Paten unterstützen Flüchtlingsfamilien im Alltag

Damit der Start gelingt

Als Pate helfen: In vielen Städten begleiten Menschen Flüchtlinge, damit sie sich im Alltag besser zurechtfinden, heimisch werden. Eine tolle Sache – auch für Familien.

 

„Wir schaffen das!“: Familie Kengo aus Syrien ist sehr froh über die unermüdliche Hilfe von Patin Justina und ihrer Tochter Laura. Foto: Astrid Fleute

Eine Frage brennt Kengo Kengo noch auf der Seele. In gebrochenem Englisch fragt er vorsichtig: „Weißt du etwas von unserem Interview?“ Justina Minneker schüttelt den Kopf. „Nein, leider nicht.“ Die 49-jährige weiß, wie sehr die fünfköpfige syrische Flüchtlingsfamilie darauf wartet, endlich einen Asylantrag in Deutschland stellen zu können. Seit Ende November leben sie in Kettenkamp im Osnabrücker Land und warten auf ihre Anhörung. Justina und ihre elfjährige Tochter Laura kümmern sich als Paten um die Familie, die aus der umkämpften Stadt Aleppo geflohen ist. Ihr ganzer Besitz war in zwei Koffern verstaut.

Anfangs schaute die Kettenkamperin fast täglich in der Wohnung der Flüchtlinge vorbei, fuhr mit der Familie zum Einkaufen, übersetzte Behördenschreiben, organisierte die Teilnahme an einem Sprachkurs. Regelmäßig fährt sie mit ihnen zur Kleiderkammer und zur Tafel, begleitet sie zum Arzt, beantwortet geduldig alle Fragen und kümmert sich als ehrenamtliche Betreuerin um den Alltag der Familie. Für sie ist das selbstverständlich: „Die Flüchtlingsschicksale gehen mir nahe. Uns geht es gut. Da möchte ich etwas zurückgeben.“

Auch jetzt sitzen die Kengos wieder auf dem Sofa, froh, dass Justina da ist, denn Mutter Mariam und der 20-jährige Ahmar müssen dringend zum Zahnarzt, für die 16-jährige Tochter Doaah und den 17-jährigen Muhammad  steht im April der Schulbesuch an. Für Ahmar möchte Justina so schnell wie möglich einen Praktikumsplatz besorgen, vielleicht als Maler oder Dekorateur. Auch der Vater möchte arbeiten. Auf Deutsch, Englisch, mit „Händen und Füßen“ klappt die Unterhaltung. Schwierige Wörter schlägt Laura im Arabisch-Wörterbuch nach und zeigt auf die Übersetzung: „Praktikum“. Sofort leuchten die Augen des Familienvaters. „Praktikum, das ist wichtig.“

„Uns geht es gut. Da möchte ich etwas zurückgeben“

Möglichst schnell heimisch werden, zum Alltag zurückkehren, wieder arbeiten können, das ist der Wunsch von Familie Kengo. In Aleppo wurde ihr Haus zerstört, auch die Straße, in der sie wohnten, existiert nicht mehr. Justina Minneker hilft ihnen, wo sie kann. Seit die Familie einen Sprachkurs besucht, spricht sie regelmäßig Deutsch mit ihnen, fährt Tochter Doaah jede Woche zur Balettschule im nächsten Ort, für Ahmar hat sie ein Fitnessstudio organisiert. „Das waren die ersten glücklichen Momente der beiden. Sie haben gestrahlt. Wieder etwas Eigenes zu haben, mal rauszukommen, Kontakte zu Gleichaltrigen zu bekommen, das ist wichtig“, erklärt Justina Minneker. Aus eigenen Erfahrungen weiß sie, dass das Leben im Ausland anstrengend ist.

Auch ihre Tochter Laura findet es gut, dass sich ihre Mutter um die Flüchtlinge kümmert, so oft es geht, begleitet sie sie, hat schon Karten mit der Familie gespielt und sie zum Schlittschuhlaufen mitgenommen, um ihnen die Zeit zu vertreiben. Und als vor kurzem im Religionsunterricht das Thema Flüchtlinge angesprochen wurde und einige Mitschüler meinten, „dass es denen ja gar nicht so schlecht geht, weil sie ja alle IPhones und teure Schuhe haben“, konnte sie etwas von ihren Erfahrungen berichten. „Ein Smartphone, das ist für die Flüchtlinge überlebenswichtig“, weiß auch ihre Mutter: „So können sie Kontakt zu Verwandten und Freunden nach Syrien halten, übersetzen, auf der Flucht ist es ein Navi und ein wichtiges Kommunikationsmittel.“

Für jede Flüchtlingsfamilie einen Paten zu finden, ist das Ziel eines Integrationskreises, der sich in Kettenkamp auf Initiative der politischen Gemeinde und der katholischen Pfarreiengemeinschaft gebildet hat. „Es gibt viele Menschen, die sich einbringen möchten“, ist Jugendreferentin Nina Mönch-Tegeder begeistert. Wie Justina Minneker betreut auch sie eine Flüchtlingsfamilie und findet es spannend, mit ihnen eine andere Kultur kennenzulernen. Aus ihren eigenen Erfahrungen weiß sie: „Gerade zu Beginn ist es wichtig, einen Ansprechpartner zu haben. Die Flüchtlinge haben tausend Fragen und können ja noch nicht sehr viel alleine erledigen.“ Auf Dauer, ist sie sich sicher, könnten sie so besser integriert werden. So haben die Paten mit ihren Familien den Weihnachtsmarkt besucht, mit ihnen Geburtstag gefeiert, sie gehen spazieren oder auf den Spielplatz – und erklären ihnen nebenbei, wie das Leben in Deutschland funktioniert.

Erklären, wie das Leben in Deutschland funktioniert

Derzeit sei die Zahl der Flüchtlinge auf dem Land noch überschaubar, die Hilfe der Paten leistbar und „eine Riesenchance“, betont Nina Mönch-Tegeder und weiß: „In den Städten gibt es ganz andere Probleme.“ Neben den Flüchtlingen begleitet sie auch die ehrenamtlichen Helfer. In regelmäßigen Treffen tauschen die sich mit ihr aus, können Fragen und alltägliche Dinge klären, Erlebtes verarbeiten, Aktionen und Freizeitprogramm planen. „Wir haben zum Beispiel  überlegt, demnächst einen Kurs für Frauen anzubieten, in dem sie das Fahrradfahren lernen. Das durften Frauen und Mädchen in Syrien nicht. Hier gehört es dazu und mit dem Fahrrad sind sie ja viel selbstständiger.“ 

Jedes Ehrenamt ist immer ein Geben und Nehmen. Das haben auch Justina Minneker und ihre Tochter erfahren. Die beiden leben selbst erst seit kurzem in Kettenkamp und kennen das Gefühl, neu zugezogen zu sein: „Durch die Flüchtlingsarbeit haben wir so viele nette Leute kennengelernt und uns auf diese Weise auch ein wenig mit integriert“, erzählen sie strahlend.

Astrid Fleute