22.03.2017

Beinahe rund um die Uhr wird in Freren aus der Bibel vorgelesen

Bibellesen nach Plan

Frauen und Männer lesen in der St.-Vitus-Kirche in Freren laut aus der Bibel vor – eine Woche lang, täglich von 8 bis 22 Uhr. Dieses Projekt soll ein spirituelles Gemeinschaftsgefühl wecken.

Die Gruppe der Vorleser mit Pfarrer Jürgen Krallmann und Initiator Hans-Ulrich Sudek. Foto: E. TonderaDie Vorleserinnen und Vorleser haben sich einiges vorgenommen: Auf dem Leseplan stehen die fünf Bücher Mose, die Bücher der Lehrweisheit, die Psalmen und das gesamte Neue Testament. Um dieses Pensum schaffen zu könen, sind die Freiwilligen eine Woche lang beschäftigt. Täglich von 8 bis 22 Uhr lesen sie vom 22. bis 29. März in der St.-Vitus-Kirche in Freren laut aus der Bibel vor. Unterbrochen wird nur bei Gottesdiensten und eventuellen Beerdigungen. 

Die fortlaufende Bibellesung findet statt unter dem Motto „Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?“. „Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Pfarreiengemeinschaft Freren“, sagt Pfarrer Jürgen Krallmann. 35 Frauen und Männer haben sich bereiterklärt, abwechselnd jeweils eine Stunde zu lesen. Besonders freut es den Pfarrer, dass Menschen aus allen Gemeinden der Pfarreiengemeinschaft dabei sind und sich mehrere Generationen an der Aktion beteiligen: Die Vorlesenden sind zwischen Ende 20 und 90 Jahre alt. Auch der evangelische Pastor Friedbert Schrader hat sich angemeldet. 

Fortlaufende Lesung: mittelalterliche Übung

Die Männer und Frauen lesen nach einem Stundenplan, in den sie sich vorher eingetragen haben. Einige lesen häufiger, manche nur einmal, je nachdem, wie viel Zeit sie haben. Hans-Ulrich Sudek, Mitglied im Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand, brachte diesen ungewöhnlichen Vorschlag ein. Vor rund 25 Jahren hat er in der Kirchengemeinde St. Josef in Lingen-Laxten Ähnliches erlebt. Damals wurde die gesamte Bibel Tag und Nacht gelesen.

„Die lectio continua, also die fortlaufende Lesung, ist eine mittelalterliche Übung, die der Unterweisung der Christen diente. Damals waren die meisten Menschen Analphabeten“, erklärt Sudek. Heute gehe es darum, die Bibel, aus der in den Gottesdiensten immer nur kurze Abschnitte gelesen werden, im großen Zusammenhang zu erleben. Auch wenn kaum jemand die gesamte Zeit dabei sein wird, bekommen sowohl die Vorleser als auch die Zuhörer viele Passagen mit, die sonst nicht vorgetragen werden. Sudek hofft, dass dieses Projekt ein spirituelles Gemeinschaftsgefühl bei allen Beteiligten weckt. „Für viele wird es nicht nur eine angenehme Erinnerung sein, sondern weiterwirken“, ist Sudek überzeugt.

„Wir sind sehr gespannt“, sagt Pfarrer Krallmann und fügt hinzu: „Schön wäre es, wenn sich Gruppen beteiligen würden, vielleicht Schulklassen, die für eine Unterrichtsstunde in die Kirche kommen.“ Da die Resonanz nicht vorhersehbar sei, bleibt der jeweilige Vorleser eine halbe Stunde länger, der Nachfolger kommt eine halbe Stunde früher, „damit niemand vor leeren Kirchenbänken lesen muss“, sagt Krallmann.

Kabarett in der Fastenzeit: warum nicht?

Das Projekt endet mit theologischem Kabarett. Nach der Abendmesse am Mittwoch, 29. März, um 19.30 Uhr tritt im Vitus-Haus Freren der Münsteraner Kabarettist Markus von Hagen auf. Er greift die Themen Religion und Kirchen „von innen“ auf und „nicht nur humorvoll-unterhaltsam, sondern auch kritisch und provokant“. Kabarett in der Fastenzeit? „Warum nicht?“, meint Pfarrer Krallmann und zitiert den Vers aus dem Matthäus-Evangelium: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht.“

Elisabeth Tondera