Interview mit Schauspielerin Lea van Acken

"Ich habe ihr ganz viel geschrieben"

Am 3. März startet der Kinofilm "Das Tagebuch der Anne Frank". Für Hauptdarstellerin Lea van Acken war der Film eine Herausforderung. Über den Druck, Anne in der Rolle gerecht zu werden, und warum sie ihr Briefe schrieb, spricht sie im Interview.

Anne Frank starb mit 15 Jahren im KZ Bergen-Belsen. Foto: kna-bild

Vor zwei Jahren waren Sie zum ersten mal in dem Film „Kreuzweg“ zu sehen. Darin spielten sie das Mädchen Maria, das glaubt, einen Opfertod sterben zu müssen. Jetzt spielen sie die Anne Frank, ein Mädchen, das sich über zwei Jahre verstecken muss und doch von den Nazis ermordet wird. Hatten sie keine Angst, an den Rollen zu scheitern?
Ich bin an „Kreuzweg“ sehr viel naiver herangegangen, weil ich noch so gar keine Ahnung hatte. Aber es hat funktioniert, obwohl ich oft gedacht habe: schaffe ich das jetzt?! Bei Anne war der Druck teilweise noch größer und es gab Morgende, da dachte ich, ich schaffe es nicht.  Aber ich hatte meine Eltern im Hintergrund und natürlich Hans Steinbichler. Ohne ihn als Regisseur hätte es wahrscheinlich nicht funktioniert. Ich habe Anne mit so viel Herzblut gespielt, dass ich so auch Zweifel überwinden konnte. Es gab Momente, wo ganz tolle Dinge passiert sind, wo ich Dinge gespürt habe oder Überraschungen passiert sind und dann waren die Zweifel auch wieder weg.

 

Was wussten sie vorher von Anne Frank? Wie haben sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich kannte den Namen Anne Frank, habe das Tagebuch aber erst vor dem Casting zum ersten Mal gelesen. Als ich wusste, dass ich die Rolle bekomme, hatte ich einen Riesenrespekt. Einen Riesenrespekt, überhaupt das Tagebuch noch einmal zu lesen. Ich dachte, ich kann mir nicht anmaßen, mich so in die Gedanken und Gefühle eines Mädchens meines Alters, die so ein Schicksal erlebt hat, reinzulesen. Und da habe ich angefangen, Briefe an Anne zu schreiben, um einen Bezug aufzubauen und ihr etwas von mir zu erzählen. Ich habe ihr ganz ganz viel geschrieben. Weil ich es dann okay fand, auch etwas von ihr zu lesen und zu versuchen, mich in sie hineinzuversetzen.

Ich war mit meiner Familie in Amsterdam, im Hinterhaus. Ich war in Bergen-Belsen, habe mit meinen Großeltern über die Zeit gesprochen und habe versucht, alles aufzusaugen, was ging.

 

Die Hauptdarstellerin des Kinofilms:
Lea van Acken. Foto: Marco Heinen

Der Krieg ist über 70 Jahre her. Wie findet man als junger Mensch heute einen Zugang zu diesem Kapitel deutscher Geschichte?
Für mich war diese ganze damalige Zeit immer sehr unwirklich. Wir haben zuhause darüber gesprochen und wir haben in der Schule darüber gesprochen. Aber ich hatte nie einen Bezug dazu. Ich dachte immer, so etwas Schreckliches kann nicht passiert sein. Natürlich wusste ich, dass es passiert ist. Aber ich konnte es mir nicht vorstellen. Erst durch Anne und die Auseinandersetzung mit dem Film und der Geschichte habe ich einen ersten Bezug bekommen. Ich glaube, jede Generation muss ihren eigenen Zugang zum Thema finden.

 

Wie meinen sie das?
Ich habe das Gefühl, dass zum Beispiel bei meinen Mitschülern das Interesse da ist, über die damalige Zeit zu reden. Wenn man das mit Büchern, Geschichten, Filmen und Informationen fördert, dann können junge Menschen einen ganz individuellen Bezug aufbauen.

 

Die Familie Frank war auf der Flucht vor den Nazis. Was kann uns der Film über die Flüchtlingssituation heute erzählen?
Die Geschichte der acht Hinterhausbewohner zeigt, wohin dumpfe Fremdenfeindlichkeit und Rassismus führen. Auch wenn meine Generation nichts mehr direkt damit zu tun hat, sollten wir uns dessen immer bewusst sein. Die Geschichte muss deshalb einfach immer wieder erzählt werden.

 

Sie spielen Anne Frank als lebhaftes Mädchen, als eine Neugierige, die keinem Konflikt aus dem Weg geht, bisweilen sogar aufsässig ist und sich nicht den Mund verbieten lässt. Wie viel von dieser Anne Frank steckt auch in Lea van Acken?
Wir hätten uns wahrscheinlich gut ergänzt. Es hört sich vielleicht komisch an, aber ich beobachte auch gerne Menschen, versuche dahinter zu kommen, was sie denken. Oder: Wieso handeln die jetzt so?! Und ich bin ein lebensfroher Mensch. Aber wir sind auch unterschiedlich, obwohl ich gar nicht genau sagen kann, auf welche Art. Ich glaube, wir wären ein gutes Dreamteam gewesen.

 

Anne Frank mit ihrer Schwester Margot auf den
Knien des Vaters. Die Familie war vor den Nazis
in die Niederlande geflohen. Foto: kna-bild

Ist Anne Frank eher Freundin, Schwester oder Vorbild?
Natürlich ist sie ein Vorbild. Ich habe große Bewunderung für sie. Bewunderung für ihren Mut, für ihre Hoffnung und ihr Schreibtalent. Für ihre reifen Gedanken. Sie hat mich sehr inspiriert, obwohl sie in meinem Alter war.  Aber ich würde sie eher als Freundin bezeichnen. Wegen der Briefe. So wie sie an Kitty schreibt, habe ich Anne geschrieben. Und ich konnte mir immer gut vorstellen, wie sie neben mir in der Klasse sitzt und wir die anderen beobachten. Ich hätte mich wahnsinnig gerne mit ihr einen Tag lang über alles Mögliche unterhalten.

 

Im Film wird Annes Pubertät und ihr erstes Verliebtsein stark akzentuiert. Normalerweise ist das etwas, was  – beim Dreh waren sie noch 16 Jahre alt –  eher unangenehm ist. Wie ging es ihnen damit?
Es gab schon Momente, wo ich erst dachte, hoffentlich wird mir das nicht unangenehm. Zumal ich ja noch nicht so viel schauspielerische Erfahrung habe, um eine Routine zu haben. Aber das war nachher weg. Die Kussszenen mit Leonard Carow, der den Peter gespielt hat, zum Beispiel. Wir haben uns beim Dreh einfach sehr gut verstanden. So war das dann auch gar nicht mehr schlimm. Und ich finde es wichtig, dass wir es erzählt haben. Dass wir Anne in all ihren Facetten, die auch das Tagebuch ausmachen, gezeigt haben.

 

Einige wenige Szenen beschäftigen sich auch mit dem jüdischen Glauben. Inwieweit ist es für sie als Katholikin leicht oder auch schwer, die gläubige Seite der Anne Frank zu entdecken? 
Für Anne war der Glaube ja nicht zentral. Sie hat zwar in ihrem Tagebuch gefragt, warum Gott das alles zulässt. Doch vor allem hatte sie über ihre Eltern einen Bezug zur Religion. Natürlich war es für mich etwas ganz Neues, Chanukka zu feiern. Aber beim Spielen war das Religiöse sehr viel weniger wichtig als zum Beispiel bei der Rolle der Maria in „Kreuzweg“.

 

Welche Rolle spielt Religion für sie persönlich?
Da bin ich noch sehr in einer Entwicklung. Mit meiner Familie gehe ich manchmal in die Kirche, klar. Ich bin gefirmt und das fühlt sich richtig an, aber vielleicht muss ich da noch mehr einen persönlichen Weg finden.

 

In Amsterdam erinnern heute das Anne-Frank-Haus
und eine Statue an das Schicksal des jüdischen
Mädchens. Foto: kna-bild

Eines der stärksten Bilder des Films ist, als ihnen der Kopf geschoren wird. Es ist eine Szene von großer Brutalität. Haben sie gezögert, das mitzumachen?
Für mich war es klar, dass ich das als Schauspielerin einfach dem Film und Anne schenken muss, dass ich etwas opfern muss. In dem Moment war es dann nur ein Akt der Brutalität und Entweiblichung. Das war unglaublich schrecklich. Es war aber auch eine Erfahrung für mich, die ich sonst wahrscheinlich so nie gemacht hätte. Ich finde es gut, dass wir diese Szene haben.

 

Wenn man so jung zwei so große anspruchsvolle Rollen spielt: Was soll denn da noch kommen?
Ich habe große Lust weiterzumachen. Es sind zwei ganz besondere tolle Rollen und ich bin sehr dankbar, dass ich das in meinen jungen Jahren mitmachen durfte. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Aber ich glaube, es gibt für mich noch viel zu entdecken und auszuprobieren.

Von Marco Heinen