17.07.2014

Dialogbeauftragte Katrin Großmann: Sich mit dem Fremden vertraut machen

Auch mal in eine Moschee gehen

Ein Freiwilligendienst in Israel hat ihr Interesse an interreligiösen Fragen geweckt. Heute ist Katrin Großmann Dialogbeauftragte im Bistum Osnabrück. Sie erzählt, warum sie dort ihre Traumstelle gefunden hat und warum es kein gemeinsames Gebet der Religionen geben kann.

 

Das Bistum Osnabrück hat einiges zu bieten, wenn es um interreligiöse
Kontakte geht. Mit diesem Plakat präsentierte sich das Bistum beim
Katholikentag in Regensburg. Jetzt hängt es im Büro der Dialogbeauf-
tragten Katrin Großmann. Fotos: Anja Sabel

Seit Tagen rollt eine neue Welle der Gewalt. Israel und die radikalislamische Hamas setzen ihre Angriffe unvermindert fort. Menschen sterben. Katrin Großmann verfolgt die aktuelle und beunruhigende Situation im Nahen Osten aufmerksam. Sie hat längere Zeit dort verbracht, die politischen und auch religiös motivierten Spannungen miterlebt – aber die Religionen eben nicht nur als Akteure in bewaffneten Konflikten kennengelernt.

Nach ihrer Krankenpflegeausbildung leistete Katrin Großmann einen Freiwilligendienst in einem Heim für behinderte Kinder in Jerusalem. Ein Ort interreligiösen Zusammenlebens, der die heute 34-Jährige so beeindruckt hat, dass sie beruflich noch einmal umschwenkte, Theologie studierte und jetzt als Beauftragte für den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen im Bistum Osnabrück unterwegs ist. Aufgewachsen ist sie „gut katholisch“ in der Nähe von Trier. „Bis ich gemerkt habe, dass es auch evangelische Christen gibt, war ich fast erwachsen“, sagt sie lachend. Während eines Studienjahres in Jerusalem vertiefte sich ihr Interesse an interreligiösen Fragen – auch weil sie religiöse Vielfalt direkt vor der Haustür hatte. „Ich war freitags öfter in der Synagoge, habe an jüdischen Festen teilgenommen und war zum Fastenbrechen bei einer muslimischen Familie eingeladen“, zählt sie auf.

Gesprächsklima begünstigt Vorreiterprojekte

In Osnabrück, sagt Katrin Großmann, habe sie ihre Traumstelle gefunden. Ihr gefällt die Offenheit des Bistums gegenüber Andersgläubigen. Und auch, dass die Religionsgemeinschaften seit vielen Jahren miteinander sprechen. Dieses Klima begünstigt bundesweite Vorreiterprojekte wie die Drei-Religionen-Schule oder die jüdisch-christliche Kindertagesstätte „König David“. „Wir leben in einer Gesellschaft, die zunehmend pluraler und säkularer wird. Da ist es wichtig, dass diejenigen, die an Gott glauben, in bestimmten Kontexten mit einer Stimme sprechen und den Raum der Religionen im öffentlichen Leben verteidigen. Und ich finde es wichtig, dass wir Formen des Miteinanders entwickeln, die anderen kennen, uns mit ihnen vertraut machen und ihnen respektvoll begegnen.“

Die steigende Nachfrage im Bistum beflügelt sie. Immer mehr kirchliche Gruppen interessieren sich für das Verhältnis der Kirchen zu Judentum und Islam; Erzieherinnen wollen wissen, wie sie mit muslimischen Kindern im Kindergarten umgehen sollen. Oder wie man in Schulen multireligiös feiert. So mancher Lehrer wundert sich zum Beispiel, dass für solche Anlässe keine gemeinsamen Gebete existieren, sondern dass nacheinander gebetet wird. „Alles andere wäre übergriffig. Wir würden sonst der Tatsache, dass es unterschiedliche Vorstellungen von diesem einen Gott gibt, nicht gerecht“, erklärt Großmann.

Zurzeit arbeitet sie an einem neuen Konzept in der Lehrerfortbildung mit: Es sollen interreligiöse Teams gebildet werden, die jeweils über ihre eigene Religion informieren. „Es ist nicht mehr sinnvoll, dass ich als katholische Referentin über den Islam oder das Judentum spreche.“

Eine Frage des Wissens und des differenzierten Blickes

Katrin Großmann ist überzeug: Der Dialog gehört zum Wesen der Kirche. Aber wie wird der Einzelne dialogfähig? Offen sein, sich kennenlernen, zum Beispiel den Tag der offenen Moschee nutzen, sich überzeugen, dass man vom Kopftuch nicht automatisch auf die religiöse Gesinnung eines Menschen schließen kann und dass nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime radikalen Strömungen zugeneigt ist, schlägt Großmann vor. Es sei alles eine Frage des Wissens und des differenzierten Blickes – die beste Strategie gegen Ängste und Vorurteile.
Wer sich mit dem Fremden konfrontiert, schärft zugleich das eigene Profil. „Wenn ich von klein auf weiß, warum wir Fronleichnam feiern, weil ich danach gefragt werde, kann ich mich in Glaubensfragen ganz anders artikulieren.“ Und sie gibt ehrlich zu: „Ich selbst hätte darauf mit 20 Jahren noch nicht antworten können.“

Anja Sabel