24.08.2017

Neues nähen aus Hungertüchern

Betende Maria auf dem Gotteslob

In der Kirche in Meppen-Esterfeld wird es richtig bunt. Sechs Frauen aus der Gemeinde nähen aus Hungertüchern Hüllen für das Gesangbuch und Stolen für die Seelsorger. Der Erlös aus dem Verkauf geht an Misereor.

Fleißig: Die Meppener Frauen treffen sich regelmäßig zum Nähen im Pfarrheim. | Foto: Petra Diek-Münchow

„Fertig!“, ruft Carola Lübbers. Sie schneidet das Garn ab und krempelt den Saum um. „Guckt mal, meine erste Tasche“, sagt sie und zeigt Petra Quednow stolz ihre Arbeit. „Dabei kann ich eigentlich gar nicht nähen.“ Und widerlegt die Behauptung gleich selbst, denn der Beutel sieht richtig gut aus. Jede Naht sitzt, kein loser Faden baumelt, die Kanten sind gerade – es fehlen nur noch die Henkel. Die Motive auf der Tasche sind mehr als nur einen flüchtigen Blick wert. Denn der Stoff stammt von einem Misereor-Hungertuch aus dem Jahr 2002. El Loko aus Togo hatte es gemalt – mit 36 Gesichtern aus aller Welt, die Geschichten von Tod und Leben, von Krieg und Frieden erzählen.

Es ist nicht das einzige Hungertuch, dass in der Meppener Gemeinde St. Maria zum Frieden umgestaltet wird. Sieben Frauen treffen sich alle zwei Wochen vormittags oder abends im Pfarrzentrum und nähen aus den Tüchern der vergangenen 30 Jahre zum Beispiel Hüllen für das Gotteslob, Täschchen für Rosenkränze, bunte Stolen für die Seelsorger, Einkaufsbeutel und Rucksäcke. Der Saal im Gemeindehaus sieht dann wie eine große Schneiderei aus. Vor dem Fenster rattern die Nähmaschinen im Takt, auf dem Tisch wird zugeschnitten und abgesteckt, am Bügelbrett eifrig geplättet. Neben Petra Quednow, Simone Bramlage und Carola Lübbers machen auch Anja Schulte, Angelika Dasenbrock, Julia Wilkowsky und Ruth Schöler mit. Und manchmal helfen sogar einige ihrer Kinder. „Schauen Sie mal, was wir alles schon geschafft haben“, sagt Petra Quednow und präsentiert wunderbar leuchtende Einbände für das Gesangbuch.

Sie hatte auf der Facebook-Seite des Kirchenboten von einer ähnlichen Aktion in Lingen gelesen, fand die Idee „klasse“ und schlug sie für die ganze Pfarreiengemeinschaft Meppen-Esterfeld, Rühle und Fullen/Versen vor. Denn warum sollen die Misereor-Hungertücher aus diesen drei Gemeinden im Keller, Schrank oder auf dem Orgelboden einfach verstauben? Die Frauen holen sie dort heraus, waschen und bügeln sie – und sehen sich jedes einzelne genau an. Das gleicht einer Entdeckungsreise durch die Geschichte der Hungertücher, die Misereor seit 1976 regelmäßig vorstellt (siehe auch „Zur Sache“). Da gibt es zum Beispiel das Bild aus dem Jahr 1980 mit den sieben Werken der Barmherzigkeit. Daneben liegt das Tuch aus dem Jahr 1996, das von der Hoffnung der Ausgegrenzten erzählt. Und ein weiteres von 2004 über die Vater-Unser-Bitte vom täglichen Brot.

Große Nachfrage nach Einbänden, Taschen und Beuteln

Es sind schöne Stoffe, die Petra Quednow an diesem Vormittag im Pfarrheim präsentiert: festes Leinen, robuste Baumwolle, feiner Jersey – und fast immer in leuchtendbunten Farben. Die Frauen wählen sehr sorgsam aus, welche Motive sie für welches Nähwerk einsetzen. Das Gesicht von Mirjam, die auf einem der Hungertücher ein Gewand in den Farben des Regenbogens trägt, zerschneiden sie nicht. Sondern machen daraus einen Gotteslob-Einband. „Wie den hier“, sagt Petra Quednow und zeigt ein fertiges Exemplar mit der betenden Maria vorne auf der Hülle. „Das wird sicher schnell weggehen“, glaubt sie zu Recht.

Denn die Nachfrage nach den Einbänden, Taschen und Beuteln ist groß. Das Team setzt für den Verkauf aber keine bestimmten Preise fest. Jeder Interessent kann dafür so viel zahlen, wie er kann und möchte. Der Erlös bleibt nicht in Meppen, sondern die Frauen spenden das Geld an das Hilfswerk. „Es kommt von Misereor und ist für Misereor“, sagt Petra Quednow.

Petra Diek-Münchow

Die Gotteslobumschläge, Rosenkranztaschen und Beutel werden beim Pfarrfest der Meppener Gemeinde St. Maria zum Frieden am Sonntag, 10. September, angeboten. Wer Lust hat, mitzunähen, kann sich unter Telefon 0 59 31/84 75 50 melden.


 

Zur Sache
Die Hungertuchidee entstammt einem alten, kirchlichen Brauch, der bis vor das Jahr 1000 nach Christus zurückgeht. Die Tücher zeigten früher der des Lesens meist unkundigen Gemeinde die Heilsgeschichte in Bildern.

Das bischöfliche Hilfswerk Misereor hat 1976 die Tradition der Hungertücher wieder aufgegriffen. Alle zwei Jahre wird ein neues Bild von Künstlern und Künstlerinnen aus Afrika, Lateinamerika und Asien gestaltet – die Werke ermöglichen Einsichten in das Leben und den Glauben von Menschen anderer Kulturen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Hungertücher in vielen christlichen Kirchen zu einem festen Bestandteil der Fastenzeit.