Katholikentag in Mannheim

Gute Stimmung, scharfe Worte

Das Ringen um den künftigen Kurs der Kirche und Debatten um einen fairen Umgang mit Mensch und Natur prägen den Katholikentag in Mannheim. An vielen Stellen der Innenstadt symbolisieren große rote Rucksäcke das Motto «Einen neuen Aufbruch wagen».

Erzbischof Zollitsch bei der Eröffnung des Katholikentags
Erzbischof Robert Zollitsch ist nicht nur Vorsitzender der Deutschen Bischofs-
konferenz, als Freiburger Bischof ist er auch Gastgeber des Katholikentags
in Mannheim.

Der Katholikentag hatte am Donnerstag seine inhaltliche Arbeit aufgenommen. Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisierte scharf den derzeitigen Zustand der katholischen Kirche. Erzbischof Robert Zollitsch verurteilte ein ungebremstes Wirtschaftswachstum und eine verbreitete Wegwerfmentalität.

Lammert kritisierte, in seiner Kirche regiere heute Stagnation statt Aufbruch und Dogmatik habe Vorrang vor der Seelsorge. Die Laien seien faktisch entmündigt, und die deutschen Bischöfe gäben ihre Einsichten «an der Klosterpforte des Vatikan» ab. Auch Priester und Ordensleute, die im offiziellen Programm auftraten, mahnten Reformen an.

Die Veranstalter zogen am Donnerstagmittag eine positive Zwischenbilanz. Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) wiesen Kritik an dem Treffen in Mannheim zurück. Sowohl der Kölner Kardinal Joachim Meisner als auch Reformgruppen und der Theologe Hans Küng hatten sich kritisch zu dem Christentreffen geäußert. ZdK-Generalsekretär Stefan Vesper sagte, Kritik von außen solle nicht die Thematik des Katholikentags bestimmen.

Der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki zeigte sich dankbar über die Aufdeckung des Missbrauchsskandals Anfang 2010. Unrecht müsse öffentlich benannt werden, sagte er. Er nannte Missbrauch «zutiefst böse». Zugleich wies Woelki die Einschätzung zurück, dass zölibatär lebende Männer dafür besonders anfällig seien. Nach den Worten des Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, ist der Skandal noch lange nicht aufgearbeitet. «Das Thema ist nicht durch», so der Trierer Bischof.

Mehrere Bundespolitiker äußerten sich «sehr besorgt» über die Entwicklung in Ägypten. Unionsfraktions-Chef Volker Kauder sagte, es stehe «auf der Kippe», ob der arabische Frühling zu einem arabischen Winter werde. Fast 70 Prozent der neuen Parlamentsmitglieder seien Muslimbrüder und Salafisten. Dies werde sich zwangsläufig auf die Ausgestaltung der Verfassung auswirken. Der menschenrechtspolitische Sprecher der Bundesregierung, Markus Löning, sagte, die Revolution dürfe nicht zu einem Klima der Angst führen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte neue soziale Regeln für Europa. Der Finanzkrise könne nur mit europaweiten Mindestlöhnen, Mindeststeuersätzen und Bankenregulierung begegnet werden.

Menschen bei der Eröffnung des Katholikentags
"Wohin" geht die Kirche, fragen sich manche Gläubige beim Katholikentag.

Der zweite Tag des Treffens begann am Vormittag mit einem feierlichen Gottesdienst unter freiem Himmel. Am Fest «Christi Himmelfahrt» kamen bei strahlendem Sonnenschein 17.000 Menschen am Mannheimer Schloss zusammen. In der ganzen Stadt läuteten die Glocken. Fahnen, Plakate und rote Katholikentagsschals prägten das Bild.

In seiner Predigt rief der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch zu einem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen auf. «Wir spüren, dass unser Lebensstil nicht zukunftsfähig ist», so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Der Glaube könne zeigen, dass es «eine Wirklichkeit hinter der Oberfläche des Materiellen» gebe.
(kna)