Schulprojekt „Juniorwahl"

„Sprichst du Politik?"

Zwei Tage vor der Wahl haben auch 70 000 Schüler in Niedersachsen zum ersten Mal ihre Stimmen vergeben. Bei der „Juniorwahl“ testeten sich die Wähler von morgen unter fast realen Bedingungen. Ein Mittel gegen Parteienfrust und politisches Desinteresse auch für die Bundestagswahl?

 

Jetzt wird gezählt: Eine echte Wahl simulierten die Schüler, nachdem sie
sich vorher im Unterricht ausführlich informiert hatten. Foto: Stefan Buchholz

„Ich hab’ mit der Erststimme FDP, mit der Zweitstimme SPD gewählt“, verrät Stefan. Philip Rösler habe er unterstützen wollen – weil der so sympathisch rüberkomme. Doch das Votum des 16-jährigen Osnabrücker Realschülers wird dem FDP-Chef nicht helfen. Stefans Kreuze zählen nämlich nur virtuell.

Seine Stimmabgabe gehört zur Unterrichtseinheit „Juniorwahl“. Zum ersten Mal probierten neun Lehrer der katholischen Oberschule des Bistums Osnabrück, Thomas-Morus-Schule, das Demokratiekonzept aus. „In zehn Unterrichtsstunden haben wir die Schüler auf das Thema Wahlen vorbereitet. Und sie am Ende selber wählen lassen“, erzählt Lehrer Felix Trentmann. Grundlagen, wie Wahlrecht und Wahlsysteme standen zunächst auf dem Stundenplan.

Wahlrecht, Wahlsysteme und Inhalte der Parteien

Dann ging es an die eigene politische Positionsbestimmung. Dabei half der Wahl-O-Mat. Das Onlineprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung filterte für die Niedersachsenwahl 38 Thesen aus den Parteiprogrammen aus. Man stimmte entweder den kurzen Aussagesätzen zu, befürwortete sie nicht oder klickte auf neutral. Auch die lokalen Kandidaten mit ihren Stichwortstatements schauten sich die Schüler im Internet an.  

Das Herzstück der Unterrichtsreihe war die Simulation einer echten Wahl. Das übernahmen die Schüler weitgehend selbstständig, wie Lehrer Trentmann anerkennend bemerkt. „Ein Wahlvorstand hat Wählerverzeichnisse angelegt, sie nach Bezirken geordnet und Benachrichtigungen verschickt.“ Ein passender Raum für das Wahllokal wurde ausgesucht und Kabinen aufgestellt. Zwei Tage vor der Wahl traten die 260 Schüler der Thomas-Morus-Schule zur „Juniorwahl“ an. Ihre Kreuze machten sie dabei auf den gleichen Stimmzetteln wie die Erwachsenen am Wahlsonntag.

Bereits mehrfach wurde der Projektansatz der „Juniorwahl“ wissenschaftlich begleitet, unter anderem durch die Universität Stuttgart. Dabei wurde festgestellt, dass die Kenntnisse über demokratische Abläufe und politische Zusammenhänge deutlich anstiegen und die Hauptprofiteure der Juniorwahl Hauptschulen und Realschulen sind. Dort ist der Wissenszuwachs am größten. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass der Anteil der Nichtwähler von 22 Prozent auf unter sieben Prozent sank. Das Gesamturteil der Studie lautete: Eine regelmäßige Durchführung ist äußerst sinnvoll.

Auch die 15-jährige Laura hat sich informiert, bevor sie wählte. „Mit Erststimme Grün, mit der zweiten die Piraten. Mir sind Umweltthemen wichtig und die Abschaffung der Studiengebühren. Ich will nämlich später studieren“, erklärt sie selbstbewusst. Wie Laura sind aber nicht alle Schüler zu ihrer Wahlentscheidung gelangt. Vielen ist es schwergefallen, eine eigene politische Position zu beziehen.

Haupt- und Realschüler profitieren am meisten

„Politik hat nichts mit meinem Leben zu tun“. Dieser Satz ist oft zu hören. Felix Trentmann sieht dahinter auch ein von der Politik verursachtes, gesamtgesellschaftliches Problem. „Heute polarisieren Politiker in den großen Themen nicht mehr“, meint Trentmann. Und dennoch: Das  Unterrichtskonzept der „Juniorwahl“ findet er wertvoll. Weil es zeigt, wie Wahlen funktionieren und die individuelle Entscheidung betont wird. „Wenn das 10 bis 20 Prozent der Schüler motivieren kann, habe ich alles erreicht.“

Das Wahlergebnis der Schüler wich erheblich vom Endergebnis der Niedersachsenwahl ab. SPD und CDU bekamen 20 und 21 Prozent, Grüne und Linke 36 und fünf Prozent, die Piraten elf Prozent der Schülerstimmen. Gleichauf lagen die Schüler mit dem Votum der wahlmündigen Bürger in Stadt und Landkreis Osnabrück: Hier wählten die Schüler die selben Direktkandidaten.

Kevin drückte es nach der Wahl stellvertretend für die meisten Klassenkameraden aus: „Die Testwahl bringt schon was, weil man Einblick bekommt und sich schon mal ausprobieren kann.“

Stefan Buchholz

 

 

Aktion für die Bundestagswahl

Auch für die Bundestagswahl im September 2013 bietet der Verein „Kumulus“ die Aktion „Juniorwahl“ an. Teilnehmen können Schüler aller Schulformen ab Klasse sieben und älter aus allen Bundesländern. Inhaltlich werden die Schüler ab Sommer im Unterricht auf die Wahl vorbereitet, und sie wählen eine Woche vor der Bundestagswahl. Unterrichtsmaterial, Plakate, Wahlkabinen und weitere Unterlagen können bei der Aktion „Juniorwahl“ angefordert werden. Eine Anmeldung ist erforderlich.
Die „Juniorwahl“ wird seit 1999 bundesweit durchgeführt, seitdem beteiligten sich daran über 850 000 Jugendliche. (afl)

www.juniorwahl.de