Jutta Thier sorgt für offene Türen in der Papenburger St.-Josef-Gemeinde

Der „stille Star"

Ein Zeitungsbericht über sie? Eigentlich würde Jutta Thier lieber im Hintergrund bleiben. Aber die 61-jährige Papenburgerin sorgt seit über 30 Jahren dafür, dass hilfesuchende Menschen eine offene Tür finden. Manche nennen sie deswegen den „stillen Star“ von St. Josef im Vosseberg.

 

Bei der Arbeit: Jutta Thier kümmert sich in Papenburg um
viele Aufgaben. So nimmt sie zum Beispiel gespendete
Fahrräder für Flüchtlinge entgegen. Foto: Diek-Münchow

Die Tür zum Pfarrbüro fliegt auf und ein Mann steckt den Kopf herein. „Hallo Jutta! Ist ja schon ein bisschen her, aber ich wollt‘ noch mal gratulieren. Hast genau das Richtige gesagt.“ Und weg ist er. Schwingt sich draußen auf sein Rad und fährt davon. Jutta Thier schaut ihm lächelnd durch das Fenster hinterher. „Das war einer von unseren Leuten“, sagt sie. Und meint damit jene Menschen, die in Papenburg ohne ein festes Dach über dem Kopf leben und hier in St. Josef Hilfe bekommen. Dass er sie noch zum kürzlich verliehenen Bundesverdienstkreuz beglückwünscht hat, freut die 61-Jährige besonders. „Ich habe dort gesagt, dass ich die Auszeichnung für alle Ehrenamtlichen annehme, nicht nur für mich.“ Denn sich so in den Vordergrund stellen zu lassen, ist nicht ihre Sache.

Das war schon immer so. Jutta Thier stammt aus Nordhorn. Mit ihren Schwestern wächst sie „auf der Blanke“ auf, der Vater arbeitet beim Landkreis. Die St.-Elisabeth-Gemeinde ist ihre kirchliche Heimat. Gern erinnert sie sich an ihr Engagement in der Jugendarbeit, im Pfarrgemeinderat, als Lektorin. „Wir waren immer als Clique im Jugendheim, das hat mich sehr geprägt.“ Nach dem Abitur studiert sie in Bielefeld Erdkunde, Religion und Deutsch für die Grundschule. Und findet nach dem zweiten Staatsexamen, mitten in der Lehrerschwemme der achtziger Jahre, keinen Arbeitsplatz. Sie schlägt sich zuerst mit verschiedenen Jobs bei der Volkshochschule und beim Marstall in Sögel durch.

Bis 1984, da bietet ihr Pfarrer Gerrit Weusthof eine Stelle in der Papenburger Gemeinde St. Josef im Vosseberg an: als Haushälterin. Beide kennen sich, Weusthof war Kaplan in Nordhorn. Jutta Thier nimmt den Arbeitsplatz an. „Bevor ich gar nichts gehabt hätte …“, sagt sie in ihrer praktisch veranlagten Art. Und vor allem, weil ihr das soziale Profil der Pfarrei gefällt. „Nur kochen, waschen, putzen – das hätte ich wahrscheinlich nicht gemacht.“

So steigt sie schnell in die soziale Arbeit mit ein, ist heute offiziell für die Sozialpastoral zuständig. Das wissen viele Papenburger, in diesem Moment klopft der nächste Gast schon an der Tür. „Wo kann ich ein Geschenk für eine Familie mit Kindern abgeben?“, fragt die Besucherin. Jutta Thier rät ihr zum sozialen Kaufhaus nebenan oder zum Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM), nennt auch gleich Adressen und Öffnungszeiten. Sie kennt sich aus in und mit allen sozialen Einrichtungen und Verbänden in der Kanalstadt. Das liegt nicht nur daran, dass sie zweite Vorsitzende des SKFM ist. Sondern mehr daran, dass sie schon seit Jahrzehnten Menschen in Not hilft.

Helfen zu können – das ist ihre Triebfeder

Zum Beispiel in der Wohnungslosenhilfe, da ist St. Josef für offene Türen bekannt. Bevor es beim SKFM das „Haus Arche“ gab, klingelten Männer und Frauen auf der Suche nach einem Schlafplatz beim Pfarrhaus. Heute melden sie sich zu später Stunde und am Wochenende noch immer hier. Und Jutta Thier kümmert sich dann um alles – besorgt ihnen ein Bett und eine Mahlzeit im Gemeindehaus oder bringt sie selbst ins „Haus Arche“. Da fällt der Feierabend manchmal aus. „Ist eben so“, sagt sie lakonisch und zuckt die Schultern. Und das ist nur ein Teil ihrer sozialen Arbeit. Sie betreut Jugendliche, die in St. Josef ihre Sozialstunden ableisten. Organisiert einen ehrenamtlichen Fahrdienst für den sozialen Ökohof, setzt sich in der Flüchtlingshilfe ein. „Was Jutta macht, ist durch Hauptamtliche nicht ersetzbar“, hat Gerrit Weusthof einmal gesagt. Viel Zeit für ihre Hobbys – Stricken und Spinnen – bleibt da nicht immer.

Haushälterin und soziale Arbeit, das verknüpft sie seit 13 Jahren auch mit der Stelle als Pfarrsekretärin. Viele Fäden laufen bei ihr zusammen, viele Anrufe bei ihr auf. Manchmal klingelt das Telefon im Minu­tentakt. Wie jetzt gerade, Jutta Thier nimmt ab und hört zu. Eine Mutter will ihren Jungen für den Kindergarten anmelden. „Da sind Sie bei mir nicht ganz richtig“, sagt sie geduldig und nennt die richtige Ansprechperson. Hinterher schüttelt sie lächelnd den Kopf. „Ich glaube, die meinen, ich weiß alles“, sagt sie und ist sich darin mit vielen ihrer Kolleginnen einig. Aber sie ist froh, wenn sie eine vernünftige Auskunft geben kann.

Helfen zu können – das ist ihre Triebfeder. Nicht aus bloßem Mitleid oder weil sie auf ein Dankeschön hofft, „das wäre der falsche Ansatz“. Sondern weil sie das aus ihrem Glauben heraus als „Christenpflicht“ ansieht. „Wenn man will, dass eine Gesellschaft und eine Gemeinde funktionieren, muss man sich mit einbringen“, sagt sie. Und, als würde sie nur zu gern wieder von sich selbst ablenken wollen, fügt sie schnell an: „Es gibt sicher noch viel mehr Leute, die viel mehr tun als ich.“

Hat sie jemals bereut, dass sie ihren Lehrerberuf an den Nagel gehängt hat? Jutta Thier schüttelt den Kopf und sagt spontan: „Nein, niemals. Ich habe hier einen Job gefunden, der mich vollkommen ausfüllt.“

Petra Diek-Münchow