Anni Hahnenkamp hütet seit fast 50 Jahren einen besonderen Familienschatz

Ein Taufkleid für 30 Kinder

In vielen Familien wird das Taufkleid weitergegeben. Das ist auch bei den Hahnenkamps in Lorup so – mit einer beeindruckenden Zahl. In fast 50 Jahren sind darin 30 Kinder getauft worden. Anni Hahnenkamp hat jeden Namen und jedes Datum in ein großes Wandbild eingestickt.

 

Anni Hahnenkamp zeigt das Taufkleid, das ihre Schwester
vor 50 Jahren Ton in Ton bestickt hat. Sie hütet es heute wie
einen kleinen Schatz. Fotos: Petra Diek-Münchow

„Da ist das gute Stück“, sagt Anni Hahnenkamp und nimmt das Taufkleid vom Bügel. Vorsichtig streift sie die dünne Folie ab, die den empfindlichen Stoff vor Schmutz und Sonne schützt. Sie zupft die kleinen Rüschen am Oberteil zurecht, streicht die Falten im Rockteil glatt und breitet das Werk dann über der Sessellehne in ihrem Wohnzimmer aus. „Dann kann man die Stickerei viel besser sehen.“

Diese ist schon fast ein halbes Jahrhundert alt. Ihre Schwester, Ordensfrau in Thuine, hatte das Taufkleid 1967 aus weißem Satin und zartem Tüll genäht. Und dann Ton in Ton christliche Symbole daraufgestickt: eine Taufkerze im Strahlenkranz, darunter Taufwasser und das Wort „Credo“ – Ich glaube. Ganz zurückhaltend hat die Franziskanerin dabei die Nadel im Schlingenstich angesetzt. Schlicht und schön, die feine Stickarbeit fällt erst beim zweiten Blick so richtig auf. „Sie hat damals gleich gesagt: ,Das ist für dich‘“, erinnert sich Anni Hahnenkamp mit einem Schmunzeln an „Schwester Laurentine.“ Und deshalb hängt es heute nach wie vor in ihrem Schrank.

30 Kinder sind in dem Kleid bis heute getauft worden: ihre vier eigenen Jungs, die Töchter und Söhne ihres Bruders, ihrer anderen Schwester, ihrer Cousine – und danach wieder deren Kinder. Zwei Generationen stehen schon in dieser Chronik. Vater, Mutter, Sohn und Tochter tragen dasselbe Taufkleid. In den zurückliegenden fast 50 Jahren hat sich das zu einer schönen Familientradition entwickelt, auf die die Loruperin stolz ist. Und das Taufkleid sieht trotzdem noch fast aus wie am ersten Tag. Nur die Passe oben hat die 72-Jährige mal ausgebessert.

Dafür braucht sie keine Hilfe. Denn Anni Hahnenkamp hat es in ihrem Beruf der Damenschneiderin bis zur Meisterin gebracht. Nach der Schule macht sie in ihrem Heimatort eine Ausbildung und arbeitet danach in Telgte. Die Verbindung in den Wallfahrtsort hält noch immer, sie schwärmt von der Kirche und der Atmosphäre dort. Als sie mit ihrem Mann eine Familie gründet und einen neuen Bauernhof aufbaut, gibt sie ihren Beruf auf. Aber sie klagt heute nicht darüber. Mit einem verschmitzten Lachen im Gesicht erzählt sie, wie gern sie in der Landwirtschaft gearbeitet hat. „Die Kälber, die waren meins.“ Heute führt einer ihrer Söhne den Betrieb weiter.

Ein Wandbild mit 30 Namen und 60 Daten
 

In diesem Winter hat Anni Hahnenkamp ein großes Wandbild fertiggestellt. Darauf
hat sie alle 30 Namen der Kinder gestickt, die im Taufkleid der Famiie getauft
worden sind – seit 1969.

Und wie war das mit der Näherei? Für große Aufträge ließen Haus, Hof und Garten in diesen Familienjahren kaum Zeit. Aber für die Kinder, für den Basar der Kirchengemeinde, später für die Enkel hat die Loruperin schon das eine oder andere genäht, gestrickt, gestickt. Noch heute gehen ihr Biesen und Knopflöcher, Zopfmuster und Kreuzstich gut von der Hand.

Das sieht man auch bei einem Werk, das sie Ende der achtziger Jahre begonnen und erst kürzlich beendet hat. Ein tischdeckengroßes Wandbild mit 30 Namen und 60 Daten: Jeder Täufling, angefangen bei Wilhelm Munk im August 1969 bis zu Lukas Grönheim im Februar 2015, steht darauf. Ganz akkurat hat Anni Hahnenkamp jedes Kind darauf  verewigt. In feinem Kreuzstich, die Jungen in mittelblau, die Mädchen ein bisschen heller. Kein Buchstabe und keine Zahl tanzt aus der Reihe. „Dass es so viele werden würden, habe ich auch nicht gedacht“, sagt die 72-Jährige. „Aber mit jedem Namen hat es mehr Spaß gemacht.“

Aber warum steht ein Munk  und nicht ein Hahnenkamp als Erster in der Reihe? Anni Hahnenkamp lacht auf und streicht mit einem Finger über den Namen. Das ist eine der Geschichten, die mit dem Taufkleid und dem Wandbild verbunden sind. Genäht hatte die Thuiner Franziskanerin das Gewand eigentlich für ihre Schwester Anni und deren erstes Kind. „Aber dann war meine Schwägerin schneller.“ Gern hat sie ihr das Taufkleid zuerst überlassen, „es ist ja zu mir zurückgekommen“. Und nicht lange danach legte der Pfarrer es dann ihrem Sohn über. Ganz gefüllt ist das Wandbild übrigens noch nicht. Die Loruperin hat Platz gelassen für vier oder sechs weitere Namen – für die dritte Generation der Hahnenkamps. Bis dahin hängen beide Teile im Schrank, gut verpackt unter einen dünnen Schutzfolie.

Petra Diek-Münchow

 

 

Zur Sache

Das weiße Taufkleid ist ein wichtiges Symbol – ein Zeichen für die Gemeinschaft mit Christus und ein Zeichen für das neue Leben, in das der Mensch durch die Taufe „hineingeboren“ wird. Beim Anlegen des Taufkleides sagt der Priester: „In der Taufe bist du eine neue Schöpfung geworden und hast – wie die Schrift sagt – Christus angezogen. Das weiße Kleid sei dir ein Zeichen für diese Würde.“