24.09.2015

Atemtherapeutin Inez Wichmann verhilft zum richtigen Atmen und Sprechen

Das Wichtigste ist die Pause

Babys atmen unwillkürlich richtig, doch später geht bei vielen Menschen der natürliche Atemrhythmus verloren. Atem-, Sprech- und Stimmtherapeutin Inez Wichmann kann helfen, damit alles wieder stimmig wird.

 

Der Körper braucht Bewegung ebenso wie Ruhephasen. Foto: pixelio

Dieses Szenario kennen viele: Die Sportler liegen nach einer Übungsstunde auf dem Rücken. „Wir atmen ein – wir atmen aus“, spricht die Trainerin vor. Entspannung ist angesagt. „Wir atmen ein – wir atmen aus.“ Moment mal, denkt sich so mancher, ich habe jetzt noch gar nicht zu Ende geatmet. Wieso atmen die schon wieder aus?

Beim Versuch, entsprechend einer Anweisung zu atmen, kann man ganz schön durcheinanderkommen – diese Erfahrung haben viele Menschen schon gemacht. Denn jeder Mensch hat seinen eigenen Atemrhythmus, und der hinkt möglicherweise den Kurskommandos hinterher. Oder man ist den anderen leicht voraus. Vor allem aber gilt: Wo bleibt die Pause?

Denn, so erklärt es Inez Wichmann, Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin in Osnabrück, am wichtigsten ist die Pause. Die natürliche Atmung besteht aus drei Schritten: Einatmen, Ausatmen und Pause. Beim Einatmen zieht sich das Zwerchfell zusammen, durch einen Unterdruck in den Lungenflügeln strömt Luft ein;  beim Ausatmen dehnt sich das Zwerchfell langsam, und dann folgt eine Pause, in der Zwerchfell und Lunge locker sind. Richtig locker, im Idealfall ist es der ganze Mensch. „Als Babys machen wir das noch so“, sagt Inez Wichmann, „doch der Lebensstress bringt uns aus dem Rhythmus“.

Die Folge: Durch falsche Atemgewohnheiten können Muskeln verhärtet sein, die Betroffenen leiden vielleicht an Kurzatmigkeit oder verspannten Schultern oder einem straffen Brustkorb. Hat jemand Angst, hält er automatisch die Luft an. Schöner wäre es, er könnte den Atem geschehen lassen, denn in einem entspannten Körper hat auch die Angst keinen Platz.

Wenn die Atmung stimmt, geht es der Stimme schon besser

Die Menschen, die zu Inez Wichmann in die Behandlung kommen, haben Symptome wie zum Beispiel „Kloß im Hals“, Zwangsräuspern, zu leises Sprechen oder eine stetig zu laute Stimme. Zu Beginn der Stimmtherapie schaut Wichmann, ob das Zwerchfell des Patienten sich richtig bewegt. Wenn die Atmung stimmt, geht es der Stimme schon besser. Im Laufe der Behandlung wird während der Stimm- und Sprechübungen auch immer wieder die Atmung kontrolliert.

Wie befreiend es sein kann, entspannt zu atmen, erfahren  die Teilnehmer der Abende, die Inez Wichmann im „Jahr des Aufatmens“ im Bistum Osnabrück in katholischen Pfarrheimen anbietet, so wie vor kurzem in Borgloh. Da wird das Atmen in Zusammenhang mit dem Heiligen Geist, dem Odem Gottes, gebracht. Die kleine Gruppe ist aufgefordert, selbst auszuprobieren, wann der Atem frei fließt. Wie sitze ich auf dem Stuhl? Wo sind meine Blockaden? Kann ich gut atmen, während ich gehe? Die Teilnehmer probieren es aus. Bald ist allen klar: Ein stocksteifer Gang verhindert, dass der Atem frei fließen kann. Gehen mit lockeren Knien verbessert den Atemrhythmus.

Das richtige Atmen kann den Menschen den Hinweis geben: Der Körper braucht Bewegung ebenso wie Ruhephasen. Religionspädagogin Inez Wichmann, die sechs Jahre lang als Gemeindereferentin gearbeitet hat, stellt auch Verbindungen zwischen dem Atmen und dem Heiligen Geist her. Der Atemrhythmus könne den Menschen helfen, zu sein und zur Ruhe zu kommen. „Erst in der Ruhe kann ich Gottes Stimme hören.“ Die Gewissheit, dass Gottes Kraft uns als Heiliger Geist im Atem durchströmt, könne „uns ermuntern, Dinge anzupacken, die wir uns sonst nicht zugetraut hätten“.

Andrea Kolhoff

 

 

Zur Sache

Atem-, Sprech- und Stimmlehrer helfen Kindern mit Sprachentwicklungsverzögerungen und schulen Menschen mit Redeflussstörungen wie Stottern. Oder sie behandeln Menschen, die nach einem Schlaganfall Sprache neu erlernen müssen. Manche unterstützen Chöre, Moderatoren und Schauspieler. Die Ausbildung zum staatlich anerkannten Atem-, Sprech- und Stimmlehrer kann in Deutschland nur an der CJD Schule Schlaffhorst-Andersen in Bad Nenndorf absolviert werden. Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen entdeckten vor über 100 Jahren in ihrer Arbeit den Zusammenhang von Atmung, Stimme und Bewegung.