Großer Andrang beim Hospiz- und Palliativtag in Lingen: Gäste über den „guten Tod“

„Wir können das als Mensch“

Gibt es den „Guten Tod“? Die Antwort auf diese Frage ist weder leicht noch eindeutig. Das spüren die 280 Teilnehmer beim Hospiz- und Palliativtag in Lingen. Intensiv machen sie sich Gedanken darüber – und legen damit zugleich ein beeindruckendes Zeugnis ab.

 

Information, Begegnung, Gespräch: Das war für die vielen Ehrenamtlichen ein wichtiger Bestandteil des zweiten emsländischen Hospiz- und Palliativtages in Lingener Ludwig-Windthorst-Haus. Foto: Petra Diek-Münchow

„Schöner sterben“ – der Titel irritiert ein wenig. Soll er auch. Aber kann ein Tod wirklich gut sein? Drei Referate und viele Workshops blicken beim zweiten emsländischen Hospiz- und Palliativtag aus verschiedenen Perspektiven auf diese Frage. Nicht mit blanken Informationen. Sondern nachdenklich, emotional, provokativ, energisch. Und das rührt die 280 Gäste in Lingen an.

„Nicht noch mehr Fachleute“

Wie bei Renate Lohmann. Die Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes in Oldenburg wird zum Auftakt deutlich. „Wir haben den Tod auf die Symptomkontrolle reduziert. Ist das schönes Sterben?“, fragt sie in die Runde und sieht viele Gäste die Köpfe schütteln. Was braucht es dann für die Begleitung Sterbender? Nicht noch mehr Fachleute rund um den Tod, sagt sie. Sondern eine andere Haltung, eine andere Wortwahl, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Wir können das als Mensch. Und Ehrenamtliche haben da eine eigene Qualität. Sie sind keine Lückenbüßer.“ Viel Beifall gibt es dafür im Ludwig-Windthorst-Haus.

Die Aula ist gefüllt, wieder sind viele ehrenamtliche Helfer aus den Hospizvereinen gekommen. Das Thema treibt die Menschen an und um. Sie wollen darüber miteinander sprechen, Neues hören und mitnehmen. Auf der Infomeile drängeln sich die Teilnehmer – unter ihnen auch viele Pflegekräfte aus Krankenhäusern oder Altenheimen. Täglich sind sie mit Leid, Tod und Sterben konfrontiert.
Und sie hören aufmerksam zu, als ein Berufskollege sehr persönlich auf das Thema schaut: Walter Höltermann, Chefarzt am Lingener St.-Bonifatius-Hospital. „Früher war der Tod für mich eine Niederlage“, sagt der Mediziner. Bis sein Bruder unheilbar an Krebs erkrankt.

Das ändert seine Sicht, seitdem engagiert er sich in der Palliativmedizin und Hospizarbeit. Eindringlich macht er sich für ein Zusammenstehen von Ärzten und Pflegern, von Angehörigen und Hospizhelfern stark. Carmen Breuckmann-Giertz nickt, die Vorsitzende der Hospiz-Hilfe in Meppen und der Hospiz-Stiftung Niedersachsen sieht das genauso. Sie gibt den Zuhörern viel Nachdenkenswertes mit. Dass Sterbende Wissende sind, dass Sterben eine Lebenszeit ist, dass Hospizarbeit die Trauernden einschließen muss.

All das nehmen die Teilnehmer mit in die 17 Workshops am Nachmittag. Sie hören und lernen, diskutieren mit viel Sensibilität: ein beeindruckendes Zeugnis. Zum Beispiel über Spiritualität in der ambulanten Palliativversorgung (SAPV). Alwine Röckener und Elisabeth Beerling-Albert, Seelsorgerinnen in SAPV-Teams, erzählen von ihrer Arbeit mit schwerkranken Menschen. Wie wichtig es dabei sein kann, Seelsorge als Möglichkeit ins Spiel zu bringen: sehr behutsam und mit viel persönlicher Nähe, immer orientiert am Gegenüber und absolut offen – im Gespräch, im Gebet, bei einer Segnung. Aber auch hier gibt es keine fertigen Rezepte, keine fertigen Antworten. „Eine Antwort ist vielleicht, einfach da zu sein. Und manchmal die Stille auszuhalten“, sagt Alwine Röckener.

Zur Sache: Der „allergrößte Respekt“

280 Gäste aus dem Emsland, dem Osnabrücker Raum und angrenzenden Regionen nahmen am zweiten Hospiz- und Palliativtag im Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) in Lingen teil. Das LWH, das Bistum, die zehn Hospizvereine im Emsland, die Palliativstützpunkte Sögel und Thuine sowie das stationäre Hospiz St. Veronika in Thuine hatten gemeinsam dazu eingeladen. Die Schirmherrschaft übernahm Margret Berentzen. Die stellvertretende Landrätin des Emslandes zollte allen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich um sterbende Menschen kümmern, ihren „allergrößten Respekt“ für „Ihr wertvolles Zeugnis“.

Das Ludwig-Windthorst-Haus bietet auf seiner Internetseite die Audiomitschnitte der drei Hauptreferate an.

Petra Diek-Münchow