02.08.2017

Pfadfinder

Gemeinschaft in der Natur

Was zeichnet einen Pfadfinder aus? Er ist gerne draußen, liebt Abenteuer und nimmt Rücksicht auf andere. Im Bistum machen bei den Georgspfadfindern 1100 Kinder und Jugendliche mit. Sie wissen, was sie können.

Ein Zeltlager in der Natur: Für einen Pfadfinder gibt es keine schönere Freizeitbeschäftigung. | Foto: privat

„Abenteuer, Lagerfeuer, Taschenmesser, Natur, Stockbrot“ – Sven Benkendorf kann eine Menge Schlagworte aufzählen, wenn er an die Pfadfinder denkt. Oder woran andere Menschen denken könnten, wenn sie nach ihrem Wissen über die Pfadfinder gefragt werden. „Viele haben auch Tick, Trick und Track aus den Mickey-Maus-Büchern im Kopf“, sagt er. Die drei Neffen von Donald Duck sind Pfadfinder beim „Fähnlein Fieselschweif“.

Benkendorf ist Mitglied in der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) und arbeitet als Diözesanreferent hauptberuflich für den Verband. Er will gar nicht gegen Klischees angehen. „Warum auch“, fragt er, „schließlich zeichnen all diese Schlagworte unsere Arbeit doch aus. Pfadfinder sind gerne in Gemeinschaft, ziehen durch die Natur, schlagen ihr Zelt unterwegs auf, erleben gerne Abenteuer.“ Das gelte auch für die rund 1100 Kinder und Jugendlichen, die in 13 Stämmen zwischen Papenburg und Gesmold in der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) organisiert sind.

Robert Baden-Powell, britischer Kavallerie-Offizier, rief 1907 die Pfadfinderbewegung ins Leben. Er hatte in Indien und afrikanischen Ländern gelebt, hatte kriegerische Auseinandersetzungen erlebt – und im Gegensatz dazu Kinder verschiedener Kulturen, die friedlich miteinander auskamen. Und das ist – neben aller Naturerfahrung – auch für heutige Pfadfinder ein wichtiger Punkt: Unlängst war eine Gruppe aus dem Bistum Osnabrück bei Pfadfindern in Polen zu Gast, vor kruzem französische Pfadfinder auf der Durchreise von einem Dänemarkaufenthalt in Oesede ein, zuvor hatten sie schriftlich Kontakt aufgenommen. „Wenn zwischen jungen Leuten mehrerer Länder Freundschaften entstehen, werden sie nicht Krieg gegeneinander führen“, sagt Benkendorf überzeugt.

„Die Freundschaften haben alle gehalten“

Unbeschwerte Gruppenstunde: Wölflinge toben vor dem Haus Maria Frieden in Rulle. | Foto: Matthias Petersen

Natur und Gemeinschaft – das hat vor knapp 15 Jahren auch Niklas Reiser aus Nordhorn sofort angesprochen. Seine ältere Schwester übernahm eine Gruppenleitung, Reiser war mit dabei. Dass er evangelisch und eigentlich in seiner Kirche beheimatet ist, hat ihn nicht gestört. „Bei den Pfadfindern habe ich Freunde gefunden, und diese Freundschaften haben über die Jahre gehalten“, sagt der 23-Jährige.

Damals lernte er auch seine Freundin kennen, mit der er heute zusammenlebt. Obwohl er längst in Münster studiert, hält er den Kontakt nach Nordhorn aufrecht – für ihn lohnt es sich. Deshalb hat er auch vor einiger Zeit den Vorsitz des Stammes übernommen.

1979 wurde der Nordhorner Stamm gegründet, heute gehören rund 60 junge Leute dazu. Bei den 14- bis 16-Jährigen, die Altersstufe wird Pfadfinder genannt, klafft eine Lücke. Aber die Wölflinge (bis zehn Jahre), die Jungpfadfinder (bis 13 Jahre) und die älteren Rover (bis 18 Jahre) sind gut aufgestellt. Niklas Reiser ist gerne draußen, da kam es gelegen, dass der Stamm ein Gelände im Industriegebiet übernehmen konnte. Dort entstanden im Laufe der Jahre verschiedene Hütten, Grillplätze und eine feste Feuerstelle. „Das hat mich schon immer fasziniert und da fühle ich mich geborgen“, sagt Reiser. Und er erzählt begeistert von einem Zeltlager zu Pfingsten mit 4000 Teilnehmern. Plötzlich setzte ein Platzregen mehrere Zelte unter Wasser. „Wir haben uns gegenseitig geholfen, jeder hat mit angefasst“, sagt er. Er mag dieses soziale Gefühl – und dass jeder den anderen annimmt, so wie er ist.

Gegenüber dem Haus Maria Frieden in Rulle tobt eine Horde Kinder. Sie spielen ein wildes Spiel, dessen Regeln dem Beobachter verborgen bleiben. Aber als Mathias Brörmann sie zusammenruft, sind sie gleich zur Stelle. Jeden Freitagnachmittag kommen sie hier zusammen, um eine unbeschwerte Stunde miteinander zu verbringen.

„Im Zeltlager hat man keine Eltern am Hals“

Was sie an den Pfadfindern so toll finden, können sie schnell auf den Punkt bringen. „Feuer machen“, sagt Maxi und erklärt gleich, wie das geht: „Man reibt ein Messer an einem Magnesiumstein und lässt die Funken auf ein Blatt fallen. Das fängt dann an zu brennen und steckt zum Beispiel gut Baumrinde an. Wir haben das alle schon mal gemacht.“ Ben fährt gerne ins Zeltlager. Warum? „Man macht viel zusammen. Und man hat keine Eltern am Hals“, sagt der Neunjährige. Eine Gruppe definiert sich durch das Zusammensein, manchmal aber auch durch Abgrenzung. Die Ruller Wölflinge sind sich jedenfalls einig: „Wir wollen keine Messdiener sein“, sagen sie freimütig.

Unbeschwert geht die Gruppenstunde weiter, das ist den Verantwortlichen wichtig. Natürlich muss es auch mal ernste Themen geben, aber in erster Linie sollen die Kinder locker an das Pfadfinderleben herangeführt werden. Ob Sterne deuten oder Kompass lesen – es scheinen altmodische Dinge zu sein, für die mancher die Pfadfinder aber sicher insgeheim bewundert. „Warum auch nicht, den Kindern macht es Spaß, weil es in der heutigen Zeit mal was anderes ist“, sagt Mathias Böhmann.

Gerne gehen die Pfadfinder eigene Projekte an, beschäftigen sich eine Weile lang intensiv mit einem Thema. Die Kinder in Rulle werden sich demnächst um Ausgrenzung kümmern, um Rassismus und Populismus. Manchmal haben es die Kinder schon am eigenen Leib erfahren.

Matthias Petersen