22.12.2017

Adveniat-Gast in der Franz-von-Assisi-Schule

„Wie Kerzen sein und Licht spenden"

Bandenkriminalität ist ein großes Problem in El Salvador. Manuel Morán, Caritas-Direktor in Santa Ana, versucht Jugendlichen eine Perspektive zu geben. An der Franz-von-Assisi-Schule in Osnabrück hat er von seinem Projekt erzählt und Parallelen zu Deutschland gezogen.

Manuel Morán berichtet angehenden Erziehern in der Abschlussklasse der Franz-von-Assisi-Schule in Osnabrück von seiner Arbeit mit kriminellen jugendlichen Bandenmitgliedern in El Salvador. | Fotos: Thomas Osterfeld

Vorsichtig halten die Schülerinnen und Schüler der Franz-von-Assisi-Schule in Osnabrück ihren gegenübersitzenden Mitschülern kleine Lebkuchenstücke hin. Gleichzeitig versuchen sie das Stück zu essen, mit dem sie gefüttert werden und lachen laut, wenn ein Stück auf den Boden fällt. „Hier braucht der eine den anderen nicht so sehr. In El Salvador sind Zusammenhalt und Vertrauen aber sehr wichtig“, erklärt Manuel Morán die Übung. Der Caritasdirektor aus Santa Ana in El Salvador arbeitet mit jugendlichen Mitgliedern der „Maras“, organisierter krimineller Banden. Unterstützt vom Hilfswerk Adveniat, versucht er den Jugendlichen eine Zukunft ohne Gewalt zu ermöglichen. Denn der Weg der Maramitglieder endet eigentlich im Gefängnis – oder im Grab.

„In El Salvador gibt es rund 30 000 Sichterheitskräfte und 75 000 Maramitglieder. Das Ungleichgewicht kann man sich leicht vorstellen“, erzählt Morán. Viele Kinder würden schon mit sieben Jahren von Mitgliedern der Maras angeworben, um Schutzgeld einzunehmen, zu rauben und zu morden. Sie rutschen so schon früh in die Kriminalität ab und haben keine Perspektive für die Zukunft. Dass sie die Maras wieder verlassen, ist nicht vorgesehen.

Einen Ausweg bietet das Programm, das Morán mit Hilfe von Adveniat in El Salvador aufgebaut hat. Die Kirche genießt unter den Maras immer noch großen Respekt. Mitarbeiter der Kirche werden in der Regel nicht angegriffen. Sie können es Aussteigern aus den Maras daher ermöglichen, ein Leben ohne Gewalt und Kriminalität zu führen, obwohl sie und ihre Familien trotzdem von rivalisierenden Maras erpresst und bedroht werden. Das hält Morán aber nicht davon ab, weiterzuarbeiten: „Auch wenn man nur wenigen helfen kann, machen wir trotzdem eine wichtige Arbeit, die Früchte trägt“, sagt er. „Wir wollen wie Kerzen sein und Licht spenden.“

Gemeinsam mit Psychologen gehen er und seine Mitarbeiter in die Schulen und suchen vor allem den Kontakt zu den schwierigen Kindern der Klassen. „Mit denen wollt ihr arbeiten?“, lautet dann oft die erstaunte Frage der Lehrerinnen. Gerade Kinder, die im Gewaltumfeld der Maras aufwachsen, machten das Zusammenleben unmöglich: Sie beklauen ihre Mitschüler, machen keine Hausaufgaben und fehlen oft unentschuldigt, um Geld für die Maras einzunehmen.

Ausweg aus der Gewalt durch Bildung und Familie

Morán imitiert ein Gespräch mit jugendlichen Bandenmitgliedern: „Wenn du dich bildest, kannst du vielen Menschen helfen und glücklich sein. Warum mordest und stiehlst du?“ Der erste und wichtigste Schritt, um Kinder und Jugendliche aus der Gewalt der Banden herauszuholen, sei es, das Selbstwertgefühl der Jugendlichen aufzubauen und ihnen zu zeigen, dass sie geliebt werden.

In einem zweiten Schritt arbeiten die Psychologen der Caritas in El Salvador mit den Eltern der Jugendlichen zusammen. Häufig vernachlässigen diese ihre Kinder und begegnen ihnen nicht mit Liebe. Auch so geraten die Kinder und Jugendlichen an die Maras, weil sie hier Macht und Geld bekommen. Es geht daher darum, wieder Nähe und Vertrauen untereinander und zu den Eltern zu schaffen, wie etwa mit der Übung, sich gegenseitig zu füttern.

Um die Motivation der Kinder und Jugendlichen, einen anderen Weg einzuschlagen, geht es im dritten Schritt des Programms. Unterstützt von Adveniat bekommen sie die Möglichkeit, ihr Leben auch ohne die Maras zu finanzieren. Dazu werden Stipendien und Ausbildungen für die Bandenaussteiger bezahlt. Sie sind so in der Lage, ohne Gewalt oder unter unwürdigen Arbeitsbedingungen neue Perspektiven zu finden.

In einem letzten Schritt werden die Kinder und Jugendlichen immer wieder gefragt, wie es ihnen mit der neuen Situation geht, und zur Selbstreflektion aufgefordert. Morán geht dazu oft schweigend mit ihnen in den Bergen El Salvadors spazieren. „Auch Jesus hat sich in die Wüste zurückgezogen, um neue Kräfte zu sammeln“, erzählt der 49-Jährige.

Elisabeth Mellentin, Fachlehrerin für Pädagogik und Psychologie an der Franz-von-Assisi-Schule, sieht in der Arbeit Moráns Parallelen zur Ausbildung der Schule: „Das ist die Quintessenz der Ausbildung dieser Schule: Selbstwertschätzung vermitteln und Jugendliche unterstützen, wenn Eltern das nicht können“, sagt sie. Im Unterricht hätten sie gerade das große Thema Pubertät behandelt. Es sei daher spannend zu sehen, wie Kinder in anderen Ländern aufwachsen müssten.

Auf Einladung des Bischöflichen Hilfswerks Adveniat ist Morán zusammen mit Regina Wildgruber, der bischöflichen Beauftragten für Weltkirche im Bistum Osnabrück und Ines Klissenbauer, Mittelamerikareferentin bei Adveniat, im Bistum Osnabrück unterwegs und erzählt von seinem Projekt.

Christoph Brüwer

 

Adveniat-Spendenaktion zu Weihnachten

In den Gottesdiensten und Kinderkrippenfeiern am 24. und 25. Dezember sammelt das Bischöfliche Hilfswerk Adveniat jedes Jahr Geld für bedürftige Menschen in Lateinamerika. Die diesjährige Weihnachtsaktion  steht unter dem Motto „Faire Arbeit. Würde. Helfen.“ Adveniat setzt sich damit unter anderem für Nachhaltigkeit und neue Bildungschancen und Arbeitsperspektiven von Menschen in Lateinamerika und der Karibik ein.
Weitere Informationen zur Adveniat-Spendenaktion: www.adveniat.de