13.09.2017

Schüler und der Erste Weltkrieg

Auf den Feldern Flanderns

Osnabrücker Schüler erlebten in Belgien, wie es einer australischen Einheit im Ersten Weltkrieg ergangen ist. Die Jugendlichen legten für alle Opfer einen Kranz nieder.


Es ist ganz still, als Merle Steiner die Geige hochnimmt. So still, dass man tatsächlich eine fallende Nadel hören würde. Merle nimmt den Bogen und fängt an. Die 15-Jährige spielt die Komposition „In Flanders Fields“. Hunderte Menschen hören zu, darunter ihre Mitschüler von der Thomas-Morus-Schule Osnabrück. Mit ihnen zusammen hat Merle die Gestaltung dieser Gedenkstunde übernommen, die als „the last post“, etwa: der letzte Wachposten, täglich im belgischen  Ypern an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten des britischen Commonwealth erinnert.

Die Jugendlichen der Osnabrücker Oberschule, die sich im Wahlpflichtkurs Politik mit dem Thema Erster Weltkrieg befasst haben, schauten sich noch am Abend des Ankunftstags an, wie „the last post“ abläuft – wie lange die Zeremonie geht und wie der Kranz abgelegt wird. Am nächsten Tag sind sie selbst als Gestalter der Gedenkveranstaltung dabei. Die Zeremonie findet seit dem 1. Mai 1928 täglich um 20 Uhr vor dem „Menenpoort“ statt, einem Gedenktor, in dessen Innern die Namen von 54 896 Vermissten der vier Flandernschlachten stehen.

Die Osnabrücker haben am Nachmittag einen Kranz vorbereitet, mit Blumen aus Papier: mit „Poppies“, den Mohnblumen, die die Briten verwenden, und mit Vergißmeinnicht, wie sie auf Kränzen des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge zu finden sind. Jetzt tragen zwei Mädchen der Thomas-Morus-Schule den Kranz und legen ihn nieder. 

Die feierliche Stunde bildet einen großen Kontrast zu dem anderen Programmpunkt ihrer Fahrt. Die Jugendlichen nehmen an einem besonderen Erlebnistag des „Memorial Museums Passchendaele 1917“ teil unter dem Stichwort: „the Platoon Experience“. Als Soldaten einer australischen Einheit, die an der Schlacht vom 4. Oktober 1917 teilnimmt, werden sie über den alten Bahndamm zu historischen Stätten des Kampfes geschickt. Gekleidet in Uniformen aus kratzigem Stoff, ausgestattet mit Gewehren der damaligen Zeit, deren Lauf zugestopft ist, den Munitionsgürtel umgehängt und die Gasmaske in Griffweite, laufen sie durchs Gelände. Über den MP-3-Player werden ihnen Kampfgeräusche in die Kopfhörer übermittelt. Es fühlt sich an, als seien sie mitten im Kriegsgeschehen. Von Stille keine Spur.

Merle ist an diesem Vormittag der Zugführer. „Ich musste die Leute hierhin schicken und dahin schicken,“ erzählt sie. Im Trupp dabei sind auch die Lehrer Felix Trentmann und Dieter Ostendorf; Trentmann schleppt den ganzen Tag die Trage des Sanitäters mit sich herum. Zuvor war die Gruppe im Museum in Ypern über die Schlachten in Flandern informiert worden. Nun wird aus historischem Wissen ein nachempfindbares schreckliches Erlebnis.

Das Memorial Museum Passchendaele legt Wert darauf, dass es nicht um ein Kriegsspiel geht, sondern dass Jugendliche im Rollenspiel die Tragik des Krieges erkennen können. Im Gelände ist stets ein Mitarbeiter des Museums dabei. Merle erinnert sich: „Und als der rief: ‚Gas, Gas’, mussten wir alle die Gasmaske aufsetzen. In zwölf Sekunden.“ Und wer das nicht rechtzeitig schaffte? „War tot“, sagt Merle. Die Mitschüler nicken.

Der Museumstag hat die Jugendlichen offenkundig beeindruckt, ihre Wahrnehmung für die Schrecken des Krieges geschärft. Jeder von ihnen hat zu Beginn des Geländemarsches eine Identität erhalten, den Namen eines australischen Soldaten, den es wirklich gegeben hat.

„Ich war ein 26-jähriger Soldat, der den Ersten Weltkrieg überlebt hat“, erzählt Serdar. „Im Zweiten Weltkrieg bin ich schwer verletzt worden, war in Großbritannien im Krankenhaus und nachher noch in Australien, und bin dann mit 45 Jahren gestorben.“ Cedric erhielt die Identität von Joseph Francis, 29 Jahre alt. „Der ist im Kugelhagel gestorben“, berichtet Cedric.

Der Marsch endet auf dem britischen Soldatenfriedhof „Tyne Cot“. Die langen Reihen der Gräber verdeutlichen die hohen Opferzahlen. Noch heute gelten 50 000 Männer als vermisst. Ein Landwirt, der in der Nähe seine Felder hat, findet immer noch Relikte aus dem Krieg. Wöchentlich ist ein Munitionsräumkommando im Einsatz. Auf dem Rückweg ihrer Flandernfahrt besuchte die Gruppe außerdem den deutschen Soldatenfriedhof Langemark. 

Die Kosten für die Flandernfahrt konnten vollständig aus Sponsorengeld gedeckt werden. Begleitet wurde die Gruppe von den Journalisten Maria Menzel und Martin Lengemann („Die Welt“). Videofilmerin Menzel wird eine 20-minütige Reportage zusammenstellen.

Andrea Kolhoff