigkeit ab. „Das ist keine Hockergymnastik, sondern tatsächlich anspruchsvoller Sport, der körperlich und geistig fordert und durch Ermutigung neue Selbsterfahrungen für Senioren eröffnet“, betont sie.

Ältere Menschen in soziale Gruppen einbinden

Im Wesentlichen geht es beim Sitztanz um drei Schwerpunkte: Über das psychomotorische Angebot soll erreicht werden, dass sich ältere Menschen regelmäßig in der Gruppe bewegen und Ausgleichsübungen durchführen. „Das hilft, zum Beispiel das tägliche Treppensteigen leichter zu bewältigen“, erklärt Lieselotte Sorg. Zudem gibt physische Betätigung auch Selbstsicherheit im Alltag. „Der aktive Mensch entwickelt weniger Ängste vor Herausforderungen und behält seinen Aktionsradius bei, erweitert ihn vielleicht sogar.“ Und schließlich gehe es darum, ältere Menschen in soziale Gruppen einzubinden und damit auch einer eventuellen Vereinsamung entgegenzuwirken.

Auch das Umfeld bis hin zur Gestaltung der Übungsräume sollte stimmen. Dazu zählt auch die richtige Temperatur: „Psychomotorik bedeutet aktiv werden und aktiv bleiben. Und das geschieht mit allen Sinnen, also Sehen, Hören, Riechen, Fühlen“, beschreibt Liselotte Sorg. Bei der Bewegung im Sitzen, und das wird bei den Übungen schnell sichtbar, können tatsächlich sehr viele Muskeln angesprochen und gefordert werden. Und auch die ausgesuchte Musik ist etwas, das die Älteren gleich anspricht – oft sind es Lieder oder Stücke, die sie noch aus ihrer Jugend kennen und wozu sie vielleicht bei Festen getanzt haben. 

Günter Wolf