08.09.2017

„U-18-Wahl"

Auf die Stimme der Jugend hören

Kinder und Jugendliche wählen den Deutschen Bundestag schon neun Tage vor dem regulären Wahltermin. Das Ergebnis dieser „U18-Wahl“ zählt zwar nur fiktiv – wird aber von Politikern und Medien deutlich wahrgenommen und wertgeschätzt. Wahllokale können auch kurzfristig noch eingerichtet werden.

Jede Menge Infomationsmaterial hält Vera Seeck vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend in Osnabrück für interessierte Gruppen bereit. | Foto: Thomas Osterfeld

Im Büro von Vera Seeck stapelt sich das Material: Bücher, Broschüren, Hefte, Spiele, Poster oder Luftballons in Schwarz, Rot und Gold: Werbematerial für die „U18-Wahl“ gibt es genug beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in Osnabrück. Denn obwohl Kinder und Jugendliche den deutschen Bundestag nicht offiziell mitwählen können, dürfen sie bei dieser Aktion in eigenen Wahllokalen ihre fiktive Stimme abgeben. Sie wird offiziell ausgewertet und von vielen Politikern sehr interessiert wahrgenommen – als Meinung der künftigen Wählergeneration.

Der BDKJ unterstützt diese bundesweite Initiative. „Bei der nächsten Wahl dürfen viele dieser jungen Menschen offiziell mitwählen“, betont Vera Seeck. Daher ist es der Referentin für „Soziale Gerechtigkeit“ wichtig, dass die Kinder- und Jugendlichen sich schon jetzt mit den wesentlichen Inhalten der Parteien auseinandersetzen. Im umfangreichen Informationsmaterial werden sie kurz, knapp und altersgerecht erläutert.

Mit der „U-18-Wahl“ können Kinder und Jugendliche erfahren, wie eine reale Wahl stattfindet – mit Wahlurne, Wahlkabine und Wahlbögen mit den echten Kandidaten der einzelnen Parteien. Das bundesweite Angebot gibt es mittlerweile zu jeder Wahl, so auch zur Landtagswahl in Niedersachsen im Oktober. Und die Aktion wächst stetig: Bei der Bundestagswahl 2013 gingen fast 200 000 Kinder und Jugendliche in 1500 Wahllokalen wählen. Auch für die Wahl 2017 haben sich schon über 1000 Wahllokale gemeldet. Und täglich wächst die Zahl. „Uns geht es darum, junge Menschen für die Demokratie und eines ihrer wichtigen Instrumente zu begeistern“, sagt Marcus Lehmann, der die Wahl 1996 in einem Berliner Jugendclub erfand.

Schon über 1000 Wahllokale wurden angemeldet

Organisiert wird die Aktion heute vom Netzwerk U18, das aus öffentlichen und freien Trägern besteht. Dazu gehören das Deutsche Kinderhilfswerk, der Bundesjugendring, die Landesjugendringe, viele Jugendverbände und das Berliner U18-Netzwerk. Gefördert wird U18 zur Bundestagswahl durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Auch wenn die Zeit knapp wird, möchte Vera Seeck Gruppen, Verbände und auch Schulen motivieren, auch mit kleinen Gruppen mit­zumachen. „Wir können nur repräsentativ sein, wenn wir viele sind“, betont sie. Die Ergebnisse werden den Bundestagsabgeordneten der Regionen mitgegeben – „als Information und zur Mahnung, was Kindern und Jugendlichen wichtig ist“. Für Interessierte hier die wichtigsten Informationen:

Wer kann mitmachen?
Im Grunde können alle Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit mitmachen, wenn die Kinder und Jugendlichen Lust auf U18 haben. Auch Schulen begeistern sich zunehmend für das Projekt.

Wer kann bei U18 wählen gehen?
Alle Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren dürfen ihre Stimme abgeben. Die Nationalität spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass sie ihr Kreuz eigenständig machen können. Es gibt keine Altersbeschränkung nach unten, niemand darf stellvertretend oder im Auftrag wählen.

Wie erfahre ich, ob es in meiner Umgebung Wahllokale gibt?
Alle wichtigen Informationen sind auf der Website www.u18.org veröffentlicht. Hier gibt es auch eine übersichtliche Landkarte mit allen bisher gemeldeten Wahllokalen. Im Zeitraum direkt vor der Bundestagswahl kommen hier täglich neue Lokale hinzu. Wer wissen möchte, welche Aktionen in seiner Region laufen, der kann sich an eine Landeskoordinierungsstelle in seinem Bundesland wenden.

Wo kann es Wahllokale geben?
Eigentlich überall, wo sich junge Menschen aufhalten oder wohin sie eingeladen werden können. Die häufigsten Orte für Wahllokale sind Schulen, Jugendclubs oder Kinder- und Jugendfreizeit­einrichtungen. Aber auch Kirchen, Gemeinderäume und öffentliche Plätze mit mobilen Wahllokalen sind möglich. Nur Parteien oder politisch motivierte extreme oder antidemokratische  Gruppen sind von der Gründung von Wahllokalen ausgeschlossen.

Was muss ich machen, um ein Wahllokal zu eröffnen?
Als erstes muss das Wahllokal über die U18-Website angemeldet und dann von einer Koordinierungsstelle freigeschaltet werden. Sämtliche Unterlagen werden zum Download auf der Homepage bereitgestellt. Diese Unterlagen sollen dann am Wahltag im Wahllokal ausgehängt oder ausgelegt werden. Benötigt werden darüber hinaus nur noch eine Wahlurne, eine Wahlkabine, eine Handvoll Kulis und die vervielfältigten Stimmzettel.

Was passiert mit den Ergebnissen?
Die U18-Ergebnisse sollten in die Öffentlichkeit und in die Politik eingebracht werden. Sie können, auch wenn sie nicht repräsentativ sind, so kurz vor den „richtigen“ Wahlen das Stimmungsbild der Jugend reflektieren. Wenn beispielsweise übermäßig viele Stimmen für rechtsextreme Parteien vergeben wurden, könnte das als Signal verstanden werden, verstärkte Bemühungen für politische Bildung und demokratisches Bewusstsein zu unternehmen.

Astrid Fleute

Die Internetseite www.u18.org bietet didaktische Unterstützung und Materialien zum Download an. Auch die Ergebnisse werden hier am Wahltag ausgewertet.