06.12.2017

Demokratie in Gefahr?

Christen in der Pflicht

Ist unsere Demokratie in Gefahr? Zumindest ist sie in einer Krise – was Populisten für sich nutzen. Wolfgang Thierse, Gastredner bei der Niels-Stensen-Akademie, sieht die Kirchen als Vorreiter beim Verteidigen der Demokratie.

Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagspräsident, bei seinem Vortrag an der Universität in Osnabrück | Foto: Thomas Osterfeld

„Ossi-Bär“ nannten sie ihn liebevoll-ironisch in der SPD, wegen seines kräftigen, inzwischen gestutzten Bartes. Und auch „Ossi-Versteher“. Was Wolfgang Thierse nie davon abhielt, mit seinen ostdeutschen Landsleuten auch mal hart ins Gericht zu gehen. Er ist ein überzeugter Europäer, denkt auch nach seiner aktiven Politikerzeit gern „quer“ und nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Und er reist durchs Land, um den Menschen wortgewaltig ins Gewissen zu reden.  

Ist unsere Demokratie in Gefahr? Diese Frage treibt den ehemaligen Bundestagspräsidenten um, auch an der Osnabrücker Universität als Gast der Niels-Stensen-Akademie, die sich dem Dialog von Wissenschaft und Theologie verschrieben hat. Kriege, islamistischer Terror, Millionen Flüchtlinge weltweit, die Schattenseiten der Globalisierung, die sich verschärfende soziale Ungleichheit – das alles löse Gefühle der Unzufriedenheit, des Kontrollverlustes über das eigene Leben aus, sagt Thierse. Abstiegsängste und Zukunftsunsicherheit plagten selbst die soziale Mittelschicht. Die Welt scheint aus den Fugen geraten. „Als fatale Folge erleben wir, nicht nur in Deutschland, die Wiederkehr alter Geister: des Nationalismus, des Rassismus, der autoritären Politik.“

„Das ist die Stunde der Populisten“

Ein vertrauter, angstgetriebener, gefährlicher Mechanismus wird sichtbar: je komplexer und bedrohlicher die Probleme, desto stärker das Bedürfnis nach einfachen Antworten, die Sehnsucht nach der schnellen (Er)lösung, nach der starken Autorität. „Das ist die Stunde der Populisten“, mahnt Thierse, „der Vereinfacher und Schuldzuweiser; Lügen halten Hof als alternative Fakten.“ Wird sich die liberale, offene, rechts- und sozialstaatliche Demokratie dennoch  bewähren? Wolfgang Thierse ist zuversichtlich. Allerdings: „Wir müssen wieder begreifen, wie wenig selbstverständlich und gesichert die Demokratie ist“, betont er. Sie sei eine dauernde zivilisatorische Kraftanstrengung und müsse immer wieder neu gelernt werden. Sie garantiere nicht per se ökonomischen Erfolg, Wohlstand und Gerechtigkeit. Aber sie sei die politische Lebensform der Freiheit, einer Freiheit, die das Streben nach Wohlstand und Gerechtigkeit für alle ermögliche.

Unsere Gesellschaft ist gespalten. Das machte der Flüchtlingsstrom in den vergangenen beiden Jahren deutlich. „Es gibt Menschen, die ängstlich, vorurteilsbelastet und sogar mit Gewalt darauf reagiert haben. Aber es gibt auch viele Menschen, die durch ihren beispiellosen Einsatz Defizite des Staates ausgeglichen und das Ganze nicht zu einer humanitären Katastrophe haben werden lassen“, sagt Thierse.  

Nicht verharren in einer Zuschauerdemokratie

Deutschland wird pluralistischer und widersprüchlicher. Und dieser Pluralismus, kündigt der Gastredner an, wird keine Idylle sein. „Wenn wir Pluralität aktiv und friedlich leben wollen, müssen wir uns Fragen stellen: Wer sind wir Deutschen? Was haben wir anzubieten? Was verbindet uns? Wie schützen wir uns vor Vorurteilen, Ängsten, Fanatismus?“ Für den Zusammenhalt einer pluralistischen Demokratie bedarf es auch Werte – Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität, dem, was wir für ein sinnvolles und gutes Leben halten, Toleranz und Respekt.

Hier nimmt Thierse die Christen in die Pflicht. „Sie haben erst spät zu einem vorbehaltlosen Ja zur Demokratie gefunden. Jetzt sollten sie Vorreiter sein beim Verteidigen der Demokratie. Demokratie als politische Lebensform der Freiheit ist auch die Voraussetzung zur Religionsfreiheit.“  Demokratisch zu handeln, sei mehr, als eigene berechtigte Interessen zu vertreten. Dies schließe den Blick auf andere Menschen, den Sinn für das Gemeinwohl, die Fähigkeit zum Konsens ein und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. „Gesicht zeigen“, nennt es Thierse und warnt davor, in einer Zuschauerdemokratie zu verharren. „Demokratie ist eben das Gegenteil einer Talkshow, wo derjenige siegt, der am schnellsten Pointen setzt. Sie ist Streit, eine Debatte nach Regeln der Fairness. Sie ist grau, hässlich, enttäuschungsbehaftet, schweißtreibend und mühselig – aber auch lustvoll.“

Und weiter: „An einer sicheren Zukunft unserer Demokratie haben wir miteinander zu arbeiten, gewissermaßen an einem Wir, über alle kulturellen und religiös-weltanschaulichen Differenzen hinweg.“

Anja Sabel

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