16.03.2017

Religionsunterricht an Berufsschulen

Geschützter Raum für Schweres

Religionsunterricht in der Berufsschule soll die Lebenswirklichkeit der Schüler treffen und Themen behandeln, die mit ihrer Welt zu tun haben. Das kann klappen, meinen Anna Brümmer und Ludwig Berg.

 

Schülern wertschätzend begegnen, lautet die Devise im Religonsunterricht an Berufsschulen. Foto: fotolia

Fastenzeit, Karwoche, Ostern – was im kirchlichen Jahreskreis ansteht, wird auch im Religionsunterricht in der Berufsschule thematisiert. Darüber hinaus versucht Lehrerin Anna Brümmer (35) in ihrem Unterricht an der Marienhausschule in Meppen, Themen aufzugreifen, die zum Alltag der Schülerinnen passen. Brümmer, die Religion und Pflege unterrichtet, hat es in den verschiedenen Berufsfachschulklassen zum Beispiel mit angehenden Erzieherinnen oder künftigen Altenpflegerinnen zu tun. Je nach Fachrichtung bringt sie unterschiedliche Themen in den Religionsunterricht ein.

Wenn zum Beispiel das Thema Tod und Trauer behandelt wird, geht es im Religionsunterricht bei den Erzieherinnen darum, wie man mit Kindern über den Tod sprechen kann. Die Altenpflegerinnen sprechen über Einschränkungen und Würde und was zu den nötigen Dingen gehören könnte – zum Beispiel die Krankensalbung. Wann rufe ich den Priester und was muss ich vorbereiten, damit er im Zimmer eines Bewohners die Krankensalbung würdevoll spenden kann? „Wer weiß denn schon, wie man ein Versehtablett herrichtet?“, sagt Anna Brümmer.

Auch Lehrer Ludwig Berg versucht, im Unterricht einen Ansatzpunkt zu finden, der mit der Lebensrealität der heutigen Jugendlichen zu tun hat. Bei Berg, der an der Berufsschule Brinkstraße in Osnabrück unterrichtet, könnte das beispielsweise das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg sein. Sie arbeiten verschieden lang, erhalten am Ende aber alle den gleichen Lohn. Ist das gerecht? Und was ist eigentlich gerecht? Es sei spannend, mit den Elektrotechnikern darüber zu diskutieren.

Religionsunterricht biete die Chance, über den Tellerrand des Fachlichen hinauszublicken, sagt Berg. Vor kurzem hat er mit den jungen Leuten zum Beispiel über den Entführungsfall Jakob Metzler gesprochen. Als der Junge noch als vermisst galt, bestand für die Polizei die Hoffnung, ihn noch lebend zu finden und zu befreien. Dem Verdächtigen, der das Lösegeld abgeholt hatte, drohte ein Polizist Folter an. Das ist in Deutschland verboten – und so wurde der Ermittler später zu einer Geldstrafe verurteilt. War das richtig?

Der Unterricht soll alle Schüler ansprechen. Wie kann das klappen?

Schon entsteht eine Debatte über Moral und Gewissensentscheidungen. So gut es sei, Diskussionen zu aktuellen Themen zu führen, so wichtig sei es auch, dass Religionsunterricht nicht zum reinen Politikunterricht werde, sagt Ludwig Berg.

Der 63-Jährige ist seit 1981 als katholischer Religionslehrer im Schuldienst und hat einige Veränderungen erlebt. In den 1980er Jahren habe es an der Berufsschule noch katholischen und evangelischen Religionsunterricht gegeben. „Da hat man in zwei Parallelklassen etwa 25 bis 35 katholische und 20 evangelische Schüler gehabt und einen eigenen konfessionellen Unterricht erteilt.“

Inzwischen erteilt Berg konfessionell-kooperativen Religionsunterricht. Die Schülerinnen und Schüler, die er in der Klasse hat, gehören verschiedenen Konfessionen und auch Religionen an. Der Unterricht soll gläubige christliche Schüler ebenso ansprechen wie konfessionslose oder muslimische Schüler. „Wie kriege ich das hin?“, sei jedes Mal die spannende Frage.

„Wir unterrichten als katholische Lehrer“, betont Anna Brümmer. Das sei im besten Fall auch im Schulalltag erkennbar. Zum Beispiel dadurch, dass den Schülern mit einer wertschätzenden Haltung begegnet werde, dass man sie auf dem Flur freundlich grüße, persönlich anspreche, ein offenes Ohr für sie habe. Es gehe auch darum, sensibel zu sein für Situationen, in denen man nicht sofort zur schulischen Tagesordnung übergehen könne, beispielsweise, wenn ein Unglück geschehen ist oder ein Todesfall zu beklagen sei. Dann müsse im Religionsuntericht der geschützte Raum sein, um darüber sprechen zu können. Ludwig Berg stimmt zu und sagt: „Das Fach Religion kann man nicht ohne eigene religiöse Anbindung unterrichten.“

Andrea Kolhoff