10.02.2012

Durch Krankheit zum Ausgestoßenen

Die Augen des Herrn Gsödl

Josef Gsödl fotografieren lautet der Auftrag. Nicht ungewöhnlich für eine Reportage. Doch Josef Gsödl ist, wie es Medizinerdeutsch sagt, gesichtsversehrt. Von sich selber hat er lange kein Foto gesehen. Schließlich ist er überrascht von den Bildern. Wieviel Ausdruck sie haben, sagt er. Es sind die Augen von Josef Gsödl, die sprechen – freundlich, klug, liebevoll, anrührend.

 

 

Josef Gsödl
Josef Gsödl hat einen langen Weg zurückgelegt,
um sich selbst annehmen zu können.
Foto: Michael Böntel

Ein Kind sagt zu den Bildern in seiner direkten Art: Der Mann sehe aus wie ein Monster. Gsödls Gesicht ist wie zweigeteilt. Der deformierte untere Teil mit Nase, Mund und Kinn – und dann die ausdrucksstarken Augen, umrahmt von einer kleinen Brille.

Dass die Augen heute so freundlich die Welt betrachten, hat eine Geschichte, eine schmerzhafte, die sich dagegen wehrt, Menschen allein aufgrund ihres Äußeren zu bewerten. Das taten die Menschen in den biblischen Texten dieses Sonntags mit den sogenannten Aussätzigen. Deren zerklüftete Haut und deformierten Körper waren ihr Makel. Eine ansteckende, unberechenbare Krankheit zeichnete sie. Davor schützte sich der antike Zeitgenosse mit religiösen Gesetzen, gesellschaftlicher Isolierung und Ghettobildung. Da Aussatz nicht heilbar war, gab es keine Rückkehr in die Normalität der damaligen Gesellschaft.

Josef Gsödl hat sich seinen Platz im Leben erkämpft. Im Beruf, in der Familie und vor allem für sich selber. Seine Geschichte beginnt mit dem Kind Ende der 50er Jahre. Dreieinhalb Jahre ist es alt. Bläschen wachsen in seinem Mund. Alles ist entzündet und tut schrecklich weh. Das Kind weint.

Zu spät erkennen die Eltern: Josef braucht Hilfe

Die Eltern sind zu beschäftigt, um viel Zeit mit Kinderkrankheiten zu verbringen. Das Kind heißt Josef und ist das jüngste von vier Geschwistern. Seine Familie hat eine bescheidene Landwirtschaft im tiefsten Niederbayern. Es dauert viel zu lange, ehe die Eltern erkennen, dass der Junge medizinische Hilfe braucht.

Im Kreiskrankenhaus versucht man zu retten, was zu retten ist. Vor einem halben Jahrhundert waren die Möglichkeiten begrenzt, der wuchernden Erkrankung Einhalt zu gebieten. Die Mutter weint.
Die Schleimhaut der Mundhöhle ist angegriffen und die der Nase. Erst innen, dann immer mehr äußerlich sichtbar. Bis die Nasenspitze beginnt abzusterben. Die Mundöffnung reicht kaum, um Nahrung aufzunehmen. Der heute 56-Jährige hat viel über seine Herkunft nachgedacht und erzählt: „Meine Mutter hatte Schuldgefühle. Sie war stark religiös geprägt und hat mein entstelltes Gesicht als unannehmbares Opfer von Gott empfunden.“

Bis zu seinem 21. Lebensjahr musste Josef 68 Operationen über sich ergehen lassen. Als er etwa zehn Jahre alt war, wurden Nase und Lippen operativ größer geformt, damit das Gesicht während der pubertären Entwicklung in seine endgültige Größe hineinwachsen kann. So dachten die Mediziner damals. Die Schule war von großer Einsamkeit geprägt. Verspätet eingeschult hat Gsödl vor allem in Erinnerung, dass seine Mitschüler zu unsicher waren, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Nein, Hänseleien waren nicht das Problem, viel schlimmer war es, isoliert zu sein.

Mit 20 beschließt Josef: Nie mehr operieren

Die Wende zeigt sich im Alter von 20 Jahren: „Ich weiß noch genau als ich nach zwei fehlgeschlagenen Operationen beschlossen habe, mich nie mehr operieren zu lassen.“ Es begann der lange Weg, sein Gesicht und damit sich selber anzunehmen. Zunächst mit dem Versuch, sich unauffällig in der zivilisierten Welt zu bewegen, wie es Josef Gsödl ausdrückt. Nach einer Lehre als Autoschlosser findet er Arbeit, kann sie aber aufgrund der Erkrankung nicht lange ausüben.
Mit 21 entschließt er sich, nicht mehr nach Hause zu seinen Eltern zu gehen, sondern nach Münster in Westfalen. Dort kennt er die Fachklinik Hornheide. Die ist spezialisiert auf chirurgische Eingriffe im Gesicht.

In dem Leiter der Chirurgie, Hubert Drepper, findet Josef Gsödl den väterlichen Freund, der in dem jungen Mann mehr sieht als einen medizinischen Fall. Eine Bezugsperson, wie er sie bis dahin nicht kannte, der seine Erkrankung mit ihm aushält. Denn neben den unendlich vielen Schmerzen war Gsödl seelisch traumatisiert.

Der junge Mann findet ein Appartement in Münster, beginnt eine Umschulung, erlangt an der Abendschule den Hauptschulabschluss und macht verschiedene Praktika in sozialen Einrichtungen. Er gründet eine Selbsthilfegruppe für Jugendliche mit Behinderung.
„Für mich war das alles ein Ausdruck meiner Emanzipation. Ich wollte endlich über mich selber bestimmen“, erzählt er. Ergotherapeut will er werden. Doch das Arbeitsamt riet ihm ab, das würden sie nicht fördern. Dank seines wachsenden Glaubens in sich selber lässt Josef Gsödl sich nicht entmutigen, findet einen Ausbildungsplatz in Düsseldorf. Es war ein Schlüsselerlebnis, sich gegen das Arbeitsamt durchgesetzt zu haben.

Seine Schwiegereltern warnten die Tochter

Nach einigen Jahren am Rhein kehrt Gsödl zurück nach Münster. In der Fachklinik Hornheide bekommt er 1985 eine Stelle als Ergotherapeut. Dort lernt er auch seine Frau kennen, Waltraud. Tränen laufen ihm übers Gesicht, wenn er davon erzählt. Er schluckt und stockt. „Ich habe so großes Glück gehabt, habe mehr bekommen als ich je gedacht hätte“, sagt er. Es ist eine Geschichte mit Happy End. „Aber ich tue auch eine ganze Menge dafür“, stellt er fest.

Seit 25 Jahren sind Waltraud und er ein Paar. Josefs Mutter habe Waltraud bewundert und gesagt, sie bringe ein Opfer. Seine Schwiegereltern haben die Tochter gewarnt. Aber Waltraud war sich sicher, in Josef den Partner ihres Lebens gefunden zu haben. Heute leben sie mit zwei Pflegekindern und einem Familienhund in Münster, „meiner Heimat“ wie Gsödl lächelnd sagt.
Und seine Krankheit? Die hat keinen Namen, er weiß jedenfalls keinen zu nennen. Gesichtsversehrt hätte er sich einige Jahre genannt, aber da steckt ein Defekt dahinter. Das reduziere ihn auf seine vernarbte Mund- und Nasenpartie. „Ich bin Josef Gsödl“, stellt der 56-Jährige fest. Blinzelt freundlich mit den Augen. Nein, geteilt ist sein Gesicht nicht. Es ist ganz geworden.

Von Ulla Evers