21.03.2017

Vor 60 Jahren brach Franziskus Demann nach der Weihe zusammen

Das Sterben des Bischofs im Film

Als Bischof Franziskus Demann gleich nach seiner Weihe am 27. März 1957 vor den Dom tritt, segnet er die Menschen. Er geht noch einige Schritte Richtung Generalvikariat, gerät dann ins Schwanken und stürzt. Unmittelbar danach stirbt er. Bislang gab es von diesem Ereignis nur ein Foto, jetzt ist ein Filmdokument aufgetaucht.

Demannfilm_ Farbe from Andrea Kolhoff Kirchenbote on Vimeo.

Hermann Haarmann stockt der Atem. Was der Pressesprecher des Bischofs von Osnabrück da sieht, kann er kaum glauben. Auf dem Bildschirm flimmert in Farbe ein Film über die Bischofsweihe von Franziskus Demann am 27. März 1957. Ein Film, von dessen Existenz bisher niemand wusste. „Ich kannte bis dahin nur ein Foto, das den Bischof unmittelbar vor dem Moment zeigt, als er stürzt und stirbt.“ Jetzt sieht Haarmann, wie die Menge in den Dom zieht, eine Fülle von Messdienern und Priestern voran, dann das Domkapitel, der Weihekandidat, Kardinal Frings unter einem Baldachin. Dann ein Schnitt. Es folgt der Auszug nach der Weihe aus dem Dom. Bischof Demann schreitet segnend durch die Menge. Haarmann: „Ich habe wie gebannt auf den Bildschirm gestarrt, denn ich wusste ja, was kommen muss.“ Tatsächlich: Plötzlich gerät der Bischof ins Wanken – und bricht dann zusammen. „Ich war völlig fassungslos.“

 

Kurz vor dem Umzug des Kirchenboten in ein neues Domizil Ende 2011 sucht Haarmann im Archiv des Medienhauses eine alte Zeitung. „Ganz hinten in der Ecke stieß ich dann auf einige alte Filmrollen“, erinnert er sich. Einige beschriftet und in Metallhüllen verpackt, eine in einer unscheinbaren Pappe. Darauf eine 25-Pfennig-Briefmarke und versehen mit der Anschrift: „Diözesan-Filmstelle Osnabrück.“

Auch Archivar Michael Lagemann weiß nichts über die Herkunft des Schmalfilms, den Film­experte Haarmann sofort als das Format „Normal 8“ erkennt. Er nimmt ihn an sich, denn es gibt nirgendwo ein Abspielgerät. „Ich habe wohl einen Meter abgespult und mir mit bloßem Auge angesehen. Zu erkennen waren der Dom und einige Fahnenträger, also dachte ich an einen Verbandstag.“ So landet der Schatz zunächst in einer Schublade, erst Monate später lässt Haarmann ihn von einem Fachmann digitalisieren. Und ist völlig konsterniert, als er schließlich realisiert, was darauf zu sehen ist.

Haarmann selbst ist Jahrgang 1955, hat die Weihe also gar nicht miterlebt. „Aber im Laufe meiner Arbeit als Pressesprecher habe ich viele Menschen getroffen, die mir davon erzählt haben. Das Ereignis ist im Bistum Osnabrück auch heute noch präsent.“ Nach dem Tod von Erzbischof Wilhelm Berning wird der gebürtige Frerener Franziskus Demann 1956 zu seinem Nachfolger bestimmt. Er erleidet kurz vor dem ursprünglichen Weihetag einen Herzinfarkt, die Messe wird deshalb ein halbes Jahr verschoben. 

Darf man einen Menschen im Augenblick seines Todes zeigen?

Auch wenn es ein Zufallsfund ist, weiß Haarmann doch nur zu genau um die Brisanz des Inhalts. Darf man einen Menschen im Augenblick seines Todes zeigen? Möglicherweise haben die Verantwortlichen 1957 die Frage mit Nein beantwortet und den Film deshalb im Archiv belassen. Haarmann schaltet das Domkapitel ein, das für das Leben im und um den Dom verantwortlich ist. Nach langem Überlegen, und nachdem auch die Familienangehörigen Demanns befragt sind, gibt es schließlich die Zustimmung: Die historische Dimension des Films überwiegt. „Außerdem ist der Bischof auch nur von weitem zu sehen“, sagt Haarmann. 

Farbfilme aus den 50er Jahren sind eine große Seltenheit. Filmamateure kauften mit dem Erwerb der Spule üblicherweise auch gleich die Entwicklung in einem Labor mit ein. Der belichtete Film wurde per Post verschickt – und so sieht auch die Verpackung aus, in der der Demann-Film jetzt gefunden wurde. „Wer gedreht hat, lässt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen“, sagt Haarmann.

Zwei, die den Film bereits gesehen haben, sind der emeritierte Domkapitular Herbert Brockschmidt und Nikolaus Demann, Verwandter von Franziskus Demann und viele Jahre im Bistumsdienst tätig. Brockschmidt wäre der Erste gewesen, den Franziskus Demann zum Priester geweiht hätte. Er hat die Erinnerung an ihn bis heute aufrechterhalten. „Er war damals Dozent im Priesterseminar und ich kannte ihn gut. Die Gespräche mit ihm waren wichtig für mich, um die Frage meines Weges zum Priester zu klären“, sagt Brockschmidt, der nie in den Dom geht, ohne die im Boden eingelassene Erinnerungstafel an Franziskus Demann zu beachten. Auch wenn die Platte nicht exakt an der Stelle liegt, an der der Bischof zusammenbrach.

Nikolaus Demann war als Dombaumeister viel in den Gemeinden des Bistums unterwegs. „Ganz oft bin ich auf ihn angesprochen worden“, sagt Demann, der den Weihetag als Neunjähriger in Freren erlebte. „Der ganze Ort war geschmückt und es läuteten die Glocken. Aber irgendwann ging das fröhliche Geläut ins Totengeläut über.“

60 Jahre ist das jetzt her. Herbert Brockschmidt ist froh, dass Franziskus Demann nicht vergessen ist. „Als bischöflichen Wahlspruch hatte er sich ursprünglich den Satz ,Fulget crucis mysterium‘ gewählt, das Geheimnis des Kreuzes solle aufstrahlen.“ Doch viele hätten dem neuen Bischof abgeraten, hielten den Spruch für zu schwer. So kam es zu „O Crux Ave, Spes Unica“, „Sei gegrüßt, o heiliges Kreuz, du einzige Hoffnung“. In der Marienkapelle des Doms sind die Wappen der verstorbenen Bischöfe zu sehen. Brockschmidt: „Und bei Franziskus Demann sind die Strahlen hinter dem Kreuz sehr schön ausgearbeitet. Das verweist in meinen Augen auf seinen ursprünglichen Wahlspruch.“

Matthias Petersen

Das NDR-Fernsehen zeigt an diesem Sonntag (26. März) einen Beitrag über den Fund des Films. Beginn der Sendung „Hallo Niedersachsen“ ist um 19.30 Uhr.
Hier geht es zur Mediathek des NDR und zum Beitrag.

 

Ergänzung:

Karl Meyer ist 19 Jahre alt und hat gerade sein Abitur in der Tasche. Der junge Mann aus Marne in Dithmarschen trägt sich mit dem Gedanken, in den Dominikanerorden einzutreten. Sein Pfarrer denkt sich, dass es da nichts schaden kann, wenn er mal bei einer Bischofsweihe dabei ist. Also auf nach Osnabrück, wo Franziskus Demann geweiht wird.

Die Fahrt im VW-Käfer ist damals langwierig. In der Nähe von Diepholz nehmen der Priester und der Abiturient Quartier und sind am Morgen der Bischofsweihe pünktlich vor Ort. Es ist ein schöner Frühlingstag. Karl Meyer fotografiert gern und hat natürlich seine Kamera dabei, eine Agfa Solinette. Er findet einen Stehplatz im Mittelgang hinten im Dom. Zur Weihe gehört, dass der neue Bischof kurz vor dem Ende der Weihemesse durch den Dom und auf den Domplatz geht, um die Menschen zu segnen. Als er sich auf den Weg macht, wendet sich auch Karl Meyer rasch zum Gehen.

„Der Dom war ja voller Menschen. Draußen waren es nicht so viele. Da habe ich gedacht, lauf mal schnell hin, dann kannst du ein gutes Foto machen“, erinnert sich Pater Karl, der heute als Dominikanerpater in Hamburg lebt. Damals drückt er auf den Auslöser seiner Kamera und macht eines der letzten Fotos von Bischof Demann.

Als Bischof Franz dann vom Hauptportal in Richtung Große Domsfreiheit abbiegt, verliert Karl Meyer ihn aus dem Blick. Dann geht ein Raunen durch die Menge. „Mein Gott, der Bischof ist zusammengebrochen“, ist von Umstehenden zu hören. Alle sind wie erstarrt. Es heißt, man habe ihn sofort ins bischöfliche Haus getragen. „Wir haben alle dort gestanden und gewartet. Im Dom hat man sich gewundert, dass es so lange dauert. Über Lautsprecher kam dann ein Satz wie ’Es hat Gott dem Allmächtigen gefallen ...’ – da war uns alles klar. Wir waren alle sehr betroffen“, erinnert sich Pater Karl. „Wer hätte an solch ein Ende der schönen Feier gedacht?“ Er und sein Pfarrer bleiben noch ein paar Tage in der Gegend – bis zum Requiem für Bischof Franziskus Demann am 1. April.

hix