09.05.2017

Gab es die Diakonin?

Theologen diskutieren seit langem: Was ist der Unterschied zwischen einem Diakon, einer Diakonin oder einer Diakonisse? Und welche Auswirkungen haben biblische und frühchristliche Befunde auf die Gestaltung der Ämter heute?


Foto: kna
Vor einem Jahr feierte Papst Franziskus mit Diakonen aus aller Welt und ihren Familien einen feierlichen Gottesdienst auf dem Petersplatz. Foto: kna

 

Schon in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich die Internationale Theologenkommission mit Fragen zum Diakonat beschäftigt, 2002 hat sie ihre Ergebnisse vorgelegt. Dass Papst Franziskus im letzten Jahr erneut eine eigene Kommission eingerichtet hat, um die diakonischen Aufgaben speziell von Frauen in frühchristlichen Zeiten zu untersuchen, wurde von manchen als mögliche Öffnung des Diakonats für die Frau gewertet, andere haben klargestellt, dass es zunächst um die Frage geht, wie diese Ämter damals genauer ausgesehen haben und welche Begriffe dafür verwendet wurden; und dann erst, ob und wenn ja, wie diese Aufgaben für die heutige Zeit vergleichbar sind. 

Der frühere Bonner Dogmatikprofessor Karl-Heinz Menke gehört der zwölfköpfigen und gleichermaßen mit Frauen und Männern besetzten Kommission an. Zwei Treffen haben nach Auskunft von Menke bereits stattgefunden, eines davon in Anwesenheit des Papstes. Die nächste Sitzung der Sonderkommission, die nicht öffentlich berät, ist für Mitte September vorgesehen. Ob es noch in diesem Jahr zu einem veröffentlichten Ergebnis kommt, ist unwahrscheinlich. Erst dann wären – wenn überhaupt – in einem weiteren Schritt die konkreten Schlussfolgerungen an der Reihe.

Schon in frühchristlichen Gemeinden gab es Aufgaben für Frauen und Männer, die mit dem Wort „Diakon“ beschrieben oder zumindest weitergehend darunter verstanden wurden: vom Tischdienst und der Lebensmittelversorgung im Alltag – wie in der Lesung des heutigen Sonntags geschildert – bis zur Krankenpflege, Verwaltungsaufgaben, Diensten im Gottesdienst und in der Fürsorge für Bedürftige. Das Wort konnte unterschiedliche Aufgaben meinen – nicht nur im frühkirchlichen, sondern auch im politischen Amt. 

Die Lesung berichtet, dass es in der Gemeinde einen konkreten Bedarf gab, der zur Wahl „der Sieben“ geführt hat: Die Gemeinde wuchs, die Aufgaben und Bedürfnisse wuchsen mit. Dafür wurden dann Dienste geschaffen und institutionalisiert. In Theologenkreisen wird heute bezweifelt, dass „die Sieben“ direkt vergleichbar sind mit dem heutigen Diakonenamt und seiner Weihe.Auch die Theologie hat sich weiterentwickelt und die Frage nach Dienstämtern immer wieder neu thematisiert und weitergedacht. 

 

Diakone hatten im Lauf der Geschichte ganz verschiedene Aufgaben

Der „Diakon“ im Verständnis heutiger Theologie ist Teil des sogenannten „dreigliedrigen Weiheamtes“ aus Bischof, Priester und Diakon. Das Zweite Vatikanische Konzil hat vor 50 Jahren den Diakonat wieder als eigenständige Berufung entdeckt, während er viele Jahrhunderte seit der ersten Jahrtausendwende nur als Durchgangsdienst hin zum Priestertum verstanden wurde. 

Die Aufgaben, die Diakone übernahmen, waren dabei im Lauf der Geschichte und der jeweiligen Region ganz unterschiedlich. Nur ein paar Beispiele: Sie kümmerten sich um die Kranken, um den Lebensunterhalt, um gottesdienstliche Aufgaben; sie waren Hilfen für den Bischof in der Verwaltung und für karitative Aufgaben in den Gemeinden. So ist auch zu verstehen, dass zu diesen zum Teil sehr intimen Diensten auch Frauen selbstverständlich dazugehörten, etwa wenn es darum ging, in der Krankenpflege für andere Frauen da zu sein – oder Frauen, die bei Taufen von Frauen mithalfen, bei denen diese in einem Ganzkörperbad untertauchten und deren Körper gesalbt wurde.

Auch die Frage der „Weihe“ für solche Aufgaben hat sich im Lauf der Geschichte immer wieder gestellt und verändert: die Handauflegung durch die Apostel, die damit im Gebet die Vollmacht für bestimmte Aufgaben übertrugen, und die spätere sakramentale Weihe zum Diakonat: Inwieweit sind sie vergleichbar? 

Und was bedeutet es theologisch für das eine Weihesakrament, wenn das Priesteramt – zuletzt durch Papst Johannes Paul II. für die lateinische Kirche verbindlich erklärt – nur Männern offensteht, eine Diakonin oder Diakonisse aber ebenfalls „geweiht“ werden könnte? Was bedeutet es für die Ökumene, wenn der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, der für die gesamte orthodoxe Kirche in Afrika zuständig ist, gerade sechs Frauen zu Diakoninnen geweiht hat, die vor allem in den Bereichen Erwachsenentaufe, Ehevorbereitung und Katechese tätig werden? Inwieweit kommt es auf solche diakonische Tätigkeiten an, die bereits jetzt zum Teil auch von Pastoral- und Gemeindereferentinnen ausgeübt werden – und inwieweit kommt es auf die Bezeichnung „Diakon“ oder „Diakonin“ oder „Diakonisse“ an, auch wenn dies Auswirkungen auf die traditionelle theologische Sakramentenlehre hat? 

 

Der Rat des Paulus: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

Es sind noch viele Fragen offen. Auch unter den deutschen Bischöfen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, inwieweit weiter von einem möglichen „Diakonat der Frau“ gesprochen werden könne. Der jährliche bundesweite „Tag der Diakonin“ am Gedenktag der heiligen Katharina von Siena am 29. April erinnert daran, dass es zahlreiche Gläubige gibt, die noch Fragen haben und weiter stellen werden.

Es bleibt also noch viel zu tun: für Theologen und für Gemeindemitglieder, die die Auswirkungen dieser Diskussionen vor Ort am ehesten erleben. Fatal wäre es, wenn über die Diskussion die eigentliche Aufgabe eines Diakons vergessen würde: die Diakonie, die gemeinhin mit „Nächstenliebe“ übersetzt wird. 

Es geht um mehr als um Begriffe und Ämter. Es geht um eine Kirche, die ihrem diakonischen Ursprung verpflichtet ist und damit in den „Zeichen der Zeit“ bestehen will. In der teils hitzigen Debatte hat der Zweite Korintherbrief einen guten Rat: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ (3. Kapitel, Vers 6) Und der Geist wirkt in Kommissionen, in Kongregationen und im konkreten Alltagsleben.

Von Michael Kinnen