22.06.2012

Unsere Gesellschaft ist besser als ihr Ruf

Für andere und für mich

Das Chaos ist ausgeblieben: Auch ohne Zivis ist der deutsche Sozialsektor nicht zusammengebrochen. Dem „Bundesfreiwilligendienst“ sei Dank. Innerhalb weniger Monate haben sich mehr Freiwillige gemeldet als ursprünglich erwartet. Deutschland - ein Land der Nächstenliebe?

Ein junger Mann hilft einer Seniorensportgruppe. Foto: dpa
Ein Bundesfreiwilligendienstler hilft einer
Seniorensportgruppe. Foto: dpa

35 000 Frauen und Männer leisten Bundesfreiwilligendienst. Es könnten noch mehr sein. Freiwillige stehen bereit. Aber das Geld reicht nur für 35 000 Stellen. Zusammen mit anderen Diensten – dem Freiwilligen Sozialen oder Ökologischen Jahr – gibt es rund 80 000 Menschen im Freiwilligendienst in Deutschland. „Eine solche Bereitschaft gibt es nirgendwo in Europa“, sagt Jens Kreuter, im Bundesfamilienministerium zuständig für die Freiwilligendienste. Rund zehn Prozent eines Jahrgangs seien für solche Dienste zu begeistern, sagt Kreuter. Doch noch beeindruckender wird es, wenn man auf das gesamtgesellschaftliche Engagement schaut: Rund 25 Millionen ehrenamtlich Aktive zählt der so genannte „Freiwilligen Survey“ der Bundesregierung. Unsere Gesellschaft ist doch besser als wir oft meinen.

Nicht nur aus Selbstlosigkeit

95 Prozent der Ehrenamtlichen engagieren sich, um die Gesellschaft zu gestalten. Sie wollen etwas für andere tun. Dennoch: Aus reiner Selbstlosigkeit handeln auch sie nicht. Die Menschen im Bundesfreiwilligendienst etwa bekommen ein Taschengeld, rund 330 Euro im Monat. Gerade in den neuen Bundesländern mit ihrer schlechten Arbeitsmarktlage sind auffällig viele Ältere im Bundesfreiwilligendienst aktiv. Wollen sie der Arbeitslosigkeit entkommen und nur ein Zubrot erlangen? Kreuter verweist auf das relativ geringe Taschengeld bei zum Teil anspruchsvollen und anstrengenden Tätigkeiten, etwa in der Pflege. Arbeitslosengeld-II-Empfänger dürften ohnehin nur 175 Euro vom Taschengeld behalten. Auch angesichts einer knappen Haushaltskasse kein allein ausschlaggebendes Argument, wenn es darum geht, sich für andere einzusetzen.

Für „absolut legitim“ hält es Michael Bergmann vom Deutschen Caritasverband, wenn ein Arbeitsloser den Freiwilligendienst dem Warten auf eine neue Arbeitsmarktperspektive vorzieht. Und bei den anderen der 25 Millionen Ehrenamtlichen spielt Geld ohnehin meist überhaupt keine Rolle. Aber auch sie wollen etwas zurückbekommen.

„Für mich und für andere“

„Für mich und für andere“   – mit diesem Slogan wirbt das Familienministerium für die Freiwilligendienste und fasst damit die Erwartungen vieler ehrenamtlich Aktiver zusammen: Sie wollen etwas für andere tun, aber gleichzeitig sich selbst weiterentwickeln, Qualifikationen erwerben, eine erfüllende Tätigkeit ausüben. Viele Freiwilligendienste und Ehrenämter erfüllen diesen Anspruch – wer sagt denn, dass gelebte Nächstenliebe nicht auch Vorteile haben darf?

Ulrich Waschki