03.08.2017

Johannes a Lasco Bibliothek in Emden

Ein Haus für die Geschichte

In die Emder Johannes a Lasco Bibliothek kommen Historiker aus aller Welt. Nirgendwo sonst gibt es so viele Bücher und Handschriften, die von der Reformation in Ostfriesland und an anderen Orten erzählen. Ein Besuch lohnt sich.

Hohe Säulen und funkelnde Kronleuchter: Jan Marius Jacob Lange van Ravenswaay führt Gäste gern in der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden herum. | Fotos: Petra Diek-Münchow

Wo ist die Johannes a Lasco Bibliothek? „Dahinten, nicht zu übersehen“, sagt die freundliche Emderin und weist mit einer raschen Geste den Weg. Sie hat Recht. Gleich um die Ecke ragt der bodenständig-wuchtige Backsteinbau auf. Ein paar Schritte geht es über den alten Friedhof, dann öffnet sich das Portal und man steht mitten in der Geschichte.
Honoratioren blicken würdig aus Ölbildern

Denn die Bibliothek ist in der Großen Kirche untergebracht – der „Moederkerk“ der reformierten Gemeinden in Norddeutschland und den Niederlanden. Da lassen die Gäste für einen oder zwei Momente zuerst die Blicke schweifen. Der Raum erzählt ganz ohne Worte von vergangenen Jahrhunderten: hohe Säulen mit rauen Ziegeln, schwere Mauern und Spitzbögen, funkelnde Kronleuchter und mächtige Gemälde aus alten Zeiten.

Emder Honoratioren blicken mit würdiger Miene aus diesen Ölbildern – und Jan Marius Jacob Lange van Ravenswaay würde mit seinem Spitzbart da wunderbar hineinpassen. „Das hat man mir schon oft gesagt“, erwidert der Leiter der Bibliothek mit einem amüsierten Schmunzeln. Aber viel lieber spricht er natürlich über das Haus selbst und führt seinen Gast überall gern herum.

Die Bibliothek, deren Träger eine kirchliche Stiftung ist, gilt als eine der wichtigsten theologischen Spezialbüchereien. 160 000 Bücher über die Geschichte und Theologie des reformierten Protestantismus, über die Konfessionsgeschichte der frühen Neuzeit und die Landesgeschichte Ostfrieslands stehen dort. Die Einrichtung geht auf das Archiv und die seit 1559 bestehende Büchersammlung der reformierten Gemeinde Emden zurück. „Bestimmte Dinge finden Sie nur bei uns“, sagt der Leiter und schließt einen der Schränke auf. Er holt einen Band heraus: in Leder eingebunden, der Buchschnitt mit einer feinen Landschaft bemalt, die Seiten hauchdünn und vergilbt. Lange van Ravenswaay blättert vorsichtig um, der kurze Blick hinein macht ein bisschen demütig. Zum Bestand gehören auch Werke von Johannes a Lasco – nach dem aus Polen stammenden Reformator, der zwischen 1540 und 1555 in Emden gelebt und gearbeitet hat, ist die Bibliothek benannt.

Die Akkustik ist hervorragend

Mit ein wenig Stolz in der Stimme erzählt ihr Leiter, wie viele Gäste aus der ganzen Welt nach Emden kommen, um in den Büchern, Urkunden und Handschriften zu lesen, zu forschen und manches auszuleihen: Historiker, Doktoranden, Studenten, Schüler und interessierte Privatleute. Viele Symposien, internationale Kongresse und Vorträge finden hier statt. Außerdem betreibt das Haus eigene Forschungsprojekte.

Vom ersten oder zweiten Stock schauen die Besucher hinunter in das Kirchenschiff – der hohe Saal mit den lichten Kirchenfenstern gilt als einer der schönsten musealen Veranstaltungsräume in Norddeutschland. „Die Akustik ist hervorragend“, sagt Lange van Ravenswaay und tritt den Beweis mit leiser Stimme an. Viele Konzerte gibt es hier, bis zu 400 Besucher passen hinein und lassen sich von einzigartigen Atmosphäre berühren.

Denn der Raum selbst gilt als Erinnerungsort. Mit ihren fast 3000 Plätzen und dem 65 Meter hohen Turm war sie früher eine der größten Kirchen in Ostfriesland – und in der Zeit der Reformation eine der wichtigsten. Im Zweiten Weltkrieg, als Bomben auf die Stadt fielen, wurde die Große Kirche fast komplett zerstört. Bis in die 90er Jahre blieb nur ein Mauertorso stehen. Erst 1992 wurde mit und auf der Ruine die Johannes a Lasco Bibliothek gebaut: ein würdiger Platz für die berühmten Buchbestände. Der Besuch lohnt sich.

Petra Diek-Münchow


Emden und die Glaubensflüchtlinge

Viele wertvolle Bücher aus alter Zeit stehen in der Bibliothek.

Menschen verschiedener Konfessionen haben in Emden eine neue Heimat gefunden. Mit diesem Thema befasst sich die Ausstellung „Reformation und Flucht – Emden und die Glaubensflüchtlinge im 16. Jahrhundert“, die bis 5. November in der Johannes a Lasco Bibliothek (Kirchstraße 22) und im Ostfriesischen Landesmuseum (Brückstraße 1) zu sehen ist: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

In der Johannes a Lasco Bibliothek sehen die Besucher 30 Lebensgeschichten. Sie erzählen aus ganz persönlicher Sicht von der Reformation in Ostfriesland. Dazu gibt es viele Exponate: historische Bücher und Bibeln, Handschriften, Urkunden und Gemälde, Skulpturen, Kreuze und andere sakrale Objekte. Dazu zählt auch ein Reliquienschädel aus dem Osnabrücker Diözesanmuseum. Der Eintritt kostet fünf Euro, die Kombikarte für das Landesmuseum zehn Euro.

www.jalb.de