Sprichwörter können Orientierung in der Erziehung bieten

„Tomaten auf den Augen!"

Gute Ratschläge in Form von Sprichwörtern gibt es nicht nur zu Jahresbeginn. Sie geben zu vielen Gelegenheiten Orientierung im Alltag und können als überlieferte Weisheit vieler Generationen in der Erziehung auch Dinge auf den Punkt bringen. Wenn man es nicht übertreibt.

 

Was meint er? Man kann Sprichwörter auch wörtlich nehmen. Foto imago

Die warme Vanillesauce köchelt auf dem Herd. Jan rührt mit einem Schneebesen in einer Schüssel Eiweiß, das noch hinzugefügt werden soll. „Ich kann das nicht, Oma, es wird nicht steif“, beklagt sich der Junge nach kurzer Zeit. „Kann ich nicht, ist der Bruder von will ich nicht“, sagt seine Großmutter augenzwinkernd. Jan verdreht die Augen. „Das sagt Mama auch immer.“

Die Großmutter muss lachen. Weiß sie doch, dass sie, als ihre Kinder klein waren, dieses Sprichwort selbst immer wieder zum Besten gegeben hat. „Ich kann dich verstehen“, sagt sie und schaut Jan an. „Auch ich war oft genervt, wenn unsere Handarbeitslehrerin damit kam, sobald jemand diese oder jene Naht nicht konnte“, erklärt die alte Dame. „Doch im Grunde hatte sie recht. Das weiß ich heute.“ In Ruhe zeigt sie ihrem Enkel, wie es geht. Und siehe da, am Ende klappt es doch! Das Eiweiß bleibt fest in der Schüssel haften. Jan rührt es unter die Vanillesauce. Stolz meint er: „Man kann alles, wenn man nur will.“

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ „Ohne Fleiß kein Preis.“ „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ – Fast jeder hat irgendwelche Sprichwörter im Kopf und wendet sie bewusst oder unbewusst gegenüber dem Nachwuchs an. Denn in Sprichwörtern steckt meist ein Körnchen Wahrheit. Und da die kurzen Sätze so eingängig und einprägsam sind, halten sich viele daran und werden Kindern und Kindeskindern überliefert. Für fast alle Lebenssituationen gibt es das passende Sprichwort. Das setzt sich bis heute fort. Denn im digitalen Zeitalter bilden sich neue Aussprüche und Redensarten, wie „Das habe ich nicht mehr auf dem Schirm.“ oder „Das kannst du löschen“.

„Die meisten dieser Merksätze kommen aus der Weisheit des Volkes, andere stammen aus der klassischen Literatur oder aus der Philosophie“, erklärt Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität  Berlin. Goethe, Schiller, Shakespeare, aber auch die Philosophen aus der Antike wie Sokrates und Aristoteles waren „Lieferanten“. Selbst die Bibel ist eine sprudelnde Quelle für Sprichwörter.

„Historisch begann die Aufnahme von Bibelzitaten in die Alltagssprache mit Martin Luthers Übersetzung“, erklärt der Wissenschaftler. Denn seinerzeit galt die Bibel als praxisnahes Buch aus dem Leben für das Leben. Und irgendwann hat jemand, ähnlich wie das die Gebrüder Grimm mit Märchen getan haben, angefangen, all diese Zitate zu sammeln und aufzuschreiben. Bis in die Gegenwart hinein hat sich dieser Schatz in unterschiedlicher Ausformung in allen Kulturen gehalten. „Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet“, sagte einst Miguel de Cervantes (1547 bis 1616), Verfasser des „Don Quijote“.

Nicht aufgesetzt oder nur antrainiert

Ist es ratsam, Sprichwörtern  in der Erziehung mehr Raum zu geben? „Solange es nicht aufgesetzt ist und antrainiert wird, halte ich das durchaus für sinnvoll“, meint der pensionierte Pädagogikprofessor. Denn: Im Alltag braucht es klare Orientierung. „Da sind so einfache Formeln, die scheinbar eine hohe Plausibilität haben, eine gute Sache.“ Und vielleicht finden Eltern auf diese Weise auch neue Wege, wie sie ohne lange Reden klar und simpel ihr Kind erreichen können. „Das gibt Mutter und Vater zudem die Möglichkeit, ihre Erziehung ein wenig selbstkritisch von der Seite zu beobachten.“ Dazu laden zum Beispiel die Worte von Ignatius von Antiochien aus dem zweiten Jahrhundert ein: „Man erzieht durch das, was man sagt, mehr noch durch das, was man tut, am meisten jedoch durch das, was man ist.“ Allerdings sollten es Lehrer, Erzieher oder Eltern nicht übertreiben. „Permanent Erwachsene mit ihren Lebensweisheiten zu hören, die so vermeintlich unumstößlich und richtig sind, kann eine Zumutung sein“, so Tenorth.

Doch selbst der spärliche Gebrauch von Sprichwörtern prägt sich ein – ob man will oder nicht. Und in diesem Sinne können die geflügelten Worte sogar Kinder lenken und steuern. Wenn sie etwas machen, das nicht in Ordnung ist, fallen sie ihnen plötzlich wieder ein: „Lügen haben kurze Beine.“ „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.“ In einem Sprichwort ist Weisheit verdichtet. Daher geschieht es fast wie von selbst, dass man sich wieder daran erinnert. Auf diese Weise haben Sprichwörter eine regulierende und unterschwellig auffordernde Wirkung. Tenorth macht das an seinem eigenen Lieblingssprichwort deutlich, das er oft vor seinen Studenten benutzte. Es lautet: Schlechtes Gewissen ist immer gut. „Soll heißen: Wenn man etwas getan hat, was man nicht hätte tun dürfen, weiß man wenigstens, was man richtigerweise hätte tun sollen. Insofern ist ein schlechtes Gewissen immer gut. Denn die Menschen, die ohne schlechtes Gewissen verfehlen, sind gefährlich.“

Doch Vorsicht! Manche Sprichwörter haben unrecht. Etwa das bei vielen Eltern so beliebte: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Tenorth: „Das ist kompletter Quatsch. Wir würden ja total verzweifeln, wenn wir alles in unserem frühen Leben hätten lernen müssen und hinterher zum Nachlernen, Nachholen oder Umlernen zu dumm wären.“ Zudem gibt es Sprichwörter, die sich widersprechen. Etwa
„Eigenlob stinkt“ und „Tue Gutes und rede darüber“.

Welchen Umgang mit Sprichwörtern empfiehlt der Experte? „Die Orientierung daran finde ich verständlich und sinnvoll. Man muss solche Sprüche aber auch ironisch nehmen. Dazu laden sie ein. Es sind ja nicht die Zehn Gebote.“

Heike Sieg-Hövelmann