25.05.2016

Die Caritas arbeitet zum 100. Geburtstag ihre Geschichte auf

Das Spektakuläre liegt im Langweiligen

Zur Gründung des Diözesan-Caritasverbandes vor 100 Jahren gibt es nur wenig Quellenmaterial. Das meiste verbrannte 1944 nach einem Bombenangriff. Trotzdem lohnt sich ein Blick in die Chronik, die die Caritas zum Geburtstag herausgibt.

 

Hoher Besuch: Präsidentengattin Wilhelmine Lübke (vorne 2.v.r.) kam 1967 in eine Caritaseinrichtung nach Bad Iburg. Fotos: Caritas

Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: 1916 befindet sich das Deutsche Reich im Krieg, die Menschen leiden Not. Da liegt es nahe, dass sich der damalige Bischof Wilhelm Berning entschloss, einen Caritasverband ins Leben zu rufen, um die Hilfe zu organisieren. Auch in Münster, Köln, Paderborn oder Hildesheim werden in dieser Epoche Caritasverbände gegründet. Und es entstehen viele Fachverbände. So wird ebenfalls 1916 in Osnabrück der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) aus der Taufe gehoben. Doch es ist gar nicht die Not alleine, die den Bischof antreibt. Denn ehrenamtliches Engagement gibt es bereits. Viele Menschen setzen sich längst für Notleidende ein, inspiriert durch Glaube und Bibel: Liebe deinen Nächsten. Sie gründen Krankenhäuser oder Kindergärten, leiten junge Mütter an, kümmern sich um Kriegsheimkehrer. Manchmal sind es Einzelne, manchmal Ordensgemeinschaften.

Was Bischof Berning schließlich animiert, diese vereinzelten Hilfeleistungen in der Caritas zu bündeln, kann der Historiker Christian Schwertmann, der die Chronik zusammengestellt hat, nicht bis ins Letzte begründen. Eine Tendenz sieht er aber darin, dass der Staat mehr und mehr die kirchlichen Hilfeleistungen an den Rand drängte und sich selbst um die Wohlfahrt kümmern wollte. „Dabei hätte das christliche Gedankengut verloren gehen können; deshalb wollten die Bischöfe wahrscheinlich gegensteuern“, so Schwertmanns Vermutung. Mehrere Monate hat er die Archive der Caritas und des Kirchenboten durchforstet, hat Akten gewälzt, was einen Historiker durchaus erfreut, wie er lächelnd klarstellt. Er hat seinen Auftrag erfüllt und erzählt die Geschichte der Caritas im Bistum. Um die genauen Beweggründe des Bischofs auszuloten, hätte es anderer Quellen bedurft. „Vielleicht könnte man da noch im Bistumsarchiv fündig werden“, sagt Schwertmann.
 

Bundesweites Modell: Die CDU-Politikerin Rita
Süssmuth lobte kürzlich bei ihrem Besuch die BAFöG-
Unterstützung für Flüchtlinge.

Trotz mancher Vermutung ist eines doch sicher: Bischof Berning band die Caritas eng an das Bistum, damit der Verband Unterstützung leisten konnte bei der Weitergabe des Glaubens in seinem Diasporabistum. Wem geholfen wurde, dem sollte auch deutlich werden, woher diese Hilfe kam und warum sie geleistet wurde.

Sorge um Pflegebedürftige wurde immer professioneller

Drei rote Fäden durchziehen die Chronik, die beim Festakt der Caritas am 4. Juni erstmals vorliegt. Da ist die Arbeit für Menschen in Not, zuerst für die Kriegsversehrten, später für Trinker und Obdachlose, wie sie in den 60er Jahren genannt wurden, was in die heute hoch professionalisierte Wohnungslosenhilfe und Suchtkrankenhilfe mündete. Da ist die Sorge um Menschen auf Wanderschaft, Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg, Gastarbeiter in den 60er Jahren, vietnamesiche Boatpeople in den 80ern, Russlanddeutsche in den 90ern, Bürgerkriegsflüchtlinge der heutigen Zeit. Bischof Berning gründete das Raphaelswerk, das bis heute die Übersiedlung nach Übersee erleichtert und mit dessen Hilfe in den 30er Jahren Juden die Ausreise gelang. Die dritte Linie wird gezeichnet von der Sorge um pflegebedürftige Menschen, die im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls immer professioneller wurde.
 

Einsatz über die Bistumsgrenzen hinaus: Menschen in Ost-
europa bekommen Hilfe, indem ihnen eine Kuh als Lebens-
unterhalt finanziert wird.

Bei seinen Recherchen ist Historiker Schwertmann auf keine wesentliche Überraschung gestoßen. Und doch: Gerade hier sieht er das Außergewöhnliche seiner Arbeit. „Das Spektakuläre an den 100 Jahren Caritas ist eigentlich die Selbstverständlichkeit, mit der sich Menschen aus christlichem Antrieb die Sorge um Hilfebedürftige auferlegt haben.“ Ein Aspekt, der in der heutigen hitzigen Medienwelt kaum eine Rolle spiele: „Das Spektakuläre liegt aus meiner Sicht im Langweiligen.“

Am 23. Mai 1916 unterzeichnete der Bischof die Gründungsurkunde für den Caritasverband. 100 Jahre später haben die heutigen Einrichtungen diesen Tag mehr für sich begangen. Einen offiziellen Festakt mit geladenen Gästen gibt es am 4. Juni in Osnabrück. Von dem Tag an liegt auch die Chronik vor, die in einer Auflage von 2000 Stück gedruckt worden ist. Sie ist in vielen Caritaseinrichtungen kostenlos erhältlich. Schon seit Jahresbeginn erinnert die Caritas mit der Aktion „100 gute Taten“ an vielen Orten an ihr Jubiläum.

Matthias Petersen

Die Chronik kann auch telefonisch angefordert werden: 05 41/34 97 83 92.