20.09.2017

Ein Mann, der umkehrt

"Ich war so dumm"

„Der Ruchlose soll seinen Weg verlassen, der Frevler seine Pläne“, mahnt Jesaja. Für den israelischen Fußballrowdy Dudi Misrachi hat der Satz praktische Bedeutung bekommen. Er hat seinen Weg verlassen und will auch andere mitnehmen.


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Den Fanschal seines Vereins trägt Dudi Misrachi weiterhin
mit Stolz. Dem Hass hat er abgeschworen. Foto: epd-bild

Dudi Misrachi ist Fußballfan. Das Emblem seines Vereins Beitar Jerusalem mit der Menorah, dem siebenarmigen Leuchter, hat er sich auf den Rücken tätowieren lassen. „Ich gehe heute noch jede Woche ins Stadion“, sagt der 27-Jährige. Nur nicht mehr mit den alten Freunden – den radikalen Beitar-Fans „La Familia“. Bei ihnen gilt Misrachi als Verräter.

„La Familia“, das bedeutet Hass auf die Araber. Wenn Beitar gegen den erfolgreichen arabischen Club Bnei Sachnin spielt, dann tobt der östliche Flügel im Stadion, wo die radikalen Beitar-Fans sitzen. „Tod den Arabern“ ist der Standardslogan von „La Familia“. Bis vor wenigen Jahren gehörte Dudi Misrachi zu „La Familia“. „Ich war so dumm“, sagt er heute.

Zigtausende strömen jeden Samstagabend ins Jerusalemer Teddy-Stadion. Fast alle tragen die gelb-schwarzen Farben der Vereinstrikots. Im Alter von zwölf Jahren war Dudi zum ersten Mal dabei. Damals lebte der Sohn zweier behinderter Eltern schon lange im Heim. „Wir waren zu fünft im Zimmer“, erinnert er sich und daran, dass die anderen Kinder die Süßigkeiten klauten, die ihm seine Mutter an den µWochenenden mitbrachte.

Zusammen mit einem Freund ist er eines Abends abgehauen, um ins Stadion zu gehen. „Wir bettelten die Leute an, damit wir uns ein Ticket kaufen konnten.“ Jerusalem gewann das Spiel mit 2:1 gegen Haifa. Der Junge war begeistert. Zum ersten Mal fühlte er sich einer Gruppe zugehörig.

Misrachi erzählt seine Geschichte an Schulen und Lehrerseminaren. Er ist schlank, trägt Jeans, ein faltenlos gebügeltes hellblaues Hemd und Vollbart. „Mein Bart gibt mir Sicherheit“, sagt er lächelnd und streichelt sich über das Kinn.


20 000 Menschen sangen seine Lieder

Ein paar der Schüler kichern, als Misrachi mit leicht übertriebenem Pathos auf sie einredet. „Ich lernte, wie aus Samen Blumen werden“, sagt er und hört sich dann doch fast an wie ein Prediger. Die rund 100 Elftklässler, die sich in der Aula von Hartuv versammelt haben, hören ihm trotzdem aufmerksam zu.

Schon mit 13 wurde Dudi zum ersten Mal verhaftet. Beitar spielte gegen Hapoel Tel Aviv, das Stadion tobte. Als die Fans von „La Familia“ anfingen, Steine auf die Anhänger der gegnerischen Mannschaft zu werfen, griffen die Beamten den Jungen und verfrachteten ihn ins Untersuchungsgefängnis.

Seit der Verhaftung verpasste Dudi kein Spiel mehr. Als der Vater ihm 400 Schekel (100 Euro) in die Hand drückte, damit sich der Junge ein Paar neue Schuhe kauft, nahm er das Geld und ließ sich dafür den Rücken tätowieren. „Ich begann, Verse über den Klub zu schreiben. 20 000 Leute sangen meine Lieder.“ Je radikaler er für den Verein und gegen alle anderen vorging, desto höher stieg er auf in der Hierarchie von „La Familia“.

Die Jahre der zweiten Intifada erschütterten Jerusalem. In der Stadt wuchsen Angst und Zorn, es gab viele Tote auf beiden Seiten, Israelis wie Palästinenser. Dudi hasste die Palästinenser. „Ich hab’ die Nussschalen immer extra auf die Erde geworfen, denn die Putzfrau war eine Araberin.“ Erbarmen, verzeihen – das waren Fremdworte für ihn.


Sechsmal landete er hinter Gittern

Als Beitar Jerusalem zwei muslimische Spieler aus Tschetschenien engagierte, lief „La Familia“ Sturm. „Sie haben über uns das Todesurteil verhängt“, hieß es in einer Erklärung der Fans. Erst boykottierte „La Familia“ eine Reihe von Spielen, am Ende brannte das Vereinshaus.

Kurz darauf heiratete Dudi Misrachi und bekam einen Sohn. Die Familie zog aufs Land. Als er einen Job bei einem Verpackungsunternehmen fand, bei dem auch Palästinenser angestellt waren, begann er umzudenken. Langsam bekam er einen anderen Blick, denn Tag für Tag trafen sich Juden und Muslime bei der Arbeit und redeten miteinander. Kollegen eben.

„Ich verdiente 200 Schekel (50 Euro), meine arabischen Kollegen aber nur 70 (18 Euro) pro Tag“, erzählt Misrachi und schüttelt noch heute den Kopf über die Ungerechtigkeit. „Dort habe ich kapiert, dass die Araber auch große Probleme hatten, nicht nur ich.“ Misrachi macht eine kurze Pause und redet wieder lauter auf die Schüler in der Aula ein: „Am Ende sind wir alle Menschen.“

Für den jungen Familienvater kam diese Erkenntnis zu spät. Sechsmal war er hinter Gittern, bis heute hängen ihm Vorstrafen und hohe Bußgeldschulden an. Die Ehe ging darüber kaputt, seinen Sohn sieht er nur noch sporadisch. „Lasst euch nicht in die Irre führen“, mahnt er die Schüler, „geht nicht meinen Weg.“

Dass er es selbst endlich geschafft hat, eine andere Richtung einzuschlagen, macht ihn stolz. Und Gott – so erzählt es zumindest Jesus in seinem Gleichnis – schaut sowieso nicht darauf, wie lange jemand falsch gelaufen ist, sondern nur darauf, dass er umkehrt. Er belohnt den, der spät in den Weinberg gekommen ist, genauso wie den, der schon lange dort arbeitet. Insofern mag es für Dudi Misrachi für die weltliche Justiz zu spät sein; Gott hingegen ist, wie Jesaja sagt, „groß im Verzeihen“, und für ihn können die Letzten die Ersten sein.

Von Susanne Knaul