Seit drei Monaten überlässt eine Bremer Gemeinde Flüchtlingen ihre Kirche

Catering in der Sakristei

Als eine Bremer Gemeinde im Dezember 2015 ihr Gotteshaus als Notunterkunft bereitstellt, verbreitet sich diese Nachricht in ganz Deutschland. Wie leben die Neuankömmlinge dort ein Vierteljahr später? Und wie gehen die Gläubigen von St. Benedikt damit um?

 

Einen Schlafplatz in der Kirche hat auch Yussef, 20, aus Syrien. Vier
Wände trennen ihn und drei Mitbewohner von zehn weiteren Zimmern.
Fotos: Philipp Adolphs

Nur das große Kruzifix ist in der Kirche geblieben. „Da hängt einer, breitet die Arme aus und sagt: Willkommen!“, erklärt Johannes Sczyrba. Der Pfarrer hat  mit seiner Gemeinde in Bremen-Woltmershausen die Kirche St. Benedikt geräumt und ist ins benachbarte Gemeindehaus umgezogen. Im ersten Obergeschoss wurde der Pfarrsaal zur Kapelle umgebaut. Das Wesentliche sei da: „Der Benedikt und die Maria“, sagt Sczyrba. Das große Gotteshaus an der Butjadinger Straße wurde zur Notunterkunft für Flüchtlinge umfunktioniert, die Caritas betreut die zumeist jungen Männer. Bis zu 40 Asylsuchende kommen in elf Drei- oder Vierbettzimmern unter. Die Wände sind aus dünnem Holz, jeder hat ein eigenes Bett und einen Spind. Keiner hat eine Decke über dem Kopf, und doch leben alle unter einem Dach.

Leiterin Julie Maywald und Khaled Raschi sind zwei von fünf Caritasmitarbeitern, die sich seit Dezember zwei volle Stellen für die Notunterkunft teilen. Raschi kam vor 20 Jahren selbst als Flüchtling aus dem Norden Syriens nach Deutschland. Wenn er die Lage der Asylsuchenden von früher mit heute vergleicht, ist er sehr optimistisch: „Heute ist es viel besser. Man ist herzlich willkommen, der Status ist gesichert, es gibt viel mehr Ehrenamtliche“, sagt er. Von 6000 ehrenamtlichen Helfern redet man allein in Bremen. Dass die Ämter nicht hinterherkommen, ist für Raschi ganz normal, schließlich habe Bremen bislang ebenso viele Flüchtlinge aufgenommen wie ganz Großbritannien – mehr als 15 000. Dennoch spricht er von „goldenen Zeiten“ für Flüchtlinge. „Früher herrschte Chaos hier“, sagt Raschi.

Ein Chaos ist in St. Benedikt ausgeblieben. Von 39 Bewohnern kommen fast alle aus Syrien, unter ihnen sind drei Frauen. Zurzeit ziehen viele aus: weil sie, was selten gelingt, eine eigene Wohnung finden konnten, oder weil sie in eine andere Unterkunft gebracht werden sollen – denn St. Benedikt ist nur eine Notunterkunft. Viele würden gern bleiben, sagt Pfarrer Sczyrba.

„Dreimal am Tag gibt es Catering in der Sakristei“, erzählt Caritasmitarbeiterin Maywald. Rund um die Uhr ist ein Sicherheitsdienst vor Ort, der Hausrecht hat, wenn die Caritas nicht da ist. Die Security achte darauf, dass die Nachtruhe zwischen 22 und 8 Uhr eingehalten werde, schütze die Kirchenbewohner aber auch vor dem Einfluss des kriminellen Miri-Clans, einer libanesischen Mafia.

Das Mittagessen nehmen die Kirchenbewohner im Gemeindezentrum neben der Kirche ein. Heute gibt es Spaghetti Bolognese. Im Versammlungsraum der St.-Benedikt-Gemeinde steht ein großer Fernseher. Für das einzige Kleinkind unter den Flüchtlingen läuft der Kinderkanal. Mit dem Rücken zum Bildschirm sitzen Maher und Yussef am Esstisch. In dem Deutsch, das sie nach drei Monaten gelernt haben, berichten sie von ihren Wünschen und Ängsten. Der 28-jährige Bauingenieur Maher will noch einmal studieren: „Ich hoffe immer auf Arbeit – nicht zu arbeiten ist Stress“, sagt er. Studiert hat er bereits im Libanon, doch befürchtet der Mann mit den Lachfalten um die Augen, dass sein Studium in Deutschland nicht anerkannt wird.
 

Der Platz sei ausreichend, sagt der Pfarrer. Gottesdienste in St. Benedikt
finden jetzt im Gemeindehaus statt.

Kirche und Moschee auf einen Schlag zerstört

Yussef ist gelernter Kfz-Mechaniker aus Daraa, eineinhalb Autostunden südlich von Damaskus. Der 20-Jährige fügt mit vorsichtigem Stolz hinzu: „Dort  begann die Revolution und der Ruf nach Freiheit.“ Dann wird er still und nachdenklich. Seine Mutter wurde im Bürgerkrieg erschossen, seine kleine Schwester nur knapp verfehlt. Sein Vater ist schwerkrank. In Yussefs liniertem Schreibblock finden sich Zeichnungen, wie man sie aus Schulheften kennt, nur mit Bildern von Soldaten mit Sturmgewehren – neben deutschen Vokabellisten und arabischen Einträgen, vielleicht Prosagedichte oder Tagebuchnotizen.

Eine Doppelseite ist einer Zeichnung gewidmet, die eine christliche Kirche neben einer Moschee zeigt. Genauso haben die Gotteshäuser nebeneinander in Daraa gestanden, bis eine Bombe beide Gebäude auf einen Schlag zerstörte. Maher und Yussef wollen bald eine Wohngemeinschaft in Bremen gründen, hier kennen sie Leute: ehrenamtliche und hauptamtliche Helfer und neue Freunde.

Alle zwei Wochen mittwochs trifft sich im Essensraum der Senioren- und Frauenkreis der Gemeinde. Eva Schönberger bereitet das Treffen vor. Früher war es in der Kirche, „jetzt muss ich in kürzester Zeit alles umbauen“, sagt sie. Aber die Flüchtlinge würden ihr helfen. „Bis jetzt hat es immer funktioniert.“

Die Kirche als Notunterkunft – das habe den einen oder anderen aus der Gemeinde schon abgeschreckt, gibt Schönberger zu. Inzwischen aber ist es für die meisten „okay“. Maywald berichtet von anfänglichen Ängsten in der Gemeinde und der Nachbarschaft, doch jetzt wollen viele konkret helfen. Der Rückhalt in der Gemeinde wächst: Neben Sprachkursen haben Ehrenamtliche ein regelmäßiges Fußballspiel und kulturelle Ausflüge möglich gemacht. Im Pusdorfer Laden „Offene Hand“ werden Spenden, Handarbeitskurse und Fahrräder vermittelt.

Der Kirchenvorstand stimmte damals einstimmig für die Aufnahme von Flüchtlingen. Die neue Kapelle im alten Pfarrsaal inmitten von Mietwohnungen reiche den 30 Gläubigen, die regelmäßig kommen, sagt ihr Pfarrer. „Was sollen wir mit der großen Kirche?“ Was die Zukunft bringt, weiß Sczyrba nicht. Vielleicht gehe man auf Dauer in die evangelische Christ-König-Kirche. Gute Kontakte bestehen bereits. Ende Oktober wird die St.-Benedikt-Kirche 50 Jahre alt, sagt Sczyrba. Dann feiert sie ihr „ganz eigenes Jubiläum“.

Philipp Adolphs