12.10.2017

Aktionstag der Sozialverbände

Die Armut ist oft näher, als wir denken

Mag die Wirtschaft auch brummen – nicht alle Leute profitieren davon. Allein in Niedersachsen sind etwa 1,3 Millionen Menschen von Armut betroffen oder bedroht. Wie Anke W. aus dem Raum Lingen. Vor einem Aktionstag der Sozialverbände in der nächsten Woche erzählt sie von ihren Sorgen.

Reicht das noch? Viele Menschen in Niedersachsen müssen mit wenig Geld auskommen. Zum Armutstag findet daher eine Aktion in Lingen statt. | Foto: fotolia/JackF

Wie hat das alles angefangen? Anke W. legt ihre Hände auf den Tisch, schaut nach unten, denkt kurz nach und dann sprudelt es förmlich aus ihr heraus. „Wir hatten so viele Zeitschriften abonniert, mein Mann hat getrunken und dann meine Depression...irgendwie habe ich die Augen verschlossen und total den Überblick verloren. Und dann waren da fast 10 000 Euro Schulden.“ Dann fasst sich die 53-Jährige und erzählt in Ruhe. Erzählt, wie ihr Leben in eine Schieflage geraten ist. Erzählt, wie sie bei Sabine Bröker und dem SKM-Katholischer Verein für soziale Dienste Hilfe gefunden hat. Aufmunternd nickt ihr die Sozialarbeiterin zu.

Begonnen hat die Geschichte gar nicht so dramatisch. Vor mehreren Jahren zieht Anke W. nach Lingen, heiratet ihren Lebenspartner, beide haben Arbeit und ein Auskommen – alles fühlt sich gut an. „Die erste Zeit hier war wirklich schön“, sagt sie. Aber dann fängt ihr Ehemann wieder an zu trinken – und stirbt nach einem häuslichen Unfall. „Irgendwie habe ich die Augen verschlossen vor allem“, sagt sie und schildert, wie sie psychisch krank wird und deshalb nicht mehr arbeiten kann. Wie sie finanziell den Boden unter den Füßen verliert, wie sich die Rechnungen auftürmen und sogar der Energieversorger droht, den Strom abzustellen. „Das war alles echt heftig.“

So ungewöhnlich ist ihr Schicksal nicht einmal. Sabine Bröker und Anna-Lena Loddeke vom SKM sowie Maike Laudenbach vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) können aus ihrer allgemeinen sozialen Beratung von viel mehr ähnlichen Fällen berichten. Da gibt es die alleinstehende Altenpflegerin, die wegen ihrer Rückenprobleme zurzeit nicht arbeiten kann, nur wenig Krankengeld erhält und nun aus ihrer Wohnung ausziehen muss. Oder die ältere Dame, die viele Jahre ihren Mann gepflegt hat und jetzt kaum mit ihrer schmalen Witwenrente auskommt. „Das ist unsere Praxis, das erleben wir bei unserer Arbeit fast jeden Tag“, sagt Sabine Bröker. Allzu oft wird nach ihren Worten verdrängt, dass viele Menschen von Armut bedroht oder betroffen sind: auch in unserem reichen Land, auch im Emsland.

Maike Laudenbach liefert dazu einige Zahlen. Im vergangenen Jahr suchten 158 Menschen den SKM in Lingen auf, weil sie in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Beim SkF waren es im Jahr 2015 fast 200 Männer und Frauen. Und in diesem Jahr, das wissen die drei Frauen schon jetzt, werden die Zahlen noch deutlich höher sein. Insgesamt erreicht in Westniedersachsen nach ihrer Kenntnis die Armutsquote im Jahr 2015 den Wert von 13,7 Prozent – zu dem Gebiet gehören auch der Raum Osnabrück, der Landkreis Emsland und die Grafschaft Bentheim. Bundesweit liegt die Quote sogar noch höher. Trotz guter Wirtschaftsentwicklung sei die Armutsgefahr so groß wie nie, warnen Sozialverbände.

Armut heißt mehr als ein leeres Portemonnaie

Warum das so ist? Sabine Bröker, Anna-Lena Loddeke und Maike Laudenbach wissen von einem ganzen Paket von Problemen: Niedrige Löhne, unsichere Jobs, überteuerte Wohnungen, hohe Energiekosten. Obwohl sie arbeiten gehen, reicht bei vielen Menschen der Verdienst nicht aus, um die Existenz zu sichern. Besonders gefährdet sind oft Frauen, die wegen der Kindererziehung jahrelang in Teilzeit oder in Minijobs arbeiten und im Alter nur wenig Rente bekommen. „Frauen tragen ein höheres Risiko der Altersarmut“, sagt Bröker. Und bei vielen Klienten erschweren Erkrankungen verschiedener Art die Situation. „Das Leben ist komplizierter geworden. Nicht alle halten diesen Druck aus.“

Aber SKM und SkF, die mit der Caritas am 18. Oktober zu einem Aktionstag in Lingen aufrufen (siehe „Zur Sache“), wollen nicht nur über Geld reden. Denn Armut heißt mehr als nur ein leeres Portemonnaie. Armut schließt aus: vom gesellschaftlichen Leben, von Gesundheitsfürsorge, von Bildungserfolg. Wer von Armut bedroht ist, hat vielleicht keinen Computer, kann nicht in den Sportverein oder ins Kino. Viele Betroffene schämen sich, keiner soll etwas merken.

Das ging auch Anke W. anfangs so. Heute kann sie frei und offen über ihre Probleme reden, weil sie Hilfe bekommen hat. „Der SKM hat mich so toll aufgefangen, das war Gold wert.“ Mit dem Beistand von Sabine Bröker hat sie ihre finanziellen Angelegenheiten geregelt und ihre Schulden abgebaut, kommt jetzt wieder über die Runden. „Ich bin auf einem guten Weg.“ Und erzählt dann mit einem großen Lächeln, wie sehr sie sich auf den Couchtisch für 400 Euro freut, für den sie spart. „Im nächsten Monat kann ich mir den endlich leisten.“

Petra Diek-Münchow

Wer Hilfe braucht, kann sich an die allgemeine soziale Beratung wenden: Telefon 05 91/80 06 23 05 (Caritas), 0591/80 06 21 00 (SkF), Telefon 05 91/ 9 12 46 10 (SKM).

 

Zur Sache

In der Woche rund um den Internationalen Tag gegen Armut und Ausgrenzung am 17. Oktober finden an vielen Orten Aktionen statt, um auf die Folgen von Armut aufmerksam zu machen. In Lingen laden der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), der Caritasverband Emsland und der SKM-Katholischer Verein für soziale Dienste am Mittwoch, 18. Oktober, von 9 bis 13 Uhr dazu ein. Auf dem Marktplatz in Lingen steht dann vor der Marktapotheke ein Infostand. Vertreter der drei Verbände wollen dort darüber informieren, wie viele Menschen am Rande unserer reichen Gesellschaft stehen – und wie man ihnen helfen könnte.