06.11.2017

Gemeinsame religiöse Feiern gestalten

Adventsfeier auch mit Muslimen?

rfen jüdische, christliche und muslimische Kinder miteinander beten und feiern? Was muss dabei beachtet werden? Gerade rund um den Advent gibt es Möglichkeiten, gemeinsame religiöse Feiern zu gestalten, die allen Kindern gerecht werden.

Fragen an Angelika Klasen-Kruse, Referentin für Schulpastoral der Abteilung Schulen und Hochschulen im Bistum Osnabrück:

Wie hoch ist die Nachfrage nach multireligiösen Feiern?

Das Thema gewinnt sehr an Bedeutung. Unsere Gesellschaft verändert sich. Das liegt nicht nur an den muslimischen Flüchtlingen, die zu uns gekommen sind. Auch die Anzahl atheistischer oder nichtgetaufter Familien nimmt zu, Menschen die der Kirche fernstehen oder einen anderen Glauben haben. Unsere Fortbildungen in diesem Bereich sind sehr gefragt und es gibt mittlerweile vielfältiges Material und sehr gute Arbeitshilfen. Wie können wir eine religiöse Feier gestalten, die alle mit einbezieht? Viele Lehrer merken: Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher.

Also lieber eine Winterfeier statt einer Adventsfeier in der Schule anbieten?

Nein. Das wäre der falsche Weg. Es geht nicht darum, dass wir unsere Identität, unseren Glauben und unsere Wurzeln aufgeben. Wir sollten das pflegen, unsere Kinder brauchen das für ihre Entwicklung. Aber wir müssen auch die Identität der anderen sehen und wahrnehmen und auch ihr Raum geben. Weihnachten ist und bleibt unser Fest. Wir können aber die muslimischen und andersgläubigen Kinder einladen und in die Feier mit einbinden, zum Beispiel können sie begrüßt werden, eine Kerze anzünden oder beim Anspiel mit eingebunden werden. Ich würde sie aber kein Gebet und keine Fürbitte sprechen lassen, das würde den Kindern nicht gerecht. Wir müssen schon genauer hinsehen, wie man es machen kann.

Gibt es andere Anlässe für gemeinsame Feiern?

Gerade in dieser Jahreszeit bieten sich das Nikolaus- oder das St.-Martins-Fest an. Es waren zwar christliche Bischöfe, aber sie haben etwas getan, was zum Beispiel auch im Islam oder bei vielen Menschen ohne Religion eine wichtige Rolle spielt: Sie haben geteilt und Almosen gegeben, Nächstenliebe praktiziert. In der Feier kann man die Geschichte erzählen oder vorspielen, den Aspekt des Helfens und des miteinander Teilens aufgreifen. Warum nicht auch eine kleine Aktion starten und mit dem Erlös einmal eine muslimische Hilfsorganisation unterstützen? Geeignet wäre zum Beispiel die Hilfsaktion „Speisen für Waisen“. Hier essen alljährlich Muslime und Nichtmuslime gemeinsam und spenden Geld für Kinder in Not. So werden aktuell vom 29. November bis zum 14. Januar Spenden für äthiopische Waisenkinder gesammelt, um ihnen Essen, medizinische Versorgung und Schulbildung zu schenken.

Wir müssen bereit werden, anders zu denken. Es geht darum, das Verbindende der Religionen deutlich zu machen, Menschen guten Willens zu stärken und zusammenzuführen, Gemeinsamkeiten zu sehen. Die unterschiedlichen Wurzeln und Motivationen muss man akzeptieren und stehenlassen können.

Gibt es verschiedene Feierformen?

Die Deutsche Bischofskonferenz hat Leitlinien für gemeinsame Gebete herausgegeben. Dabei werden die „multireligiöse Feier“ und die „Liturgische Gastfreundschaft“ empfohlen. Bei einer „multireligiösen Feier“ sind alle Vertreter gleichberechtigt. Die Religionen beten nacheinander im Beisein der anderen. Es ist ein Teammodell, gut geeignet zum Beispiel bei Einschulungsfeiern, Stadtteilfesten oder Friedensgebeten. Es findet an einem neutralen Ort statt, zum Beispiel in der Aula der Schule oder auf einem Marktplatz. Die „Liturgische Gastfreundschaft“ dagegen ist ein Gastgebermodell. Eine Religion lädt andere ein, den Gottesdienst mitzufeiern und bereitet die Feier federführend vor. Die Gäste werden begrüßt, treten aber nicht „im gleichen Maß“ als Akteure auf. Das wäre eine gute Möglichkeit für einen Adventsgottesdienst. Interview: Astrid Fleute/Foto: Thomas Osterfeld

Material:

Maria Holzapfel-Knoll, Stephan Leimgruber: „Gebete von Juden, Christen und Muslimen“, dkv Verlag, 9,95 Euro;  

„Warum beten wir eigentlich nicht zusammen?“, Arbeitshilfe der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover, 5 Euro. 

www.speisen-fuer-waisen.de