25.03.2015

Kurpastor kommt seit 45 Jahren für die Kar- und Ostertage nach Baltrum

„Ich könnte die Insel umarmen"

Manche nennen ihn den katholischen Pastor von Baltrum. Wenn Roman Mensing das hört, muss er schmunzeln. Seit 45 Jahren gestaltet der Bonner Priester die Kar- und Ostertage in der Inselkirche.

 

Angekommen auf Baltrum: Prälat Roman Mensing reist jedes Jahr von Bonn auf die Nordseeinsel, um dort als Kurpastor die Kar- und Ostertage für Insulaner und Urlauber zu gestalten. Künftig will er aus Altersgründen aber kürzertreten. Fotos: Manfred Münchow

Kaum sind die letzten Töne des Schlusslieds verklungen, da  dreht sich Roman Mensing um. Und geht mit einem Lächeln auf das ältere Ehepaar zu, das in der zweiten Reihe der Baltrumer St.-Nikolaus-Kirche steht. „Schön, Sie wieder hier zu sehen“, sagt er und reicht ihnen die Hand. Kurz spricht er mit ihnen, wendet sich dann den anderen Gästen zu. Großartig vorstellen muss sich der 84-Jährige dabei nicht: Der Prälat ist bekannt auf Baltrum.

Erst gestern ist er mit der Fähre von Neßmersiel angereist, hat heute die erste Messe der Saison in der kleinen Inselkirche gefeiert. Nur mit wenigen Menschen, noch ist es ruhig auf Baltrum. „Zu Ostern kommt der große Ansturm“, sagt der pensionierte Priester aus Bonn und blickt den Besuchern hinterher. Er weiß, wovon er spricht. Seit über 45 Jahren kommt er immer in den Osterferien hierher und gestaltet die Gottesdienste vom Passionssonntag bis zum Weißen Sonntag. Viel Arbeit, aber der Seelsorger übernimmt sie gern.

Zwei Frauen lugen jetzt neugierig in die Kirche. „Sie dürfen gern hineinkommen, bitte schön“, ruft Mensing ihnen entgegen. Am liebsten würde er sie gleich durch St. Nikolaus führen. Zum Altar, der einer Muschel gleicht. Zum Tabernakel, der aussieht wie ein Schiff. Zu den bunten Fenstern, die vom Kirchenpatron erzählen. „Eine wunderschöne Kirche“, sagt er.

Zehn Minuten später sitzt der Prälat in der geräumigen Kurpastoren-Wohnung hinter der Kirche. Warum kommt der gebürtige Werler seit so vielen Jahren nach Baltrum? Roman Mensing schenkt Ostfriesentee ein, stellt  Kluntje dazu und erzählt. 1965 reist er zum ersten Mal als Urlauber auf die Insel. Da ist er schon Priester des Erzbistums Paderborn, hat als Pfarrer im Sauerland gearbeitet und ist gerade als Religions- und Geschichtslehrer in den Schuldienst gegangen. Mit einem Freund kehrt er im nächsten Jahr zurück und hilft in den Osterferien bei den Gottesdiensten. Und dabei bleibt es dann. Seit 1970 kommt er allein: während der Zeit als Schulleiter genauso wie später als Pensionär

Drei Wochen als Kurpastor auf Baltrum – ist das Arbeit oder Urlaub? „Mehr Arbeit“, sagt Roman Mensing, „aber eben eine andere Arbeit als sonst. Und diese Abwechslung ist auch erholsam.“ Denn er zelebriert nicht nur die Gottesdienste in diesen Wochen. Er macht Hausbesuche bei den Insulanern, führt intensive Gespräche mit Urlaubern. Die halten ihn manchmal bei Spaziergängen durch die Dünen an: „Sie sind doch der katholische Pastor von Baltrum – haben Sie mal Zeit für mich?“ Hat er – immer. Außerdem schreibt er für den Schaukasten vor der Kirche erklärend einfache Texte zu den Kar- und Ostertagen. Das fällt dem Oberstudienrat nicht schwer. Er zeigt eine lange Liste religionspädagogischer und historischer Veröffentlichungen.

Viele Kinder getauft und einige Insulaner beerdigt

Es klingelt an der Wohnungstür, Hausmeister Gerd Gullnick steht davor. Zu Saisonbeginn muss er viel besprechen mit dem Kurpastor: Termine, Messen, die Karwoche. „Haben wir genug Hostien und Messwein?“, fragt Mensing. „Sonst müssen wir welche bestellen“. Gullnick notiert alles und bleibt für einen Tee.

Und hört, warum Roman Mensing der Insel die Treue gehalten hat. Der Bonner Priester fühlt sich verantwortlich für die knapp 50 Katholiken. „Gerade zu Ostern könnte kaum ein Pfarrer vom Festland kommen“, sagt der 84-Jährige. „Die haben in ihren Gemeinden genug zu tun.“ Außerdem findet er die Kurseelsorge wichtig – als große Chance, auf die Menschen zuzugehen. Deshalb bittet er in seinen Messen die Gäste, als Lektorin oder Kommunionhelfer mitzumachen. „Das klappt immer.“

Aber da ist noch mehr. Die Insel ist ihm ans Herz gewachsen, mehrere Büchlein hat der Kirchenhistoriker über sie geschrieben. Roman Mensing kennt Leben und Leid vieler Insulaner. Hat Kinder getauft und zur Erstkommunion geführt, hat einige Baltrumer beerdigen müssen.  Natürlich schätzt der Prälat auch die Landschaft, die gute Luft tut ihm als Asthmatiker gut. Hat er einen Lieblingsplatz? „Keinen bestimmten. Die Insel ist so klein, ich könnte sie umarmen.“ Gern geht er zum Strand, nach Ostern wird mehr Zeit dafür sein.

In diesem Jahr wird Roman Mensing dabei wehmütig werden. Denn künftig will er sich aus Altersgründen zurückziehen. „Es ist besser, irgendwann einen klaren Schnitt  zu machen.“ Das heißt nicht, dass er nie mehr nach Baltrum kommt. „Vielleicht noch mal im Herbst ...“
Er schenkt sich einen letzten Schluck Tee ein und schaut auf die Uhr. Gleich muss er einen Bekannten vom Hafen abholen. „Treffen wir uns dort noch mal?“ Kurz danach steht Roman Mensing am Anleger und wartet auf das Schiff. Sein Blick geht in die Weite auf‘s Wasser und nach oben in den blauen Himmel. Er atmet tief durch und lächelt.

Petra Diek-Münchow

Die Insulaner, die Pfarreiengemeinschaft Küste und Urlauber wollen sich bei Roman Mensing für seinen langen Dienst bedanken: bei einer Familienmesse am Ostermontag um 11 Uhr in der katholischen Kirche, danach gibt es einen Empfang.