30.08.2017

50 Jahre St.-Vitus-Werk in Meppen

„Ich fühle mich wohl hier"

Seit 50 Jahren kümmert sich das St.-Vitus-Werk in Meppen um Menschen mit Behinderungen. Eine Metallskulptur begleitet das Programm im Jubiläumsjahr – gebaut von Beschäftigten in einer der Werkstätten.

Gute Arbeit: Gruppenleiter Stefan Bittner (l.) begleitet die Beschäftigten in den Meppener Lohnbetrieben. Sie haben auch die „Vitus“-Skulptur für das Jubiläum gebaut (Foto unten). | Fotos: Petra Diek-Münchow

Über zwei Meter ist der „Vitus“ groß. Auf einer stabilen Bodenplatte setzt die Skulptur aus Stahlblech einen Fuß vor den anderen – scheint flott voranzuschreiten, in den ausgestreckten Händen ein Tablett. Für ein Geschenk, für eine Gabe? Die Figur lässt mehrere Deutungen zu. Aber eins ist sicher: Mit ihrem aufrechten Gang und dem erhobenen Haupt wirkt sie selbstbewusst, selbstbestimmt, selbstständig – und zeichnet damit viele Ziele des St.-Vitus-Werkes für Menschen mit Behinderungen nach. Im Jubiläumsjahr soll das Kunstwerk darauf aufmerksam machen.

Erwin Müller (Name geändert) schaut auf die Figur. Der 46-Jährige gehört zu den drei Männern, die die Skulptur nach einer Idee von Johannes Münzebrock mit Gruppenleiter Stefan Bittner in den Meppener Lohnbetrieben (MLB) geschaffen haben. Die Einrichtung gehört zum St.-Vitus-Werk. 91 Männer und Frauen mit einer psychischen Erkrankung arbeiten hier  – können sich beruflich umorientieren oder einen Weg zurück in den alten Job finden. Zum Beispiel in den Bereichen Werbemittelversand, Elektro- und Metallarbeiten oder Service- und Küche. „Das ist für sie ein zuverlässiges und sicheres Arbeitsumfeld“, sagt der pädagogische Bereichsleiter Holger Urbanek.

So empfindet es auch Erwin Müller, der seit drei Jahren zur Belegschaft zählt. Vorher ging es ihm nicht immer gut. Früher hat der Emsländer als Maurer gearbeitet, bis eine Krankheit das unmöglich macht. Erwin Müller schult um zum Technischen Zeichner. „Das war okay“, sagt er lakonisch. Aber dann wird er depressiv – bekommt keinen Job mehr, verliert die Hoffnung und den Boden unter den Füßen. „Da war auf einmal alles pikkedüster.“ Behandlung und Therapien helfen ihm – und die Arbeit in den Lohnbetrieben. Hier macht er zuerst ein Praktikum, um den passenden Bereich zu finden, und dann die Prüfung zum Handwerksgehilfen. Diese Erfolgserlebnisse, die Wertschätzung, die pädagogische und psychologische Begleitung tun ihm richtig gut. „Ich fühle mich wohl hier.“

Die über zwei Meter große Vitus-Figur

Zusammenarbeit mit 100 Betrieben aus der Region

Gern zeigt Erwin Müller seinen Arbeitsplatz in seiner Gruppe „Elektro und Metall“. Die Kollegen übernehmen Aufträge von verschiedenen Betrieben, die wie überall in der freien Wirtschaft pünktlich und mit guter Qualität abgeliefert werden müssen. Auf einem der Werkbänke liegen zum Beispiel Kabel, die isoliert werden müssen. Auf einer anderen setzen die Männer Bedienpulte für Maschinen zusammen. Das Vitus-Werk mit seinen 630 Beschäftigten arbeitet mit etwa 100 Unternehmen aus der Region zusammen. Neben dieser beruflichen Qualifizierung gibt es noch sechs weitere Aufgabenfelder, in denen sich die Einrichtung um Menschen mit Behinderungen kümmert: in Kindergärten und Schulen,  beim Wohnen und der Hilfe für die Angehörigen, in der Freizeit und bei Therapien.

Erwin Müller, sein Gruppenleiter Stefan Bittner und Holger Urbanek freuen sich jetzt auf das Jubiläumsjahr mit vielen Veranstaltungen (siehe auch „Zur Sache“) unter dem Motto „50 Jahre bunte Vielfalt“. Immer dabei der große „Vitus“. Und dann schaut Erwin Müller noch mal auf die Figur und erinnert sich an die sechs Monate, in denen sie entstanden ist. „Das war schon echte Kunst“, sagt er und klingt ein bisschen stolz. Zu Recht.

Petra Diek-Münchow

 

Zur Sache
Die Wurzeln des Meppener St.-Vitus-Werkes reichen bis in das Jahr 1967 zurück – wie beim St.-Lukas-Heim in Papenburg, das ebenfalls 2017 Jubiläum feiert. Bereits 2015 war das Christophorus-Werk Lingen 50 Jahre alt geworden.

1967 hatte sich der Verein „Kinderhilfe Meppen“ gegründet und später mit der „Beschützenden Werkstatt Twist“ vereint. Heute gehören zu der Trägerfamilie drei Betriebsgesellschaften, die Mitglied im Caritasverband sind. Etwa 800 Haupt- und Ehrenamtliche kümmern sich an 30 Standorten im mittleren Emsland um 1500 Menschen mit Behinderungen.

Das Jubiläumsjahr startet mit einem Tag der offenen Tür in der Jakob-Muth-Schule am 2. September sowie einem Festakt. Am 5. November, 22. Februar 2018 sowie 22. April 2018 werden im Hasetor-Kino in Haselünne Filme zum Thema Behinderung gezeigt. Außerdem sind ein Stand auf dem Weihnachtsmarkt, Akademieabende, ein Fußballturnier und ein Fest im August 2018 geplant. (pd)