16.07.2017

Eine Jugendhilfe-Einrichtung und das Gleichnis vom Sämann

Hundertfache Frucht

Auf dem Hof Obermeyer im Teutoburger Wald betreut der Sozialpädagoge Franz Schuten viele Kinder und Jugendliche. Wenn er sieht, wie sie erwachsen werden, fühlt er sich an das Gleichnis vom Sämann erinnert.


Foto: Adolphs
Sozialpädagoge Franz Schute betreute schon Hunderte Kinder und Jugendliche. Foto: Philipp Adolphs

 

Am Waldrand in Hagen am Teutoburger Wald steht ein Jahrhunderte alter Fachwerkhof. Umgeben von hohen Bäumen grenzt eine Wiese an die Häuser. Darauf zwei Ziegenböcke, die genüsslich am Gras knabbern – unbeirrt von den vielen Kindern, die Ball spielen, eine alte Holzschaukel nutzen oder einen der Hofhunde ausführen.

Diese ländliche Idylle ist ein geschützter Ort „für Kinder, die es nötig haben“, sagt Franz Schuten. Seine Familie betreibt hier seit 25 Jahren eine Jugendhilfeeinrichtung. Dort gibt es Platz für 42 Kinder, 13 Pferde, einen Esel, drei Hunde, Ziegen, Kaninchen und ein Huhn. Die restlichen Hühner hat der Fuchs geholt, erklärt Schuten. Das eine hat überlebt, weil es sich immer seine eigenen Verstecke gesucht hat.

Auch die Kinder und Jugendlichen, die auf dem Hof leben, haben hier einen sicheren Ort gefunden. Sie sollen eigenständige, mündige Erwachsene werden. Dabei hilft ihnen neben der behüteten Umgebung auch das Leben in einer Art Großfamilie mit geregeltem Tagesablauf. Als sich der gebürtige Emsländer Schuten und seine Frau Christiane vor gut 30 Jahren dazu entschieden, gemeinsam in der Sozialpädagogik zu arbeiten, lebten sie zunächst mit zwei ihrer inzwischen fünf Töchter und sechs weiteren Kindern, die über das Jugendamt vermittelt wurden, in einer Lebensgemeinschaft.


Einige Kinder bleiben über Ostern und Weihnachten

Zunächst wohnten sie in Dissen am Teutoburger Wald. „Diese Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren hatten einen so großen Nachholbedarf an Familie, dass sie uns zur Großfamilie gemacht haben – und wir haben uns darauf eingelassen“, sagt Schuten. Und: „Durch unsere kleinen Kinder sind die Jugendlichen in eine besondere Rolle gekommen und mit ihnen wie mit Geschwistern aufgewachsen.“

1992 schließlich machten sich die Schutens selbstständig und zogen nach Hagen. Seitdem ist der Jugendhof Obermeyer stark gewachsen, mittlerweile arbeiten bis zu 50 Mitarbeiter auf dem Hof. Die Plätze für Kinder seien sehr gefragt. Heute gibt es mehrere Standorte, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen im Alter von vier bis 18 Jahren entsprechen. Ein guter Boden, um in geregelten Verhältnissen aufzuwachsen.

Manche Kinder fahren jedes Wochenende zu ihren Eltern, andere bleiben jahrelang auf dem Hof. Das vorrangige Ziel sei es, dass die Kinder zu den eigenen Eltern zurückkehren könnten, erklärt Schuten. Manchmal funktioniert das. Manchmal aber auch nicht. In regelmäßigen Elterngesprächen erfährt Schuten von psychischen Erkrankungen in den Familien. Viele sind nicht in der Lage, ihre Kinder zu erziehen. Daher bleiben einige Kinder sogar über Ostern und Weihnachten bei den Schutens.

Das religiöse Leben in der Familie sei „traditionell, aber wenig institutionalisiert“. Vor dem Essen gibt es ein Tischgebet. Vor dem Zubettgehen fordern Kinder bisweilen, dass Schuten mit ihnen bete. Immer wieder hätten sich Kinder taufen lassen.

Manche Jugendliche hat der Pädagoge zur Firmvorbereitung oder zum Konfirmandenunterricht gefahren. Einmal im Monat geht es zum Gottesdienst. Rund fünf Kinder kämen dann mit, um im Mehrgenerationenchor zu singen. Im Zeltlager der Gemeinde knüpfen Kinder Kontakte, denen das in der Schule schwerfällt. Insgesamt werde die Erziehung „von Menschen geprägt, die eine Haltung haben“, sagt Schuten. Die Orientierung an Werten sei für ihn das Wichtigste in der Erziehung – wenngleich die nicht christlich geprägt sein müsse. Schließlich habe er auch muslimische Kinder zu betreuen.

Das Wohnzimmer des groß gebauten Mannes mit den gewellten grauen Haaren wird von zwei zotteligen Hunden bewacht. Die Kinder sind an diesem Vormittag in der Schule. Hin und wieder durchqueren Familienmitglieder den Raum, sagen Hallo.

„Das Gleichnis vom Sämann spricht mich schon sehr an“, sagt Schuten, der neben Sozialpädagogik auch einige Semester Theologie studiert hat. Ob der Samen der Erziehung auf guten Boden fällt, hängt stark davon ab, ob die Kinder generell ansprechbar sind. Oder biblisch gesprochen: ob sie Ohren haben, zu hören. Drei Botschaften will er den Kindern mit auf ihren Weg geben.

1. Die Basis: „Du bist Teil deiner Familiengeschichte!“ An der Wurzel zu arbeiten bedeutet, jedem Jugendlichen klarzumachen, wo er herkommt. Das Kind soll Erfahrungen mit seinen Verwandten machen, selbst, wenn die zerstritten sind.

2. Das Miteinander: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Den Nächsten zu lieben ist dabei die „leichtere Übung“ – sich selbst zu lieben, „eine Herausforderung“ für die Kinder.

3. Die Eigenständigkeit: Verantwortliche Entscheidungen treffen und selbstbestimmt zu werden, bedeutet, dass das Kind sich als Teil einer Gemeinschaft versteht. Das schließt Rücksichtnahme ein, aber auch die Erkenntnis: „Ich bin eine autonome Person, es ist mein Leben!“


Manchmal fällt ein Samenkorn auf nicht so guten Boden

Letztlich gehe jedes Kind seinen eigenen Weg. Und der „kann auch ein verhängnisvoller sein“, sagt Schuten. Manche Heranwachsende wenden sich ab, wenn sie 18 werden. Sie nehmen Drogen, trinken Alkohol, begehen Straftaten. Gänzlich verloren, wie ein Samenkorn, das auf einen Felsen fällt, sind diese Menschen für Schuten aber keinesfalls. „Es ist nicht so schwarz und weiß“, sagt er, „Manchmal fällt ein Samenkorn auf nicht so guten Boden, es passiert lange gar nichts und dann wächst eine sehr schöne Pflanze“; sprich: ein selbstbewusster, lebensfroher Mensch.

Von Philipp Adolphs