12.05.2017

Alltagsleben der Religionen in Osnabrück

„Es gibt keinen Zwang"

Wie hältst du‘s mit der Religion? Spannende Frage. Fünf Osnabrücker, ein Jude, eine Muslima, eine orthodoxe Christin, ein Buddhist und ein Bahá’i, tauschten sich über Glauben und Alltagsleben in einem Podiumsgespräch aus.

Austausch über Glaubensleben in Osnabrück: Shimi Lang, Ceylan Sert, Biljana Dabic, Moderatorin Katrin Großmann (Beauftragte für den interreligiösen Dialog im Bistum Osnabrück), Iven Junge und Klaus Stakemeier (v.l.). Fotos: Jörg Sabel

Sie wurde nicht zwangsverheiratet, und ihr Kopftuch trägt sie freiwillig. Ceylan Sert räumt gleich mal mit Vorurteilen auf, die ihr immer wieder begegnen. „Für mich gibt es keinen Zwang, auch nicht im Glauben“, sagt die junge Muslima ins Mikrofon. Offen erzählt sie, dass ihre Eltern dagegen gewesen seien, dass sie so früh geheiratet habe. Und was das Kopftuch betrifft: „Meine Mutter wollte meine Tücher sogar verbrennen.“

Fünf Osnabrücker unterschiedlicher Religionen zeigen bei einer Podiumsdiskussion in der evangelischen St.-Katharinen-Gemeinde Gesicht. Sie sind keine religiösen Profis, sondern normale Gläubige, die erzählen, wie sie ihre Religion im Alltag leben, welche Widerstände es gibt und was sie sich für das Zusammenleben wünschen.

Als Muslima betet Ceylan Sert fünfmal am Tag. Kein Problem für ihren Arbeitgeber, die evangelische Jugendhilfe. Sie stellt fest: „Wer sein Handeln transparent macht, trifft oftmals auf Verständnis bei den Mitmenschen.“ Allerdings: Was die religiösen Speisevorschriften betreffe, sorge vor allem das koschere Essen im Judentum für so manches Kopfschütteln und schränke soziale Kontakte ein, bedauert Shimi Lang. So kommt es vor, dass der Kinder- und Jugendpsychologe zu Tagungen seinen eigenen Vorrat mitnimmt und kalt verzehrt, anstatt mit den Kollegen zu essen. Aber: Der Schabbat und das koschere Essen seien die Eckpfeiler seines Glaubens, deshalb gehe er da keine Kompromisse ein. Ansonsten versucht er, „das Judentum mit viel Freude zu füllen. Es ist schließlich kein Leistungssport“.

Hauspatron wird von Generation zu Generation weitergegeben

Biljana Dabić wurde in eine orthodoxe Familie hineingeboren und ist mit „viel Herz dabeigeblieben“. Die Mutter zweier Kinder gibt Einblick in ihre Fastenzeit: sieben Wochen vor Ostern, sechs Wochen vor Weihnachten, jeweils zwei Wochen vor den Festen Maria Verkündigung und Petrus und Paulus. „Wir fasten sehr streng, essen keinerlei tierische Produkte“, sagt sie. Wichtige Gebetshilfen sind die Ikonen, „unsere Fenster zu Gott“. Auf ein Alleinstellungsmerkmal der serbisch-orthodoxen Christen ist sie besonders stolz: „Jede Familie hat einen Hauspatron, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.“ Von ihrem Hauspatron, dem Erzengel Michael, hat sie deshalb ein Foto mitgebracht.

Biljana Dabić würde sich über mehr junge gläubige Menschen freuen. Ceylan Sert setzt sich für den interreligiösen Dialog ein. Shimi Lang wünscht sich mehr Akzeptanz in Sachen Glaubenspraxis; der Buddhist Iven Junge wiederum, „menschlich miteinander umzugehen“. Und Klaus Stakemeier von der Religionsgemeinschaft der Bahá’í sagt: „Ich wünsche mir, dass die Menschen erkennen, dass wir alle an denselben Gott glauben.“ Die Bahai glauben wie Juden, Christen und Muslime an Gott. Es ist eine junge Religion, erstmals verkündet 1863 vom Religionsstifter Bahá‘ u ’lláh im Iran. Die Bahai wollen die Einheit der Menschen in ihrer Vielfalt verwirklichen, sie glauben daran, dass das Göttliche für den Menschen nicht erkennbar ist, sich aber durch spirituelle Persönlichkeiten in verschiedenen Kulturen und Epochen offenbart. Zu diesen Persönlichkeiten zählen auch Moses, Jesus, Mohammed, Buddha, Krishna und andere Religionsstifter.

Anja Sabel

 

Zur Sache

Die Wanderausstellung „Religramme – Gesichter der Religionen“ ist aus Sicht der Veranstalter ein Erfolgsmodell. Die Schau über die religiöse und kulturelle Vielfalt Niedersachsens sei für 2017 bereits ausgebucht, sagte Initiator Wolfgang Reinbold zur Eröffnung in Osnabrück. Frauen und Männer aus 20 Religionsgemeinschaften geben darin Auskunft über sich und ihren Glauben. In Osnabrück ist sie noch bis zum 24. Mai zu Gast. Vom 24. Oktober bis 12. November ist sie in Bremen zu sehen.

Die Ausstellung ist in der Regel wochentags von 10.30 bis 16.30 Uhr, samstags von 11 bis 12.30 Uhr, sonntags nach dem Gottesdienst und von 14.30 bis 16.30 Uhr geöffnet. Veranstalter der Ausstellung ist die St.-Katharinengemeinde in Kooperation mit dem Bistum Osnabrück und dem Runden Tisch der Religionen.

Der Eintritt zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen ist frei. Weitere Informationen unter www.gesichter-der-religionen.de