04.05.2016

Exerzitien im Alltag: In einer Pfarreiengemeinschaft haben fast 100 Menschen mitgemacht

Für jeden Tag ein Gebet

Wie geht es mir? Und wohin geht es mit mir? Diese Fragen laden im „Jahr des Aufatmens“ dazu ein, über den Lebensweg nachzudenken – zum Beispiel bei Exerzitien im Alltag. In Neusustrum hat eine Gruppe genau das gemacht. Und erzählt, wie gut allen diese fünf Wochen gefallen haben.

 

„Die Karte gibt mir eine Richtung“: Das Set zum „Jahr des Aufatmens“ half den Teilnehmern bei ihren Exerzitien. Foto: Philipp Adolphs

Andrea Schwarz zündet die Kerze an, schiebt sie in den Mitte des Tisches und schaut dann in die Runde. „Wie ist es euch denn diese Woche ergangen?“, fragt sie die Männer und Frauen im Pfarrheim. Die rücken ihre Gebetskarten zurecht, schauen sich lächelnd an und fangen an zu erzählen. Über den Alltag zu Hause, über Stress im Beruf, über Freud und Leid in der Familie – ganz offen, ganz vertraut. „Hier kann ich Dinge aussprechen, die ich sonst nicht sagen könnte“, meint Bernadette Mensen.

Sie gehört zu den Neusustrumern, die fünf Wochen lang „Exerzitien im Alltag“ (siehe auch „Zur Sache“) gemacht haben. Jeden Tag gibt es für sie ein Gebet, eine Meditation, ein Lied, einen Schrifttext, für den sie sich Zeit nehmen. Und einmal in der Woche treffen sie sich in der Gruppe mit Andrea Schwarz. Die pastorale Mitarbeiterin hat die Teilnehmer begleitet.

Genau wie mehrere Ehrenamtliche und Pfarrer Matthias Schneider acht weitere Gruppen im Gemeindeverbund. Insgesamt hatten sich fast 100 Männer und Frauen für die Exerzitien angemeldet: in Steinbild und Neusustrum, in Niederlangen-Siedlung und Sustrum-Moor, in Sustrum, Ober-/Niederlangen und Hasselbrock. „Das ist eine erstaunliche Zahl“, sagt Andrea Schwarz.

Und wie macht man Exerzitien im Alltag – zu Hause, im Büro oder unterwegs? Heinz Kremer zieht eine Karte aus dem Stapel. Sie stammt aus dem Set, das das Bistum zum „Jahr des Aufatmens“ herausgegeben hat. Eine Bibelstelle aus dem zweiten Buch Mose (Exodus) steht darauf – und eine Zusicherung: „Gott begleitet mein Leben“. Impulse wie dieser gefallen seiner Frau Marianne und ihm. „Sich damit zu beschäftigen, tut uns gut“, sagt er. Meist am späten Vormittag sucht sich das Ehepaar einen ruhigen Platz im Esszimmer – direkt am großen Fenster, „wo man schön hinausgucken kann“. Und dann lesen beide die kurzen Texte, lassen die Sätze auf sich wirken, sprechen und schweigen darüber. 15 bis 20 Minuten dauert das. Gar nicht lange, „aber so kommt man aus dem Alltagstrott heraus“, sagt Heinz Kremer.

„Das sind 100 Leute, die zu ihrem Glauben stehen“

Die Frauen am Tisch nicken, als sie ihm zuhören. Auch sie suchen sich ein festes Plätzchen für ihre Exerzitien. Manchmal nach dem Frühstück, wenn alle aus dem Haus sind. Manchmal am Nachmittag, wenn die Arbeit erledigt ist. Doris Schulte stellt die Karte vor sich auf und geht in Gedanken den Text durch. Bernadette Mensen steckt sie gern in die Handtasche, damit sie immer wieder einen Blick darauf werfen kann. Und bleibt oft an einem Wort hängen, das sie durch den Tag begleitet. Monika Telgen baut die Karte vor dem Computer auf und freut sich über Nachfragen von Kollegen. „Man startet den Tag ganz anders. Die Karte gibt mir eine Richtung.“

Das Set mit den 35 Postkarten gefällt allen sehr gut. Jede Woche hat eine andere Farbe, die Optik ist modern, die Impulse sind kurz. „Man kann sie gut mitnehmen“, sagt Bernadette Mensen. „Und man wird nicht vom Text erschlagen.“ Auch die Gruppentreffen werden nicht vollgepackt mit viel zusätzlichem Material. Es geht mehr um gemeinsame Erfahrungen, um persönliche Glaubensfragen. Eine vertraute Atmosphäre, in der vieles gesagt werden darf – und nicht weitergesagt wird. Dafür sorgt auch Andrea Schwarz mit ihrer behutsamen Gesprächsführung.

Jetzt sind die Exerzitien vorbei. Wirklich? Die Gäste schütteln lächelnd den Kopf. Alle erzählen, dass dieses Erlebnis sie weitertragen wird. „Das wird nicht einfach so verpuffen“, meint Monika Telgen. „Ich werde sicher die eine oder andere Karte immer wieder zur Hand nehmen.“ „Der Blickwinkel hat sich für euch geändert“, meint Andrea Schwarz. Dass die Neu-sustrumer und alle anderen gelernt haben, offen über ihren Glauben zu sprechen, findet sie absolut wichtig. „Das ist ja nicht nur was für Profis. Da sind jetzt 100 Leute, die fest zu ihrem Glauben stehen.“

Petra Diek-Münchow

 

 

Zur Sache

Exerzitien im Alltag sind geistliche Übungen, die über vier bis sechs Wochen hinweg unter gewohnten Lebensbedingungen durchgeführt werden. Die Teilnehmer nehmen sich dabei täglich 15 bis 30 Minuten Zeit für Stille, ein persönliches Gebet und einen Tagesrückblick. Außerdem treffen sie sich einmal in der Woche für knapp zwei Stunden in einer Gruppe zum Erfahrungsaustausch und zu geistlichen Impulsen.
Die 96 Teilnehmer im Gemeindeverbund haben ihre Exerzitien mit dem 35-teiligen Kartenset gemacht, das vom Bistum zum „Jahr des Aufatmens“ herausgegeben worden ist. Das Set kann man herunterladen unter www.zu-atem-kommen.de