Zwischen Wellness und Kontemplation

Einkehrtage im Kloster

Trotz Kirchenkrise und Mitgliederschwund: Kloster auf Zeit, spirituelle Einkehrtage sind „in“ wie nie zuvor. Allein in Deutschland bieten mehr als 250 Klöster Zimmer für Einkehrtage, Exerzitien und Fastenkurse an.

Die Kirchen leeren sich. Parallel zu dieser Entwicklung ist in und um Europas Klöster herum in den vergangenen Jahren fast eine Art spiritueller Massentourismus entstanden. Sogar Prominente wie der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff oder der verstorbene Verleger Axel Cäsar Springer nahmen oder nehmen sich immer mal wieder eine Auszeit. Exerzitien, Meditations- oder Fastenkurse oder einfach nur ein paar Erholungstage im Kloster sind en vogue wie nie zuvor. Allein in Deutschland bieten derzeit knapp mehr als 250 Konvente Zimmer für Gäste an. Die Bandbreite der verschiedenen Angebote ist enorm. Von der einfachen Mönchszelle mit Tisch, Bett, Stuhl über groß angelegte Exerzitien- oder Bildungshäuser mit bis zu 200 Gästezimmern bis hin zum sogenannten Wellnesskloster der Arenberger Dominikanerinnen.

Broschüre der
der Deutschen
Ordensobernkonferenz

Einen tollen Überblick über die gesamte Spannbreite christlicher Einkehrangebote liefert die Internetseite „Atem holen - Kloster auf Zeit“ der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK). Mit einer Suchmaschine können hier gezielt spezielle Angebote herausgesucht werden. Ein gutes Sprungbrett für den Klosteraufenthalt bietet auch die Seite Orden online.

Kaum 30 Jahre ist es her, da war die heutige Offenheit der Orden nahezu undenkbar. In den meisten Klöstern wurden bestenfalls für Pilger oder Ordensanwärter ein paar Zimmer, sogenannte Zellen, freigehalten. Erst als mangels Nachfrage die ersten ordenseigenen Internate geschlossen wurden und plötzlich Immobilien leerstanden, überlegten sich einige Gemeinschaften andere Nutzungsmöglichkeiten. Mit der Einrichtung von Gästehäusern reagierten die Orden ab Mitte der 70er Jahre auf die veränderte pastorale Aufgabe. Ursprünglich dienten die Einkehrtage vor allem zur Mission bzw. zur Rekrutierung von Ordensnachwuchs.

Doch Theodor Pindl, der Leiter des Bildungshauses der Franziskanerinnen von Reute, hat beobachtet, dass schon lange nicht mehr nur Gläubige ins Kloster kommen. „Wir sind auch Rückzugsgebiet für Menschen, die erschöpft sind, die nach Sinn suchen.“ Auch große Geschäfte werden – anders als einige Kritiker unterstellen – mit den Gästehäusern nicht gemacht. Die Übernachtungskosten von 30 bis 50 Euro inklusive Vollpension decken oftmals kaum die Ausgaben; zumal etliche Gemeinschaften immer häufiger auf die Hilfe von Angestellten angewiesen sind, weil ihnen selbst der Ordensnachwuchs fehlt. Zwar gibt es auch einige Konvente die eigene, sprich hoch professionelle Hotels betreiben: etwa die Benediktiner in Ettal und Maria Laach sowie die Schwestern vom Heiligen Kreuz am Bodensee. Doch sind diese Herbergen strikt von den Konventen getrennt und dienen ähnlich wie das Kloster Andechs mit seiner Brauerei als Wirtschaftsgut zur Versorgung der angeschlossenen Gemeinschaft.

Münsterschwarzach. Screenshot der Webseite

Anders als beispielsweise in den großen benediktinischen Gästehäusern – etwa Münsterschwarzach, Gerleve, Sankt Ottilien oder Beuron - leben bei den Kapuzinern in Stühlingen und in Rapperswil (Schweiz) Gäste und Patres noch Tür an Tür, beten und essen gemeinsam und teilen sich die Hausarbeit. Intensiver als in solchen Konventen kann Klosterleben von Laien nicht erlebt werden. Einen in Deutschland einzigartigen Weg – wo das Gebet bestenfalls Beilage aber keineswegs Hauptgericht ist - gehen die Arenberger Dominikanerinnen in Koblenz. 2002 bauten sie ihren siechenden Kneipp-Kurbetrieb zum modernen Wellness- und Vitalzentrum um. Rund 6.000 Gäste kommen jährlich.

Wem das Internet als Informationsquelle nicht reicht, kann sich per Post bei der DOK die Broschüre „Atem holen“ bestellen. Das Heft (siehe Foto oben) macht Sie mit einer Auswahl von klösterlichen Niederlassungen zahlreicher Männerorden und Frauenorden in Deutschland bekannt: Richten Sie Ihr Schreiben, E-Mail oder Fax an: Haus der Orden, Postfach 1601, 53006 Bonn, Fax: 0228/684 4944, E-Mail: info@orden.de

Ihr Webreporter Andreas Kaiser