22.09.2016

Neue Zukunft durch Frauen- und Kinderschutzhaus in Meppen

„Er hätte mich sonst umgebracht"

23. März 2006 – diesen Tag vergisst Tamara nie. „Da hat er mich das erste Mal geschlagen“, sagt die 36-Jährige. Heute will sie noch einmal darüber reden. Wie sie der Gewalt entkommen ist und sich ein neues Leben aufgebaut hat – dank der Hilfe im Frauen- und Kinderschutzhaus Meppen.

Wer hilft mir? Wenn Frauen geschlagen und gedemütigt werden, können sie Zuflucht und eine neue Perspektive im Frauen- und Kinderschutzhaus finden. Foto: pa

Ob sie ihren Vornamen nennen möchte? Tamara überlegt kurz und nickt entschlossen. „Ja – dieses Mal kann ich das. Ich habe keine Angst mehr. Mir geht es gut und es wird immer besser“, sagt die Emsländerin. Und ein selbstbewusstes, ein starkes Lächeln zieht sich über ihr Gesicht. Tamara will sich nie wieder vorschreiben lassen, was sie zu tun oder zu sagen hat.

Ihre aufrechte Haltung ist eine wunderbare Überraschung. Als wir uns vor knapp fünf Jahren im Frauen- und Kinderschutzhaus schon einmal getroffen haben, wirkte sie noch ganz anders: unsicher, zaghaft, mit einem bangen Blick in die Zukunft. Und auch ihren Namen wollte sie damals nicht nennen – aus Angst, ihr Mann könnte den Bericht lesen. Und sie dann wieder stoßen, schlagen, in den Bauch treten und vor den Augen der Kinder demütigen. Knapp vier Jahre lang hatte sie seine Gewaltausbrüche ertragen. Weil sie sich verpflichtet fühlte, die Familie zusammenzuhalten. Weil sie sich schämte. „Das sollte doch keiner wissen, was bei uns zu Hause alles passiert“, sagt sie leise.

Wenn Tamara davon erzählt, gibt es Momente, da schleichen sich Tränen in ihre Stimme. Und sie schüttelt den Kopf darüber, dass sie es so lange ertragen hat – bis zum 17. Februar 2010. Auch ein Datum, das sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. „Da hat er mich das letzte Mal geschlagen.“ Barfuß, nur mit den Kleidern auf dem Leib, flieht sie in das Meppener Kinder- und Frauenschutzhaus. „Er hätte mich sonst irgendwann umgebracht.“

Tiefe Narben in den Seelen der Kinder

In der Einrichtung des Sozialdienstes katholischer Frauen (siehe auch „Zur Sache) findet sie Sicherheit, Ruhe, Hoffnung und Hilfe. „Hier hat mein neues Leben angefangen“, sagt sie und schaut Leiterin Cordula Glanemann dankbar an. Sechs Monate bleibt sie. Länger als andere Frauen, aber nach ihren heftigen Erfahrungen ist das nötig. Sie braucht und bekommt viel Unterstützung durch das Team – bei Gesprächen mit Ärzten, Ämtern, Anwälten und Gerichten. Bei der Suche nach einer neuen Wohnung. Bei den Konflikten um das Sorgerecht und bei der Erziehung der Kinder.

Denn die Bilder, wie Papa die Mama schlägt, haben tiefe Narben in deren Seelen hinterlassen. Die Kinder sind zuerst mal zutiefst traurig und verschlossen, dann wieder maßlos wütend – stumme und laute Hilfeschreie. Erst nach Wochen erlebt Tamara, wie sie wieder fröhlich und fast unbeschwert loslachen. „Ich habe hier so viel Hilfe erhalten. Sonst hätte ich das alles nicht geschafft“, sagt sie noch einmal. Und sie möchte gern, dass auch andere betroffene Frauen davon erfahren. Damit sie wissen, wo es Hilfe gibt.

Noch immer hält die 36-Jährige den Kontakt zu Cordula Glanemann. „Ich habe noch Fragen“, sagt sie lächelnd. Die dicke blaue Akte auf dem Tisch zeugt davon. Aber jetzt wohnt sie in einer eigenen Wohnung. Erzählt stolz, wie gut es ihr heute geht. Wie gern sie in der Firma arbeitet, wie wunderbar die Kinder sich in der Schule machen und wie gut ihre neue Partnerschaft funktioniert. „Ich schaue wirklich optimistisch in die Zukunft“, sagt Tamara selbstbewusst. Hat sie ihre Erlebnisse wirklich alle verarbeitet? Sie weiß es nicht, im Hinterkopf stecken noch die Erinnerungen und manchmal brechen die Bilder wieder durch. Aber eins ist sicher: „Ich werde mir so etwas nie wieder gefallen lassen“, sagt sie energisch.

Petra Diek-Münchow

 

 

Zur Sache

Das Frauen- und Kinderschutzhaus in Meppen gibt es seit 25 Jahren. Träger ist der Sozialdienst katholischer Frauen. Seit 1991 haben dort nahezu 1200 Frauen mit fast 1400 Kindern Zuflucht vor körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt gefunden. Sie stammten aus dem mittleren und nördlichen Emsland. In dem Haus gibt es sechs Plätze für Frauen mit und ohne Kinder.

In der Regel können sie bis zu vier Monate bleiben. Ein Team mit Sozialarbeiterin Cordula Glanemann an der Spitze kümmert sich um die Betroffenen. Die Mitarbeiterinnen helfen ihnen dabei, zur Ruhe zu kommen und sich ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt aufzubauen. Und sie beraten die Frauen in vielen Bereichen: zum Beispiel in Erziehungsfragen, bei rechtlichen und medizinischen Themen, bei der Suche nach einer neuen Wohnung und bei der Haushaltsführung. Auch nach dem Auszug aus dem Frauenschutzhaus kann diese Beratung noch fortgesetzt werden.

Eine wichtige Aufgabe übernehmen die ehrenamtlichen Helferinnen. Die Rufdienstfrauen bekommen ein Diensthandy mit nach Hause, über das sie für Anfragen zu errreichen sind, um dann hilfesuchende Frauen im Frauen- und Kinderschutzhaus aufzunehmen. Damit ist die Einrichtung rund um die Uhr erreichbar. Wer bei der Rufbereitschaft mitmachen möchte, kann sich gerne melden.

Infos: Telefon 0 59 31/77 37, www.skf-meppen.de