Ein Verkehrsunfall, ein Herzinfarkt, ein Tumor – und plötzlich bricht alles zusammen. Wenn ein Partner stirbt, stehen jüngere Witwen mit ihren Kindern oft alleine da. Ein Treffpunkt im emsländischen Lengerich hilft diesen Frauen. Die meisten sind seit der Gründung vor gut fünf Jahren dabei.

Denn die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. „Sie vernarben nur“, sagt Ulrike Albers. Die Sozialpädagogin begleitet die von der katholischen Frauengemeinschaft initiierte Gruppe. Bis zu zehn Frauen treffen sich dazu einmal im Monat bei ihr. Einige reisen von weiter an. Andere treffen sich auch außerhalb des Kreises hin und wieder – sind zu Freundinnen geworden. Nur sie können wirklich beurteilen, was das heißt, wenn der Partner so früh stirbt. Mitten in einer Phase, in der man Pläne für die Familie und für die Zukunft schmiedet, in der die Kinder noch die Eltern brauchen, in der noch so vieles getan werden wollte.
Wie bei Marita. „Wie geht es dir heute?“, fragt Ulrike Albers die 46-Jährige. „Muss so“, sagt die Mutter von drei Kindern und lächelt ein bisschen gequält. Vor sechs Jahren hat sie ihren Ehemann durch einen Verkehrsunfall verloren. Der Tag und die erste Zeit danach haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: wie die Polizei und der Pfarrer ins Haus kommen, wie die Beerdigung war, wie viel Papierkram zu regeln ist. Und dann? „Irgendwie habe ich wohl funktioniert. Ich hatte ja keine Zeit, groß Luft zu holen. Die Kinder waren doch da“, sagt Marita. Aber so genau weiß sie eigentlich nicht mehr, wie sie das erste Jahr geschafft hat. Und heute? Sie zuckt mit den Schultern und spricht von einem Weg mit vielen Löchern. „Manchmal schaffe ich, drum herum zu gehen und manchmal falle ich eben wieder hinein.“
Kluge Ratschläge werden manchmal zu Schlägen
Wenn das passiert, hilft die Gruppe weiter. „Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen“, Hier können wir das auspacken“, sagt Marita. Trauer, Tränen, Wut, Schweigen, Lachen, Freude, Trost, Mut machen – alles ist erlaubt, niemand muss sich groß erklären. Das ist „draußen“ oft anders. Ulrike Albers, die „Gott sei Dank“ noch ihren Mann an der Seite hat, erzählt von verwitweten Frauen, die in der Gesellschaft durch ein Netz fallen“ und sich nur selten in Gruppen oder Vereinen angenommen fühlen. Irgendwann erwarten Familie, Freunde, Bekannte, Nachbarn, Kollegen, dass sie das Thema „endlich hinter sich lassen“, wieder „normal“ werden. Alles kluge Ratschläge, die manchmal aber mehr zu Schlägen werden.
Als Reaktion trauen sich die Frauen oft gar nicht mehr, über den Verlust zu reden. Das weiß auch Heike. Es ist erst zweieinhalb Jahre her, da ist ihr Mann im Alter von nur 41 Jahren Zuhause gestorben – nach einer Lungenembolie. Nur sehr stockend erzählt sie davon, Tränen steigen in ihrer Stimme hoch. „Heute ist wieder so ein Tag“, sagt sie leise und Marita legt ihr die Hand auf die Schulter. Die kleine Geste zeigt, wie stark die Gruppe miteinander verbunden ist. „Ich habe mich hier gleich wohl gefühlt“, erklärt Heike. „Ich freue mich jedes Mal auf unser Treffen.“
Denn in diesem Kreis können die Frauen offen über alles reden: über die zerplatzten Träume, über Probleme der Kinder und die Erziehung, über den Berufsalltag und finanzielle Sorgen – über die Sehnsucht, nicht alleine alt werden zu müssen. Da ist es kein Wunder, dass Marita sich kaum vorstellen kann, die Gruppe irgendwann zu verlassen. „Sie ist wie ein Netz, das mich immer wieder auffängt.“
Um den „Treffpunkt für allein erziehende Witwen“ kümmert sich Ulrike Albers. Die Frauen treffen sich einmal im Monat im emsländischen Lengerich. Neue Mitglieder sind willkommen – auch über die Dekanatsgrenze hinweg. Weitere Infos bei Ulrike Albers: 0 59 04/9 49 38
Petra Diek-Münchow