Die Markenhose, das neueste Handymodell – junge Leute wollen oft mithalten – und die Versuchungen im Alltag sind groß. Zudem haben viele von ihnen nicht gelernt, mit Geld richtig umzugehen. Die Schuldnerberatung der Bremer Caritas stärkt deshalb die Finanzkompetenz.
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Was heißt Hartz IV? Das erklärt die Caritas-Schuldnerberaterin Schülerinnen der Bremer Oberschule Rockwinkel. Foto: Anja Todt |
Hand aufs Herz: Wie viel Taschengeld gibt es denn im Monat? Die Neuntklässler zögern. Aber Caritas-Schuldnerberaterin Claudia Schmolke-Dreyer lässt nicht locker, bis der erste Schüler mit der Sprache herausrückt: 14 Euro. Jetzt trauen sich auch andere: 30 Euro, 40 Euro. Sogar ein Budget von 200 Euro ist dabei – Schuhe, neue Hosen oder eine Tasche, die ihr gefällt, muss die Schülerin davon nicht bezahlen. Eine 15-Jährige bekennt ganz offen, dass ihr Vater zwar Taschengeldregeln aufgestellt habe, aber wenn sie es darauf anlege, bekomme sie alles, was sie wolle: „Eltern sind beeinflussbar.“
Claudia Schmolke-Dreyer findet schnell heraus, dass die meisten Schüler mit ihrem Geld nicht haushalten müssen – und können. Viele Eltern versuchen, die Sehnsüchte ihrer Kinder zu erfüllen, auch wenn das den finanziellen Rahmen sprengt. Geld – darüber spricht man nicht? Der Bundesverband Deutscher Banken bestätigt, dass es unter Jugendlichen einen enormen Nachholbedarf beim Wissen rund um die Finanzen gibt: Fast die Hälfte aller 14- bis 24-Jährigen gibt zu, sich in Geldfragen gar nicht auszukennen.
Ausrechnen: Wovon lebt ein Hartz-IV-Empfänger?
Gerade deshalb ist es der Caritas-Schuldnerberaterin ein Anliegen, die Finanzkompetenz von Jugendlichen zu stärken und ein Zahlenverständnis zu wecken. Heute steht sie vor Neuntklässlern der Bremer Oberschule Rockwinkel, berichtet anhand von Beispielen, warum bereits junge Menschen sich überschulden und wie eine Beratungsstelle ihnen helfen kann. Da die Schüler einen Wahlpflichtkurs zum Thema „Geld regiert die Welt“ absolvieren, bringen sie einiges an Vorwissen mit. Neu ist für sie, sich einmal in die Situation eines Hartz-IV-Empfängers hineinzuversetzen und einen Haushaltsplan mit einem geringen Budget zu erstellen. Claudia Schmolke-Dreyer fragt die Mädchen und Jungen, wie viel sie von 374 Euro im Monat für Essen, Kleidung, Energie, Gesundheitspflege, Freizeit, Bildung oder öffentliche Verkehrsmittel ausgeben würden.
Eine weitere Übung: Die Schüler entwerfen ihren Wunschlebenslauf. Demnach wollen viele studieren und Auslandserfahrungen sammeln; mit Mitte 40 sehen sie sich im eigenen Haus mit „Mann, Kindern und Hund“, sind die Karriereleiter hinaufgeklettert und genießen schließlich den Ruhestand mit Enkeln oder „in zweiter Ehe“ auf Mallorca.
Mahnbriefe nicht zu öffnen, ist der falsche Weg
Claudia Schmolke-Dreyer kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wünsche und Wirklichkeit, sagt sie, klaffen manchmal weit auseinander. Denn was passiert, wenn Unvorhergesehenes passiert: wenn ein Partner arbeitslos wird, die Ehe scheitert oder das Auto auf Ratenzahlung bei einem Verkehrsunfall einen Totalschaden erleidet? Wenn also die Einnahmen die Ausgaben nicht mehr decken, die Mahnungen sich häufen, die Hausbank den Dispokredit kündigt und der Gerichtsvollzieher droht.
Die Beraterin hat schon viele (junge) Leute in die Schuldenfalle tappen sehen. Die Verführbarkeit sei groß, ebenso der Druck, bei Markenartikeln mitzuhalten. Getreu dem Motto „Ich kaufe, also bin ich“. Aus Angst und Scham öffnen viele Schuldner ihre Post nicht mehr. Der falsche Weg. Schmolke-Dreyer rät dringend, sich in einer solchen Notlage frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen. Sonst verstreichen Einspruchsfristen und zusätzliche Mahngebühren oder Zinszahlungen fallen an.
Anja Todt
Junge Schuldner
– Laut SchuldnerAtlas 2009 von „Creditreform“ können 128 000 junge Menschen unter 20 Jahren ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Das sind 75 000 Betroffene mehr als noch 2004.
– Auch die Verschuldung in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen hat zugenommen. Hier wuchs die Schuldnerzahl gegenüber 2004 um fast eine Viertelmillion (223 000). Die Versuchungen im Alltag sind groß: schicke Handys, iPods, Markenkleider oder schnelle Autos. Obwohl Kindern und Jugendlichen immer mehr Geld zur Verfügung steht, lernen die wenigsten, mit dem Geld zu haushalten.
– Ratgeber, zum Beispiel einen „Budgetkompass für Jugendliche“ oder „Mein Taschengeldplaner“ gibt es im Internet zum Herunterladen unter www.geldundhaushalt.de
– Weitere Tipps, zum Beispiel zum Führen eines Haushaltsplanes, sowie Adressen, Ansprechpartner und offene Sprechstunden der Bremer Caritas unter www.caritas-bremen.de
