09.12.2016

Kommentar

Der Götze des Eigenen

Der Ausgang der Wahl in Österreich und Italien ist die eine Sache - die andere, sind die Auseinandersetzungen im Vorfeld. Denn europaweit nehmen die Tendenzen zum Egoismus zu. Ein Kommentar von Roland Juchem.

Da stehst du nun, Europa, armer Tor, und bist so schlau wie schon zuvor. In Österreich lief trotz aller Pannen die Neuwahl des Bundespräsidenten rund. In Italien rief das Verfassungsreferendum mehr Menschen als üblich an die Wahlurnen. So weit, so gut. Wie immer man zu den Ergebnissen steht – Sorgen machen müssen – wie schon im „Brexit“- und im US-Wahlkampf – die vorherigen Auseinandersetzungen.

Vielerorts sind Tendenzen zu beobachten hin zu nationalem, ethnischem oder religiösem Egoismus. Der speist sich auch aus dem Trend, sich nur solche Informationen liefern und gelten zu lassen, die die eigene Sicht bestätigen. Doch je mehr Abgrenzung, desto weniger Austausch und Wissen übereinander. Idealer Nährboden für Gerüchte.

Zusätzlich gefährlich ist die Tendenz, der Gegenseite wegen einzelner Fehler, Unzulänglichkeiten oder strittiger Entscheidungen grundsätzlich Bosheit oder Unfähigkeit zu unterstellen. Das ist unfair und falsch. So schaukeln sich Konflikte sehr schnell hoch.

Nationen und Gesellschaften, die miteinander handeln, ihre Schüler und Studenten austauschen, gemeinsame Energie- und Forschungsprojekte betreiben, Krisen miteinander schultern –
sie haben mehr gemeinsame Interessen. Und weniger Anlässe, einander zu misstrauen, sich etwas zu unterstellen oder gegeneinander Krieg zu führen. Ob mit Panzern, inoffiziellen Milizen oder Internetangriffen.

Das wäre Europas Chance gewesen – sie ist es immer noch. Nur hat unser Kontinent sie bisher unzureichend genutzt. Das Problem: Für Kooperation muss ich mich öffnen, vertrauen, kurzfristige persönliche Vorteile aufgeben. Das ist ein Wagnis.

Doch zu verlockend ist der Tanz um das Goldene Kalb des „Eigenen“ – die eigene Nation, eigene Kultur, der eigene Wohlstand. Man kann als Christ unterschiedliche politische Maßnahmen für jeweils sinnvoll halten. Grundlegend für unseren Glauben aber ist das Denken vom anderen her. Einfühlen, Mitleid, Hilfsbereitschaft gehören zur DNA des Christentums.

Klar: Globalisierung läuft in weiten Teilen schief. Doch die Folgen nationaler und ethnisch-religiöser Abschottung sind viel desaströser. Daher braucht das Gemeinwohl in der Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen und finanziellen Egoismen mehr und bessere Anwälte. Die aber finden sich eher im Miteinander über Grenzen hinweg. Dreh- und Angelpunkt dabei ist die Würde jedes Menschen als Kind Gottes – und nicht das Pathos der „Volksgemeinschaft“ oder das Kalkül des Wohlstandsegoismus.

Von Roland Juchem