14.06.2017

Ergänzung zum Religionsunterricht

„Werte und Normen" im Test

Es ist ein Test: An zehn Grundschulen in Niedersachsen will das Kultusministerium das Fach „Werte und Normen“ erproben. Nicht als Ersatz für den konfessionellen Religionsunterricht, sondern als Ergänzung. Die Kirche stimmt zu.

Grundschüler ausgewählter Schulen in Niedersachsen können demnächst auch im Fach „Werte und Normen“ unterrichtet werden. | Foto: Archiv

Eines will Kultusministerin Frauke Heiligenstadt gleich klarstellen – und das mit Nachdruck: „Wenn wir jetzt ,Werte und Normen‘ an Grundschulen erproben wollen, ist das eine Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht und kein Ersatz.“ Dem Religionsunterricht komme eine besondere Rolle zu: „Dazu bekennen wir uns als Landesregierung. Der Religionsunterricht ist als einziger Unterricht grundgesetzlich verankert und hat auch im Niedersächsischen Schulgesetz einen besonderen Stellenwert.“

Dennoch könne sich Heiligenstadt einer spürbaren gesellschaftlichen Entwicklung nicht verschließen: „Wir vernehmen vermehrt den Wunsch von Eltern nach einem Alternativfach für Grundschülerinnen und Grundschüler, die nicht an einem bekenntnisorientierten konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen möchten.“ Diese Alternative – das Fach „Werte und Normen“ – gibt es erst ab Klasse fünf in Niedersachsen und nicht an den Grundschulen.

25 Prozent der Schüler sind konfessionslos

Aktuelle Zahlen, die die Sozialdemokratin vorlegt, sprechen für sie eine eindeutige Sprache: Rund 280 000 Sechs- bis Zehnjährige besuchen zurzeit die Grundschulen in Niedersachsen. Gut 72 000 von ihnen gehören keiner Konfession an – knapp 25 Prozent. „Eine starke Gruppe, das hat mich doch sehr überrascht“, sagt Heiligenstadt. Rund 123 000 Kinder sind evangelisch, fast 47 000 katholisch, um die 21 000 muslimisch, und 14 000 Mädchen und Jungen gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an – jüdisch, alevitisch oder orthodox.

Bisher nehmen 91 Prozent der Grundschulkinder am Religionsunterricht teil – in durchaus unterschiedlichen Formen: bekenntnisorientiert oder konfessionell-übergreifend. Grundsätzlich gilt: Religionsunterricht ist einzurichten, wenn mindestens zwölf Schüler einer Schule hierfür infrage kommen.

Die hohe Teilnahme ändert sich mit Blick auf die weiterführenden Schulen. Ab Klasse fünf sind es rund 29 Prozent der Schüler, die sich für „Werte und Normen“ entscheiden. Für Heiligenstadt ein Grund mehr, auch den Eltern von Grundschülern diese Wahlmöglichkeit zu geben. In Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es bereits ein entsprechendes Angebot. Warum nun eine Testphase? „Man kann nicht einfach ein Fach einführen“, betont Heiligenstadt. Zunächst müssten Grundlagen geschaffen werden.  Was soll genau unterrichtet werden – wenn das Fach sowohl ein ethischer Wegweiser für das gesellschaftliche Zusammenleben sein, aber auch die Grundzüge der Religionen vermitteln soll? „Das muss an den teilnehmenden Schulen auch mit den Religionslehrkräften abgestimmt werden.“ Und weiter: „Es geht uns um einen offenen Dialog zwischen Glauben und Nichtglauben.“

Gesucht werden Lehrer mit Facherfahrung

Für den Versuch will Heiligenstadt Lehrer mit Facherfahrung einsetzen: „Das sind Lehrer, die bereits über eine Lehrbefähi-gung für ,Werte und Normen‘ an weiterführenden Schulen verfügen und an Grundschulen andere Fächer unterrichten.“ Ob das Fach an allen Grundschulen eingeführt wird, wird nach einer Auswertung des Versuchs entschieden. Kommt es dazu, müssten pädagogische Ausbildungsgänge und Bildungspläne entwickelt und das Schulgesetz geändert werden: „Das ist ein großer Aufwand, deshalb wollen wir in Ruhe die Erfahrungen auswerten.“

Aus Sicht der Schulabteilung des Bistums Osnabrück ist die Entscheidung überfällig. „Wenn Eltern keine bekenntnisorientierte religiöse Bildung für ihre Kinder wünschen, müssen auch öffentliche Grundschulen ihnen eine Alternative anbieten“, sagt Winfried Verburg. Die Kinder hätten ein Recht auf Wissen in ethischen und weltanschaulichen Fragen, auch wenn sie keiner Religionsgemeinschaft angehörten. „Auf Wunsch der Eltern können Kinder ohne Religionszugehörigkeit weiterhin am Religionsunterricht teilnehmen.“

Rüdiger Wala/kb