Schicksale jüdischer Schülerinnen während des Nationalsozialismus

Die Spur der Mädchen

Sie wurden isoliert, gedemütigt und mussten schließlich die Schule verlassen. Frühe Lebenspläne wurden jäh zerstört. Anning Lehmensiek hat das Schicksal jüdischer Schülerinnen am früheren Bremer Gymnasium „Kleine Helle“ erforscht. Was ist aus ihnen geworden?

 

Anning Lehmensiek hat bereits zwei Bücher geschrieben: eine Biografie über eine Holocaustüberlebende und über Juden in Worpswede.Foto: Anja Sabel

Jeden Morgen wurde die Fahne aufgezogen, erklang auf dem Schulhof das Horst-Wessel-Lied. Golly Grünberg stand mit hängenden Armen irgendwo zwischen ihren Mitschülerinnen, „still wie eine Kirchenmaus“. Auch bei Lotte Dahn lösten solche patriotischen Feiern unangenehme Gefühle aus. Im Unterricht wurden dann „Ahnentafeln“, „Familienmappen“ und „Stammtafeln“ erstellt. Immer ging es um „Deutschtum“ und „arische Abstammung“ – beängstigend und beunruhigend für die jüdischen Schülerinnen des Gymnasiums „Kleine Helle“.

Irgendwann wollte niemand mehr neben ihnen sitzen, durften sie nicht mehr mit auf Klassenfahrt; Lotte Dahns Wahl zur Klassensprecherin wurde rückgängig gemacht. Spätestens 1938 war den jungen Mädchen klar, dass sie keine Chance hatten, ihr Abitur zu machen. Viele versuchten, einen Beruf zu erlernen. Sie wurden weiter gedemütigt, sozial herabgesetzt und steckten in finanziellen Schwierigkeiten, als ihren Vätern Berufsverbote erteilt oder deren Betriebe „arisiert“ wurden.

Festschrift zu 100 Jahre „Kleine Helle“

Die Bremerin Anning Lehmensiek, 73, berichtet darüber ganz sachlich, doch habe es ihr beim Schreiben „oft genug die Kehle zugeschnürt“, was den Schülerinnen angetan wurde. Lehmensiek war selbst Deutsch- und Religionslehrerin an der „Kleinen Helle“ – lange nach dem Holocaust. Im Mai wäre die Schule 100 Jahre alt geworden, sie wurde 1986 aufgelöst. Dennoch gibt es jetzt eine Festschrift. Und Anning Lehmensiek findet: Wer an die ehemaligen Schülerinnen der „Kleinen Helle“ erinnere, dürfe eine kleine Gruppe nicht vergessen: die 14 Mädchen jüdischer Herkunft, die das Gymnasium in den Jahren 1930 bis 1942 besuchten und von den Nationalsozialisten aus rassistischen Gründen gezwungen wurden, diesen Lernort zu verlassen. Was ist aus ihnen geworden? Lehmensiek recherchierte im Bremer Staatsarchiv, außerdem sprach sie mit drei Überlebenden persönlich.
 

Golly Dowinsky, geborene Grün-
berg, lebt heute in New Jersey/
USA. Foto: privat

Dazu zählt Goldine (Golly) Dowinsky, geborene Grünberg. Die alte Dame lebt heute in New Jersey, USA, hat aber in Bremer Schulen bereits mehrfach über ihren Lebens- und Leidensweg gesprochen. Nachdem sie die „Kleine Helle“ verlassen musste, ließ sie sich zur Kinder- und Säuglingsschwester im Jüdischen Krankenhaus Berlin ausbilden. 1943 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und heiratete dort den Arzt Sally Herzberg, den sie aus Berlin kannte. Die gemeinsame Zeit war kurz. Im selben Jahr kam Herzberg nach Auschwitz, und obwohl seine Frau ihm freiwillig folgte, sah sich das Paar nie wieder.

Golly Dowinsky wurde schließlich in das Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen gebracht. Als es aufgelöst wurde, musste sie sich im Januar 1945 auf einen „Todesmarsch“ begeben, der 600 Kilometer durch Niederschlesien, die Lausitz und Sachsen führte. Ende April gelang ihr die Flucht. Ein amerikanischer Soldat entdeckte die inzwischen 23-Jährige in einem verlassenen Haus. „Ich war so elend, dass ich dachte, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben. Ich wog noch 70 Pfund – Haut und Knochen“, erzählt sie. 1948 heiratete sie in Bremen David Dowinsky, der ebenfalls in verschiedenen Konzentrationslagern gewesen war. Kurz danach wanderte das Paar in die USA aus – im Land der Täter wollte es nicht bleiben.

Ständiges Gefühl seelischer Unsicherheit
 

Lotte Noam, geborene Dahn,
lebt heute abwechselnd in
Israel und in der Schweiz.
Foto: privat

Anning Lehmensiek staunt, dass sich die ehemaligen jüdischen Schülerinnen trotz allem differenziert und oft recht positiv zu ihrer Schule und ihren Lehrern äußern. Sie berichten, dass einige Lehrer sehr antisemitisch gewesen seien – Nazis durch und durch –, andere wiederum verständnisvoll. Sie hätten sogar versucht zu trösten. „Es war eine Welt, in der wir nie wussten, was in der nächsten Minute passiert. Dieses Gefühl der seelischen Unsicherheit verlässt einen fast nie“, fasst eine ehemalige Schülerin zusammen.

Zahlreiche Familien wanderten aus, wurden getrennt. Lotte Dahn, verheiratete Noam, emigrierte 1938 mit ihrem Vater nach Palästina, der Bruder entkam in die Schweiz. Im neuen Land hatte sie das Gefühl, von einer schweren Last befreit zu sein – der Last, nicht dazuzugehören. „Endlich war es nicht mehr degradierend und widerlich zu sagen: ,Ich bin Jüdin‘“, sagt die 95-Jährige im Gespräch mit Anning Lehmensiek. Heute lebt sie abwechselnd in Israel und in der Schweiz.

Viele ehemalige Schülerinnen der „Kleinen Helle“ hätten ihr Schicksal gut verarbeitet, sagt Anning Lehmensiek. Oft habe es geholfen, darüber zu sprechen. Und noch eines hat sie festgestellt: „Die Art und Weise, wie die jüdischen Mädchen damals behandelt wurden, erinnert mich daran, dass wir auch heute Fremde oft ausschließen und Vorurteile pflegen“, sagt die Lehrerin, die in ihren letzten Berufsjahren Deutsch als Fremdsprache unterrichtet hat.

Anja Sabel

 

 

Rassistischer „Numerus clausus“

Bereits 1933 erließ das nationalsozialistische Regime das „Gesetz gegen die Überfüllung von deutschen Schulen und Hochschulen“. Es legte fest, dass Personen „nichtarischer Abstammung“ an weiterbildenden Schulen und Universitäten nur bis zu einem Prozentsatz von 1,5 neu aufgenommen werden durften und dass der Anteil jüdischer Schüler und Studenten, die schon eingeschult oder immatrikuliert waren, auf fünf Prozent herabzusetzen war. Aufgrund solcher Gesetze wurden jüdische Schüler diskriminiert und ausgegrenzt. Hilflos waren sie oft den Erniedrigungen und Beleidigungen von Mitschülern und Lehrern ausgesetzt – eine große psychische Belastung.