Ansgar war anders, als ihn sich die Romantik ausgemalt hat

Held oder Versager?

Am 3. Februar vor 1150 Jahren starb der heilige Ansgar. Das Leben und Wirken des Missionars hat sein Schüler Rimbert in der „Vita Anskarii“ überliefert. Doch wer war Ansgar wirklich? Fragen an Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg.

 

Ansgar-Darstellung auf der Hamburger Trostbrücke. Copy-
right: Archäologisches Museum

Wie kommt Ansgar durch die Überlieferung zu uns?

Einem der vielen geschichtlichen Zufälle ist es zu verdanken, dass Ansgar nicht namenlos geblieben ist. Die „Vita Anskarii“ von Rimbert hat die Zeiten überdauert, es gibt sie nicht mehr im Original, aber Abschriften in mehreren Versionen. Rimbert beschreibt nicht nur die Missionstätigkeit, sondern auch Kindheit und Jugend des Benediktinermönchs, der mit fünf Jahren als Halbwaise von seinem Vater ins Kloster Corbie in der Picardie gebracht wurde. Als er mit 64 Jahren starb, war er ein bedeutender Kirchenfürst. Allerdings: Für einen Heiligen musste er Wunder vollbracht oder das Martyrium erlitten haben. Rimberts Anliegen war es deshalb auch, das Leben Ansgars als ein einziges Martyrium darzustellen. Sein ganzes Leben stellt demnach ein einziges Scheitern dar. Denn eigentlich hatte Ansgar nichts erreicht. Er hat nicht einen König bekehrt. Keine der Kirchen, die er erbaut hatte in Hamburg und Haitabu, Ribe und Birka, hatten dauerhaft Bestand. Das erste Bistum in Schweden wurde fast 300 Jahre später gegründet.

Wie hat Ansgar in Hamburg gelebt?

Die meiste Zeit war er auf Reisen. Hamburg war Missionsstandort, von dort aus sollte Ansgar den Norden, die dänischen Wikinger, bekehren.

War Reisen nicht gefährlich?

Ja! Als Ansgar 830 von Haitabu nach Schweden reiste, fuhr er auf Schiffen von Händlern, so berichtet es Rimbert. Kurz vor Birka wurden sie von Wikingern überfallen und ausgeplündert. Ansgar verlor alle seine Gastgeschenke, Reliquien, Bücher. 40 Bücher soll er dabeigehabt haben, das ist eine veritable Bibliothek für die damalige Zeit. Dieses Ereignis wirft ein Schlaglicht auf die Beschwerlichkeit und Gefahr solcher Reisen. Aber Ansgar war nie wie ein Händler ganz allein unterwegs. Und als Missionar im Auftrag  von Kaiser Ludwig dem Frommen konnte er vermutlich privilegierter reisen, vor allem mit Schiffen über die Flüsse. 

834 kam er nach Hamburg. Wie sah diese Stadt damals aus?

Rund um die Hammaburg war damals wohl schon eine feste Siedlung. Nach Ende der Sachsenkriege war Hamburg schon rund 30 Jahre christianisiert. Es gab sicher eine kleine Kapelle. Zu ihr gehörte bestimmt eine Glocke. Vorher hatten sich die Menschen nach dem Sonnenstand gerichtet. Mit der Christianisierung einhergeht der Glockenschlag, der Stundenschlag, der den Tagesablauf der Menschen plötzlich regelte.
Ansgar kam also in eine kleine Ansiedlung, die mit seiner Ankunft plötzlich zum kirchlichen und politischen Zentrum Nordelbiens wurde. Der hiesige Adelige, Graf Bernhard, wird gewiss frühzeitig Kunde von seinem Kommen erhalten und seine Infrastruktur zur Verfügung gestellt haben, vielleicht auch ein Haus. Ansgar wird mit einem kleinen Tross gereist sein, im Gepäck Gastgeschenke, liturgische Ausstattung und Bücher. Es ist sogar denkbar, dass er die für den Kirchenbau benötigten Glocken mit dabeihatte.
Ansgar war gerade 33 Jahre alt, also kein Jungspund mehr, sondern ein gestandener Mann mit langer Lebenserfahrung. Man wurde damals 50, und mit 65 war man schon Methusalem. Ansgar war, davon kann man ausgehen, ein bekannter Kirchenmann, als er nach Hamburg kam. Er stand in einem brüderlichen Verhältnis zu Kaiser Ludwig dem Frommen. Unter der schützenden Hand des Kaisers stand der Mönch, er gehörte zu seinen besten Männern, und der Missionsauftrag war für ihn eine Auszeichnung:  Er sollte das Wort Gottes vom nördlichsten Punkt des Fränkischen Reiches aus zu den Heiden noch weiter nördlich bringen. Das war strategisch und kirchenpolitisch ein bedeutsamer Posten. Aber Ansgar war nicht Bischof in Hamburg, sondern  Missionsbischof, eine Art Titularbischof ohne eigenes Bistum. Erst mit 43 Jahren, als er 845 beim Wikingerüberfall nach Bremen geflüchtet war, wurde er dort zum Bischof ernannt.

Wie muss man sich Ansgars Mission praktisch vorstellen?

Die Mission verlief von oben nach unten, über die Fürsten, Häuptlinge und Könige, die den neuen Glauben dann ihren Untertanen aufdrückten. Deshalb verkehrte Ansgar bei seinen Reisen stets mit den Königen und Fürsten. Mit der Missionierung einherging die politische Unterwerfung: Das Land wurde tributpflichtig gemacht. Das Kreuz war immer durch das Schwert begleitet. Insofern muss man die Slawenaufstände und Überfälle der damaligen Zeit sehen: als Aufbegehren gegen die Tributpflicht. Und symbolisch wurde dabei immer die Kirche und die Glocke als Erstes zerschlagen.

Wer war Ansgar? Wie sehen Sie ihn als Historiker?

Ansgar war ein mutiger Mann. Es gehörte Mut dazu, in jener Zeit auf Reisen zu gehen. Er war sprachgewandt, er kommunizierte ja auf seinen Reisen. Er muss fließend Latein gesprochen haben, ebenso Fränkisch, er sprach mit dem dänischen König und mit dem Papst in Rom. Er war weltgewandt, ein weitgereister Mann, der dennoch Bescheidenheit ausstrahlte. So beschreibt Rimbert, wie Ansgar in Haitabu Fischernetzte flickte und einfach unter den Menschen lebte. Aus der „Vita Anskarii“ spricht zudem eine unendliche Bewunderung Rimberts für seinen Lehrer. Sonst findet sich in der historischen Überlieferung kein kritisches Wort, was ungewöhnlich ist. Ansgar muss ein zutiefst überzeugter, religiöser Mensch gewesen sein, Machtgehabe war ihm fremd, und das Scheitern seiner Mission muss ihn unheimlich belastet haben. Und Ansgar hat Hamburg ins Licht der Geschichte geführt. Durch seine Entsendung als Missionar an die Elbe wird Hamburg erstmals schriftlich erwähnt. Alles ist somit geschichtlich auf ihn zurückzuführen. Ansgar und Hamburg, das gehört zusammen.

Interview: Monika Sendker