15.06.2017

Künstlerin stellt Grafiken der „Lübecker Märtyerer" aus

„Das war heftig für mich"

Am 25. Juni gedenkt die Kirche der „Lübecker Märtyrer“. Im Osnabrücker Dom wird deshalb eine Ausstellung über Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard Müller und Karl Friedrich Stellbrink eröffnet. Julia Siegmund aus Nordhorn hat 16 raumhohe Grafiken dafür geschaffen.

In ihrem Atelier mitten in der Nordhorner Innenstadt arbeitet die Künstlerin Julia Siegmund. Dort hat sie auch den Zyklus zu den Lübecker Märtyrern geschaffen. | Foto: Petra Diek-Münchow

Stumm, die Augen fast geschlossen, hebt die Frau den Kopf gen Himmel. Fragen stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Fallen gleich Bomben herab? Wird es Trümmer regnen? Was wird morgen sein? Julia Siegmund braucht in ihrer Grafik nur wenige Linien, um die drohende Zerstörung von Leib und Leben, von Menschlichkeit und Freiheit anzudeuten. Und sie setzt ein Zitat von Johannes Prassek ins Bild. Wissend um die Gefahr für die eigene Existenz, bezieht der Osnabrücker Kaplan deutlich Stellung gegen den Nazi-Terror: „Wer soll denn sonst die Wahrheit sagen, wenn es nicht die Priester tun?“

Johannes Prassek gehört mit Hermann Lange, Eduard Müller und Karl Friedrich Stellbrink zu den vier „Lübecker Märtyrern“. Weil sie offen die Unmenschlichkeit des NS-Regimes angeprangert haben, werden sie am 10. November 1943 von den Nationalsozialisten ermordet. Julia Siegmund hat vor vier Jahren über das Leben und Sterben der vier Geistlichen den Grafikzyklus als große Fenstergestaltung für die Gedenkstätte in der Lübecker Herz-Jesu-Propstei geschaffen: 16 Bild-Text-Kompositionen, zuerst in eine Druckplatte geritzt und als Radierung ausgeführt, später auf halbtransparente Stoffbahnen übertragen. Ab dem 25. Juni sind die Werke der 43-jährigen Nordhornerin im Osnabrücker Dom zu sehen.

Sorgenvoller Blick: Dieses Bild zeigt einen Ausschnitt aus dem Zyklus
von Julia Siegmund.

Die Bildelemente, die Symbole, die Sprache – darin spürt man eine hohe Sensibilität und eine Nähe zur Kirche bei Julia Siegmund. Ihr Zyklus zu den „Lübecker Märtyrern“ war schon einmal in der Nordhorner St.-Josef-Kirche zu sehen. Siegmund kennt vor diesem Auftrag nicht alle Details der Ereignisse und informiert sich gründlich darüber: in den Tagebüchern und Predigten, in den Berichten über die Geistlichen. Was sie liest, trifft sie mit voller Wucht. „Das war schon heftig für mich. Es ging mir nicht gut in dieser Zeit, und ich habe mich noch ein ganzes Jahr nach diesem Auftrag theoretisch mit dem Widerstand in Deutschland befasst. Heitere Bilder zu machen, war mir lange nicht möglich.“ Das Schicksal der vier mutigen Priester zeigt ihr, wie zerbrechlich das Leben sein kann.

Dieses Thema zieht sich als bildnerische Technik der Plexiglasradierung durch alle 16 Grafiken. Splitter, Einschnitte, Bruchstücke, Trümmer bedrohen die schutzlos wirkenden Figuren. Nackte Ziffern erzählen von der unfassbaren Bürokratie des Mordens. Dagegen stellt die Künstlerin Zitate der Geistlichen: „Lieber sterben als sündigen“ steht viermal wie ein unumstößlicher Block auf einem der Tücher. „Welch eine erstaunliche Standhaftigkeit und Konsequenz“, sagt Julia Siegmund nachdenklich. „Wie hätten wir wohl damals gehandelt?“

Petra Diek-Münchow

 

 

Christusfest in Osnabrück

„Für Jesus Christus gemeinsam Zeugnis ablegen“ – unter diesem Leitwort steht ein ökumenischer Dank- und Bittgottesdienst am Sonntag, 25. Juni, um 17 Uhr im Dom in Osnabrück. In der Mitte des Reformationsjahres laden die evangelische und katholische Kirche mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zu einem Christusfest am 25. Juni ein.

Für die katholische Kirche ist dieses Datum der Gedenktag der Lübecker Märtyrer. Die drei Osnabrücker Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller und der evangelisch-lutherische Pastor Karl Friedrich Stellbrink wurden 1943 als Gegner des Nationalsozialismus hingerichtet. Der Gottesdienst verbindet die Ökumene der Märtyrer mit dem Gedächtnis an die gemeinsame Taufe der Christen.

Das Christusfest leiten Bischof Franz-Josef Bode, Landessuperintendentin Birgit Klostermeier und Pastor Günter Baum (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Osnabrück). Die Predigt hält Birgit Klostermeier. Zu diesem Gottesdienst wird im Dom außerdem eine Ausstellung der Nordhorner Künstlerin Julia Siegmund zu den Lübecker Märtyrern gezeigt. Sie ist bis 5. August täglich zu sehen.

Eine Führung zu der Ausstellung gibt es am Samstag, 22. Juli, um 15 Uhr und am Samstag, 5. August, um 10 Uhr.