Französische Austauschschüler treffen Flüchtlinge in Meppen

„Irgendwo sind wir alle Fremde"

Wie fühlt man sich als Fremder? Die Flüchtlinge, die bei uns auf eine Zukunft hoffen, wissen das. Und auch die französischen Schüler, die gerade im Meppener Gymnasium Marianum zu Gast sind, können das ein bisschen nachempfinden. Bei einem Sprachkurs haben sie darüber geredet.

 

„Woher kommen Sie?“: Die Lehrer und Schüler aus Frankreich hatten viele Fragen an die Flüchtlinge, die in der Meppener Volkshochschule Deutsch lernen. Foto: Petra Diek-Münchow

„Hier gibt es keine Bomben. Meine Kinder können hier spielen und zur Schule gehen.“ Man hört, dass George (Name geändert) noch Mühe hat mit den Vokabeln, mit der richtigen Aussprache. Aber die französischen Austauschschüler staunen trotzdem, wie gut er schon Deutsch gelernt hat. Und sie verstehen, was er ihnen erklären will. Dass er seine Familie vor dem Krieg in Syrien in Sicherheit bringen will, dass er keine Angst mehr haben möchte. Nachdenklich hören die Jugendlichen zu.

Die Jungen und Mädchen kommen aus der Gegend rund um Nantes im Westen Frankreichs. In diesen Tagen nehmen sie an einem Schüleraustausch am Meppener Gymnasium Marianum teil (siehe auch „Zur Sache“). Dabei beschäftigen sie sich dieses Mal mit Fremdsein und sich fremd fühlen. „Denn irgendwo sind wir alle Fremde“, sagt Martina Rensen. Die Lehrerin begleitet auf Marianum-Seite den Austausch. Die Jugendlichen sollen ein Gespür für das Thema bekommen – sollen erfahren, warum die Flüchtlinge in Deutschland eine neue Heimat suchen und was hier für sie gemacht wird. Durch Sprachkurse, durch ehrenamtliches Engagement, mit Hilfe der Kirchen. Viele Termine stehen in ihrem Kalender, einer in der Volkshochschule (VHS) in Meppen. Dort laufen 21 Sprach- und Integrationskurse für 525 Flüchtlinge und Zuwanderer.

Die Schüler wollen alles wissen: Warum sind die Männer hier? Wie verlief die Flucht?

In zwei solcher Projekte dürfen die Schüler hineinhören. Zum  Beispiel bei Nina Penning, die sieben junge Männer und Frauen aus Chile und Marokko, aus Brasilien, Polen und Litauen in Deutsch unterrichtet. Aufmerksam verfolgen die Schüler, wie diszipliniert die Übungen erledigt werden. Viel wichtiger aber ist das Gespräch mit den Teilnehmern. Mehrere haben in ihrer Heimat studiert, haben einen Beruf, sind wegen ihrer Verlobten oder Ehemänner nach Deutschland gekommen. Nicht alle wollen für immer bleiben, zu groß ist bei einigen noch das Heimweh und das Gefühl der Fremdheit.  

Noch tiefer wirkt die Begegnung mit Flüchtlingen in einem anderen Kurs nach. 15 Männer aus Syrien, Eritrea und dem Irak sitzen über ihren Büchern. Jeden Tag lernen sie vier Stunden Deutsch mit Sigrid Prokisch und pauken hochmotiviert Vokabeln und Grammatik. Die französischen Schüler und Lehrer sind sichtlich beeindruckt – und applaudieren mehrfach.

In der Pause geht das Gespräch auf dem Flur weiter, eine ganz dichte Atmosphäre entsteht plötzlich. Die Schüler wollen wissen, warum die Männer gekommen sind, wie ihre Flucht abgelaufen ist, was sie sich jetzt wünschen. Irgendwann muss Martina Rensen ein bisschen drängen, die nächsten Termine warten. Aber ihre Kollegin aus Nantes, Anni Wicher, bedankt sich stellvertretend für die Gruppe. „Das war so spannend für uns“, sagt sie. Denn so nah, so persönlich haben die Schüler in Frankreich noch nie erlebt, was die Flüchtlinge bewegt. Und das ist vielleicht der beste Weg zu mehr Verständnis.

Petra Diek-Münchow

 

Zur Sache

Seit 33 Jahren findet der Schüleraustausch zwischen dem katholischen Gymnasium Marianum in Meppen und dem französischen Collège et Lycée St. Joseph du Loquidy statt – eine katholische Privatschule im Stadtbereich von Nantes. Seitdem haben auf beiden Seiten gut 1700 Jugendliche aus dem zehnten Schuljahr teilgenommen. Während des zweiwöchigen Austausches besuchen sie jeweils das Gymnasium, lernen Land und Leute kennen, wohnen bei Gastfamilien. Es geht dabei nicht nur um den Spracherwerb, sondern auch um das Verständnis für das jeweilige Nachbarland. In diesen Tagen sind 26 Jungen und Mädchen aus Frankreich zu Gast in Meppen.