26.01.2012

Projekt „Wegweisen" für Menschen mit Behinderungen

„Was wünsche ich mir?"

„Was wünsche ich mir?“ Diese Frage haben sich viele behinderte Menschen im Bistum gestellt - auf Initiative von Michael Knüpper. „Wegweisen“ heißt das Projekt, und Knüpper hat dabei festgestellt, dass eine Antwort nicht immer leicht fällt.

Natürlich weiß Hermann S., was er sich wünscht. Der 25-Jährige möchte gerne regelmäßig in einer Fußballmannschaft mitmachen. Er weiß aber auch, dass das nicht einfach ist. Denn wegen einer Behinderung wird er nicht den Leistungsgedanken erfüllen, der gemeinhin an ein Kickerteam gestellt wird. Als Kind hat er vergeblich versucht, in einer Mannschaft zu spielen. Also hält er sich mit der Antwort erst einmal zurück. „Persönliche Wünsche werden nicht einfach so geäußert“, hat Daniel Abeln gemerkt, der im Begleitenden Dienst der Caritas-Werkstatt Börger arbeitet.

Wünsche aufschreiben, malen oder basteln

Michael Knüpper, Diözesanbeauftragter für die Seelsorge für Menschen mit Behinderungen, hat mit einem Team von Unterstützern für das Projekt trotzdem die Frage gestellt: „Was wünsche ich mir?“ 200 Holzpfeile hat er in Behinderteneinrichtungen geschickt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollten ihre Wünsche aufschreiben, malen oder basteln. Viele Fragen gehen in Richtung der Kirchengemeinden: Da will einer als Lektor aktiv werden, dort möchte jemand mit ins Zeltlager fahren. Knüpper hat festgestellt, dass meist ein Netzwerk nötig ist, um solche Wünsche zu erfüllen.

So wie im Fall von Hermann S. Er hat eine Hobbytruppe gefunden, in der er mitmachen kann. Dort steht er jetzt im Tor und es wird nicht gemeckert, wenn er mal „zehn Stück fängt“, wie es in der Fußballersprache heißt. Und er ist nicht der Einzige geblieben. Inzwischen spielen vier junge behinderte Männer mit. Michael Knüpper hat jemanden gefunden, der die Fußballer regelmäßig zu ihren Spielen fährt. Sonst könnten sie nämlich nicht antreten. Wilhelm Partmann aus Twist übernimmt den Fahrdienst. Er kennt Behinderteneinrichtungen von innen und außen. Sein jüngster Sohn kam mit Down-Syndrom und einem Herzfehler zur Welt, 2010 ist er verstorben. Die Fußballer unterstützt Partmann gerne: „Ich freue mich schon darauf, dass die Saison wieder losgeht“, sagt Partmann.

Hermanns Eltern sehen mit Begeisterung, dass ihr Sohn seitdem öfter unterwegs ist. „Früher hat er sich kaum aus dem Haus getraut“, sagt sein Vater. Knüpper erklärt: „Sehr viele behinderte Menschen stoßen in ihrem Leben auf Ablehnung.“ Viele Behinderte versteckten sich an ihrem Wohnort, sagt Daniel Abeln. Auch die Eltern spielten eine wichtige Rolle. Meist wollten sie nicht Gegenstand von Gerede werden. „Warum muss der Junge denn jetzt unbedingt am Altar stehen?“ Solche Fragen werden verdeckt oder sogar offen diskutiert, Eltern behinderter Kinder rücken in den Mittelpunkt – ob sie wollen oder nicht. Gelingt es trotzdem, Kontakte herzustellen, wächst das Selbstwertgefühl der behinderten Menschen enorm.

Behinderte bereichern das Gemeindeleben

Für das Projekt „Wegweisen“ hat sich auch Seelsorgeamtsleiterin Daniela Engelhard eingesetzt. „Wenn sich behinderte Menschen in einer Kirchengemeinde engagieren wollen, bringt das meist gewohnte Abläufe durcheinander. Aber es lohnt sich, die Herausforderung anzunehmen und bei den Wünschen genau hinzuhören“, sagt sie. Warum? „Weil sie das Gemeindeleben bereichern!“ Sie könnten ihre Art der Lebenserfahrung einbringen. „Ich erlebe behinderte Menschen oft als glücklich, sie strahlen Freude aus und Gelassenheit.“ Michael Knüpper spricht da gerne von „Entschleunigung“: „Kommen behinderte Menschen dazu, müssen wir aus unserem Alltag oft das Tempo herausnehmen. Das tut uns gut.“ Engelhard bittet deshalb darum, Zeit und Geduld mitzubringen. Das gelte aber auch für Behinderte und ihre Familien: „Das Projekt geht noch weiter, weil es Zeit braucht, die nötigen Netzwerke aufzubauen.“

Georg Quednow, Behindertenseelsorger und Ständiger Diakon in Meppen, hat Michael Knüpper bei der Umsetzung des Projekts unterstützt. Er hat miterlebt, dass vor einer Behindertenwerkstatt eine Bushaltestelle geschaffen wurde, um deren Erhalt sich jetzt einige Paten kümmern. Manchmal kam er sich aber auch wie ein Störfaktor vor, wenn er telefonisch an „Wegweisen“ erinnerte: „Ich habe zum Beispiel mit Pfarrgemeinderäten gesprochen, die sich mit dem Thema Behinderung nicht beschäftigen wollten.“ Gut, dass es Menschen wie Helmut Korte aus Heede gibt. Er ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Pfarrgemeinderäte im Dekanat Emsland-Nord und gehört zu denen, die helfen wollen, Wünsche zu erfüllen. „Wo sind die behinderten Menschen in unserer Gesellschaft?“, fragt er. „Sie geben mir auch einen Wegweiser für mein Leben.“ Zugleich warnt er vor überzogenen Erwartungen: „Wir müssen sehen, was machbar ist. Wir sind keine Glücksfeen“, sagt er und lächelt.

Matthias Petersen