Gottesdienst für verstorbene Kinder in Aurich

Der Name wird genannt

Am 21. Februar findet in Aurich wieder ein Gottesdienst für verstorbene Kinder statt. Veranstaltet wird er dieses Mal in der evangelisch-reformierten Kirche: Der ökumenische Arbeitskreises für ganz Ostfriesland existiert seit 13 Jahren. 

Wie es sich anfühlt, ein Kind zu verlieren, das können in erster Linie wohl nur die Menschen nachempfinden, denen ein solches Schicksal widerfahren ist. Anknüpfend an diesen Gedanken hat sich in Ostfriesland ein ökumenischer Arbeitskreis zusammengefunden, der einmal im Jahr einen Gedenkgottesdienst für betroffene Hinterbliebene organisiert. Der nächste findet am Sonntag, 21. Februar, um 15 Uhr in der reformfierten Kirche in Aurich statt.

 

Der ökumenische Arbeitskreis organisiert den Gedenkgottesdienst in Aurich. Foto: Werner Jürgens

 

„Ich habe das in Bremen kennen gelernt und mich gefragt, warum es so etwas nicht auch bei uns gibt“, erzählt Erna Campen. Die Fehntjerin ist selber betroffene Mutter und hat den Anstoß für den vor 13 Jahren erstmals ostfrieslandweit durchgeführten Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder gegeben. Da die Teilnehmer tatsächlich aus ganz Ostfriesland kommen und sich der Arbeitskreis von Anfang an der ökumenischen Idee verpflichtet sah, hat man sich bewusst auf Aurich als wiederkehrenden Veranstaltungsort geeinigt. „Einerseits liegt das sehr zentral und zum anderen hat die Stadt eine reformierte, eine katholische und eine lutherische Kirche“, meint Pastorin Gretchen Ihmels-Albe aus Weener. „Wenn wir außerdem noch ständig den Ort wechseln würden, wäre das zu verwirrend.“

„Bei uns muss sich niemand erklären“

Ein gewisses Maß an Kontinuität ist für manche bei ihrer Trauerarbeit offensichtlich unabdingbar. „Wir haben einige, die sind von Anfang an dabei, und die kommen immer noch oder sie entschuldigen sich, wenn sich mal keine Zeit haben“, berichtet Dechant Johannes Ehrenbrink von der Auricher St.-Ludgerus-Gemeinde. Allerdings gibt es ebenfalls Gäste, die nach einer einzigen Teilnahme erst einmal genug haben. „Natürlich sind Gespräche untereinander möglich, zumal wir im Anschluss an den Gottesdienst eine Teetafel machen“, betont Diakonin Anke Kaun aus Aurich. „Wenn jemand die Anonymität vorzieht, wird das aber genauso respektiert. Bei uns muss niemand sich und seine Situation großartig erklären.“

Ein Dreh- und Angelpunkt des Gottesdienstes sind kleinen Kärtchen, auf denen die Hinterbliebenen den Namen der verstorbenen Kinder und – falls sie das Bedürfnis dazu haben – ihre persönlichen Gedanken an sie eintragen können. Diese Notizen werden dann laut vorgelesen und die Kärtchen anschließend an einem Bäumchen aufgehängt. „Dass der Name der verstorbenen Kinder im Gottesdienst genannt wird, um ihnen einen Raum zu geben, ist für die Hinterbliebenen ungemein wichtig“, betont Präses Hilke Klüver aus Leer.

Wie tief und weit dieses Verlangen zurückgreift, zeigt das Beispiel einer Mutter, die einen ihrer Söhne im Krieg verloren hat und erst in jüngster Vergangenheit den schmerzlichen Verlust betrauern konnte. „Die ist über all die Jahre dermaßen eingespannt gewesen, dass sie einfach nicht dazu gekommen ist“, erklärt Gretchen Ihmels-Albe. „Wir haben aber auch Fälle, wie es jetzt gerade wieder im Rheiderland passiert ist, nämlich dass Menschen einfach spurlos verschwunden sind. Auch da gibt es Hinterbliebene, die ihren Kummer irgendwie verarbeiten müssen.“

Sehr bewegendes Programm

Wie sich Trauerarbeit am besten und effektivsten bewältigen lässt, das müssen die Mitglieder  des ökumenischen Arbeitskreises im Prinzip immer wieder neu herausfinden. „Beispielsweise wissen wir nie, was die Leute auf die Karten schreiben“, erzählt Präses Hilke Klüver. „Die ein oder andere habe ich schon zurückgesteckt, weil ich mir zunächst unsicher war, ob ich das, was dort stand, wirklich laut vorlesen sollte. Nicht wenige verspüren eine enorme Wut, und die muss man manchmal vor sich selber schützen.“ Indes sind die artikulierten Gedanken und Botschaften keineswegs ausnahmslos negativ. Eher im Gegenteil. „Die meisten möchten ihre Verstorbenen in guter Erinnerung behalten und äußern sich entsprechend positiv“, weiß die inzwischen ehrenamtlich als Trauerbegleiterin tätige Erna Campen aus ihren langjährigen Erfahrungen und Begegnungen.

Und trotz des traurigen Anlasses hat selbst der Gedenkgottesdienst für die Mehrheit der Betroffenen augenscheinlich etwas Positives. „Ich höre oft, dass die Leute ein Art innere Ruhe verspüren und froh sind, sich endlich öffnen zu können“, erzählt Anke Kaun. „Zum Teil liegt das sicher an unserem ungewöhnlichen musikalischen Rahmenprogramm, von dem die Besucher jedes Mal wirklich sehr bewegt sind.“ Verantwortlich dafür zeichnen sich Mitglieder des Ostfriesischen Kammerorchesters, deren außergewöhnliches emotionales Engagement in diesem Falle durchaus tiefere Beweggründe hat. Innerhalb dieses Ensembles gibt es nämlich ebenfalls einige betroffene Musiker, deren Kinder vorzeitig verstorben sind und die das Schicksal der Gottesdienstbesucher deshalb sicherlich besonders gut nachempfinden können.

Für weitere Informationen über den Arbeitskreis oder allgemein zur Trauerbegleitung: Erna Campen, E-Mail: Erna-C@t-online.de oder Telefon 0 49 43/92 40 04.

Werner Jürgens