Tierfriedhöfe

Ein Platz für treue Gefährten

In Deutschlands Haushalten leben 8,2 Millionen Katzen, 5,4 Millionen Hunde und viele Kleintiere. 1,3 Millionen Miezen und Lumpies sterben jedes Jahr – für die Besitzer oft ein großer Verlust. Auf rund 120 Tierfriedhöfen können die Hausgenossen bestattet werden. Rainer Hagencord vom Institut für Theologische Zoologie in Münster spricht über theologische Aspekte einer solchen Bestattung.

 

Grabstätte eines verstorbenen Hundes. Foto: Marco Heinen

Kommen Mieze, Lumpi, Waldi und alle anderen Tiere in den Himmel?

Ja, wohin denn sonst? Das ist vielleicht etwas flapsig formuliert und überraschend. Aber wenn ich den biblischen Texten und einigen theologischen Traditionen folge und Gott als den Liebhaber des Lebens verstehe, und wenn ich davon ausgehe, dass dieser Gott als Schöpfer alles liebt, was er geschaffen hat, dann wird ihm nichts Lebendiges aus den Händen fallen. Auch unsere Tiere werden nach ihrem Tod nicht in ein Nichts fallen. Das ist meine feste Überzeugung.

Auf  Tierfriedhöfen können Haustiere einfach, aber würdig begraben werden. Es gibt aber auch Haustierbesitzer, die würden ihr Tier gerne „christlich“ bestatten. Wie steht die katholische Kirche dazu?

Die Kirche ist da sehr entschieden und sagt, dass die klassischen Rituale und Merkmale – Kreuz, Weihwasser, Weihrauch – den Beisetzungen von Menschen vorbehalten sind. Das sehe ich auch so, weil die Themen Erlösung und Vergebung der Sünden nicht für die Tiere gelten: Tiere brauchen keine Erlösung und keine Vergebung der Sünden. Denn ein Tier kennt weder Schuld noch Abwendung von Gott. Tiere dürfen also durchaus eine Beisetzung erfahren. Allerdings ist das etwas, was eher den Menschen hilft, die ihr Tier loslassen müssen.

Wie sieht es mit den Tiersegnungen aus, die vielerorts auch von katholischen Priestern vorgenommen werden?

Das hängt davon ab, wie ich den Segensritus verstehe. Kritisch sehe ich die eine Haltung, dass der Mensch sich als Machthaber versteht. Er segnet die einen Tiere – die netten possierlichen Hausgenossen – und die anderen – Puten und Schweine – wirft er nachher auf den Grill. Das entspricht einer theologischen Zweiteilung der Tiere in die, die wir lieben und die, die wir essen.

Was wäre die andere Haltung?

Wenn man den Segen als Imperativ, als Aufruf an den Menschen versteht, ,sei für die Tiere ein Segen und verhalte dich ihnen gegenüber so, dass es ihnen gut geht!’, dann kann ich eine solche Segnung nachvollziehen. Die dritte Option ist, aus der Bibel hergeleitet, dass die Natur an sich ein Segen für uns und die Tiere darin ist. Das heißt, dass wir uns von den Tieren quasi gleichermaßen ,segnen’ lassen und uns unter den Segen der Schöpfung stellen. Dafür bräuchte es dann allerdings eigene Rituale und Texte, die es meines Wissens nicht gibt.
 

Rainer Hagencord leitet das Institut für Theologische
Zoologie in Münster. Er hat Theologie, Philosophie
und Biologie mit dem Schwerpunkt Verhaltensforschung
studiert. 1987 wurde er zum Priester geweiht.
Foto: Oliver Tjaden

Was halten Sie davon, Tierfriedhöfe nahe an christlichen Friedhöfen anzusiedeln?

Auf der einen Seite erleben Menschen, die sehr intensiv mit einem Tier verbunden waren, die gleiche Trauer wie beim Verlust eines lieben Menschen. Dann braucht es auch einen Ort und womöglich ein Ritual, um dieser Trauer und dem Abschied eine Form zu geben. Ob die Nähe zu einem Friedhof für Menschen sinnvoll ist, vermag ich nicht zu sagen. Wenn ich auf Tierfriedhöfen bin, habe ich manchmal ein ungutes Gefühl, weil diese Friedhöfe oftmals Zeichen einer übertriebenen Tierliebe sind.

In der Genesis heißt es über die Schaffung der Tiere: „Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie.“ Andererseits soll sich der Mensch die Tiere untertan machen. Wie darf, wie soll der Mensch denn nun mit Tieren umgehen?

Sie haben das Schlüsselwort genannt: ,Macht euch die Erde untertan!‘ Das findet sich ja auf den ersten Seiten der Bibel als Anweisung, wie sich der Mensch den Tieren gegenüber zu verhalten habe. Dieses Wort hat allerdings in der Geistesgeschichte auch eine Fehlübersetzung erfahren und wurde als theologische Legitimation gedeutet, um mit Tieren das zu tun, was man will. Die heutigen Bibelforscher sagen, dass dieses Wort eine Einweisung in die Verantwortung ist. Dass die Worte ,herrschen über‘ und ,untertan machen’ Attribute eines Hirten, eines guten Königs sind. Das heißt, es ist eine Macht ausgesprochen, die der Mensch über das Tier hat. Aber diese Macht ist immer gebunden an eine Verantwortung und an einen Respekt. Dieser Gedanke des Respekts vor allem, was lebt, muss in unserem christlichen Selbstverständnis ganz neu buchstabiert werden.

Interview: Marco Heinen